Ich sitze im Stau fest. Im Auto. Vor und hinter mir eine ungezählte Reihe anderer Fahrer mit ihren Gefährten, Menschen auf einem riesigen, kilometerlangen Parkplatz, die wissen, hier sollten sie nicht stehen. Meist mit ihren Umständen hadernd. Vor allem aber mit denen da vorne, die den Stau verursachen. Wo auch immer, eben an der entscheidenden Stelle. Sie grollen den anderen, würden diese gerne treffen. Dabei nehmen die Gedanken manchmal gewalttätige Züge an. Selten nur denkt jemand mitleidig daran, dass die Verursacher ja gerade Leid erfahren. Vermute ich jedenfalls.Ob es mir auch so geht?
Ich habe derzeit die Ruhe weg, kann jede begründbare Verzögerung gebrauchen. Jede Minute, die ich später komme, ist eine geschenkte. Aber ich spiele mit, natürlich, spiele die Verzweiflung eines Eilenden, der Termine einzuhalten hat. Die Finger trommeln den Takt der im Radio laufenden Popmusik nach, können die Gleichmäßigkeit nicht halten. Immer schon wurde mir Taktlosigkeit bescheinigt. Musikalisch wie sozial. Das Trommeln wird drastischer mit jeder Minute, macht einfach Spaß. Auch das Wissen, dass der Sound aus dem Äther nicht mit meinen neuen Klopfmel(d)odien mitkommt. Ich beginne gegen die Musik an zu arbeiten. Irgendwann werde ich zu dem Punkt gelangen, dass mein Metrum den der vorgegebenen Klänge wieder eingeholt hat, dann wird über einige Minuten, eher aber nur Sekunden, eine Übereinstimmung zu erzielen sein. Für einen Außenstehenden wäre dies sicher eine Harmonie, für mich eher Langeweile.
Das Auto steht bereits seit einer viertel Stunde. Diese Bewegungsunmöglichkeit einer im Bewusstsein der Mobilität lebenden Gesellschaft ist es, was die Aggressionen fördert. Die Minuten verstreichen wahrscheinlich kontinuierlich, physikalisch besteht keine andere Möglichkeit zur Zeit, es sei denn, sie wäre Umständen ausgesetzt, die unserer Realität entgegenlaufen, so etwa bei Lichtgeschwindigkeit. Aber das kann ich nicht genau beschreiben, obwohl einige Physiker in den letzten Jahrzehnten mir immer wieder erklärt haben, welches Verhältnis Zeit und Geschwindigkeit zu einander haben. Wenn Zeit also genauso gebeugt und gestaucht werden kann, wie der Raum, von dem die meisten Menschen ja bekanntlich auch denken, er sei immer so, wie er ihnen scheint, dann stellt sich mir die Frage, ob es tatsächlich so etwas wie Naturgesetze der Physik gibt. Vielleicht sind sie ja wirklich nur bezogen auf unsere Lebenssituation hier auf der Erde richtig. Wer im Stau sitzt, verliert sich immer wieder in solche Gedanken, vielleicht denkt er auch über seine Mitmenschen nach, den Job oder was auch immer, die Gedanken drehen sich im Kreis. Die gefühlte Zeit, nur als Gemeinplatz, dehnt sich, sobald man sie im Ruhezustand wahrnimmt.
