Sau durchs Dorf

Da wird alle paar Monate eine neue sogenannte Challenge gestartet. Manchmal mit guter Absicht. In diesem Fall mit sehr guter, aber leider nicht zu Ende gedacht. Bäume sollen gepflanzt werden. Super. Aber im Herbst wenn die Blätter noch nicht gefallen sind? Wenig nachhaltig, denn infrage kommen zu dieser Zeit nur Kübelpflanzen, meist mit hohem energetischem Aufwand, dem Verbrauch von viel Kunststoff sowie Ressourcen und mit Einsatz von Pestiziden aufgepäppelt. Auch die Institution von Herrn Nipp ist ernannt worden Die Kollegen haben ihn gefragt, ob er nicht schnell mal eben einen Apfelbaum besorgen könne, er kenne doch einen Baumschuler. Erst hat Herr Nipp sehr reserviert reagiert. Nach einigen Minuten ist ihm eine gute Idee gekommen: der Apfelbaum wird in der Baumschule ausgesucht und dort belassen. Wenn die Blätter gefallen sind, kann die wurzelnackte Bioware gerodet und an eine neue Stelle gepflanzt werden. Und der Baumschuler macht gerne mit und lässt die zwei Bäume, für die sich die Kollegen entschieden haben, bis zum Umsiedeln auf seiner Fläche bei Wennigloh gut behütet stehen.Und wer weiß, vielleicht nehmen sich dies auch andere zum Vorbild: statt blind lieber bedacht.

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Missverständnis

„Das finde ich so cool an den Sauerländern“, meint ein Freund, „dass ihr aussprecht, was andere nur zu denken Wagen.“ „Hm.“ „Ihr macht ein Stadtfest und sagt deutlich, worum es sich handelt. Steht sogar auf dem großen Plakat.“ „Hm.“ „Na, da vorne, siehst du? Fresseckenfest. Super. Total ehrlich, du. Würde sich selbst bei uns in Berlin niemand trauen. Da heißt es dann Streetfoodfestival.“ „Schön.“ meint Herr Nipp, „aber wenn du lesen könntest: es heißt Fresekenfest.‘

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Vom Kippen

“Scheiß Schwerkraft!“, hört er hinter sich eine junge Frau fluchen. Ihr ist das gerade erworbene Stück Kuchen vom Tablett gefallen. Wahrscheinlich hatte dieses sich unbemerkt langsam in eine Schieflage begeben und dann irgendwann beim Transport zum Tisch zum Fall angesetzt. Der Fall als Folge des Kippens, ein sowohl aktiver als auch passiver Vorgang. Das Kuchenstück wurde von der Schwerkraft nach unten gezogen und hat offenbar keinen Halt gefunden und damit wurde es gleichzeitig auch zum kurzen Flug gezwungen. Andererseits kippte das Stück auch, weil es keinen Halt fand oder die allgemeine Statik nicht stimmt, aktiv um. Es hätte damit den Fall selbst verursacht. Egal, denkt Herr Nipp im Umdrehen, die Folge ist schlimm, nicht nur, dass die Sahnetorte auf dem Fußboden zu einem abstrakten Gemälde verformt wurde oder einfacher gesagt, in seine formbaren Massenanteile zerlegt ist, Teile wurden auch an seine Hose geschleudert.

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Lieblingsplätze

Jeder hat so seine Lieblingsplätze. Er selbst sitzt gerne auf dem schwarzen Ledersofa zum Lesen, auf jener Bank am Wald, um Ruhe zu haben, am Gartenteich, wenn es warm ist. Herr Nipp hat so einige Orte, an denen er sich gerne aufhält, nicht nur jene der Bewegungslosigkeit. Die Nachbarskatze besetzt gerne die Kissen auf der Terrassenbank zum Dösen oder Schlafen. Im Winter liegt sie neben dem Kaminofen und lässt sich durch nichts stören, wenn es dabei leise bleibt und im Sommer liegt sie gerne unter dem Farn, weil es dort etwas kühler ist. Tja, und die Winkelspinne sitzt am liebsten im Kellerflur direkt neben dem Lichtschalter.

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Klangteppich

Seit früh morgens sitzt er im Wohnzimmer, hat ein Buch vor sich und eine Brille auf der Nase. Er hat eine Scheibe von Aphex Twin aufgelegt, einem, so vermutet er jedenfalls, britschen Künstler, der in schon lange mit diesen seltsamen Rhythmen und Tönen begleitet. Keine CD, das ist klar, die wird es hier nur sehr selten zu hören geben, sondern eine Vniyl. Der Audiokünstler hat seine Songs auf drei Platten verteilt. Sehr großzügig, denn alle zwanzig Minuten muss der Zuhörer aufstehen und wenden, wenn er nicht dieses hochzarte Klack alle zwei Sekunden in Hintergrund haben möchten, weil die Nadel in ihrer Leerrille keinen anderen Klang findet. Gerade hat er ein Kapitel fast beendet, da ist die Scheibe auch schon wieder am Ende angekommen. Mit einem Freund streitet er oft und beharrlich über die Vor- und Nachteile von CDs, Schallplatten und Streaming. Das Wichtigste scheint Herrn Nipp dabei immer dieser ganz besondere Klang, dafür steht er gerne auf, alle paar Minuten, wenn es denn sein muss. Aber letztlich muss ihm der Tonträger oder -vermitteler der Situation angemessen sein, da ist sogar er pragmatisch. Diese Musik von Aphex Twin ist ihm mehr als Hintergrundrauschen, dafür ist sie auch meist zu komplex. Diese Musik hilft ihm dabei, Bilder zu den Texten, die er liest, zu erschaffen. Wald als Wort ist dann tasächlich ein Wald mit knackenden Ästen und all den Geräuschen, die es dort zu hören gibt, obwohl diese elektronische Musik doch so gar nichts damit zu tun hat. Wort und Klangteppich gemeinsam aber schaffen eine Atmosphäre, die er beim Lesen nicht missen möchte. Gleich wird er irgendwann auch die sechste Seite gehört haben, dann wird er das in weißen matten Karton gefasste Werk wieder an seinen Platz stellen, wird eine ganz andere Msuik zum Frühstück auswählen und sich einen heißen Kakao machen, der passt zu diesem frühen, kühlen und klaren Oktoberwetter.

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