Verkehrsknotenpunkt

Natürlich hatte er sich keine großen Gedanken gemacht, war ganz in seine mentalen Fallstricke versunken gewesen und hatte, ohne auch nur den leisesten Zweifel an seinem Tun zu haben, schon einige Schritte auf dem Zebrastreifen zurückgelegt, als er das harte Bremsen eines Opel Meriva direkt neben sich hörte. Der Wagen kam keine fünf Zentimeter vor seinem rechten Schienbein zum Stehen. Verwundert blickte Herr Nipp die ältere graubelockte Dame hinter dem Steuer an, fast ungläubig, dass er dem nächsten Krankenhausaufenthalt noch mal so eben von der Schippe gesprungen war. Ein Duell der Augen in Augenblicken. Die Frau, wahrscheinlich eine rüstige Rentnerin, kurbelte das Fenster herunter beziehungsweise betätigte den Knopf für die automatische Fensteröffnung, lehnte sich leicht nach links, so dass ihr Kopf fast herausschaute.

Er wusste, was nun folgen würde, natürlich eine Entschuldigung epischen Ausmaßes, in der die vermutete Rentnerin, deren Alter er auf um die 80 schätzte, sicherlich fast untertänig darstellen würde, dass sie es noch nicht gewohnt sei, dass gerade an dieser Stelle seit einigen Jahren sich ein Zebrastreifen befinden konnte. Sie würde mit großem Bedauern feststellen, dass sie so schnell auf die ehemalige Kreuzung, die nun ein Kreisverkehr war, zugerast sei, mit Freude entschieden verkünden, dass doch eigentlich noch einmal alles gutgegangen wäre. Herr Nipp würde ganz nonchalant über dieses Versehen hinweggehen, das Vergehen tatsächlich entschuldigen und mit einem Lächeln würden sich beide Parteien im Weitergehen und Fortfahren trennen. Vielleicht, dachte Herr Nipp tatsächlich, würde sich auch aus dem Geschehen ein nettes Gespräch entspinnen, in welchem per Zufall auch noch eine weitläufige Verwandtschaft oder über Umwege eine Bekanntschaft mit seinem längst verstorbenen Vater festgestellt werden könnte.  In Momenten wie diesen kann, so sagt es der Volksmund, ja alles passieren. Das Unmögliche gibt es nicht, denn was nicht ist, ist möglich, was ist jedoch, ist, so dass nur das, was nicht ist, möglich ist. Aber das hatte er schon tausendmal durchgekaut und der Gedanke war bekanntlich von den Einstürzenden Neubauten geklaut, die ihn sicherlich auch irgendwo geklaut hatten und er war sich sicher, auch hier würde der Zufall aus einer im wahrsten Sinne verfahrenen Situation etwas Schönes gewinnen, einen Extrakt der Wirklichkeit.

Ihr Kopf kam ein Stück aus dem Fenster heraus, der Arm wurde, wie früher bei Opelmantafahrern üblich, auf den Rahmen gelegt: „Pass doch mal auf, junger Mann,  wo du hergehst!“

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