Das Böse ist immer da

Nein, er hatte wirklich nichts Schlimmes im Sinn. Einfach nur einen Granatapfel öffnen und eingerührt in Quark, gesüßt mit etwas Honig essen. Nicht mehr, nicht weniger.

Mit seinem größten Küchenmesser schnitt er deshalb die Außenhaut an, wollte einmal die Teilung am Äquator probieren. Normalerweise hatte er bisher die leckeren Früchte von oben nach unten angeritzt und sie dann auseinandergebrochen, das garantierte wenige der gefährlichen roten Spritzer und viele heile rote Körner.  Einmal hatte er sogar weiße Früchtchen vorgefunden, die sich dann als bitterliche Sauerkeit herausstellten.

Ein Bekannter hatte allerdings vor kurzer Zeit gemeint, man könne noch einfacher öffnen, wenn der Äquator angeritzt werde. Das allerdings sollte sich als schlechtes Gerücht herausstellen. Herr Nipp musste die Fingernägel tief in die Frucht treiben und trotzdem passiert nicht viel, die Außenhaut riss auf und legte eine Reihe Früchte frei, verbunden mit den anderen Verletzungen der Schale ergab sich ein trauriges Gesicht mit Träne. Sofort stieg ein Gesicht in ihm auf. Das traurige Männlein wurde vom Bösen verfolgt und das sollte, ganz Zombiefilm, ein trauriges Ende nehmen.

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Provinzmarkt – oder die drei Königinnen

Samstags kann man Herrn Nipp normalerweise früh schon auf dem Kleinstadtmarkt finden. Die Bauern der Umgebung bieten dort ihre eigenen Produkte an, aufgepeppt mit Zukäufen aus aller Herren Länder. Auch Fleischwaren, Fisch und Käse sind dort erhältlich. Ein meist etwas grantiger Pilzzüchter hat seinen Stand dort in einer Ecke aufgebaut. Zur Saison bietet der auch Spargel an. Das Angebot wird abgerundet durch die Blumen und Pflanzenhändler, Kurzwaren nicht zu vergessen. Ein Honigstand findet sich auch meistens und mehrere Bäcker, die den Waffelduft in die Welt schicken und Kunden wie Motten anlocken. Der Unterschied ist, dass die Konsumenten dort nicht vor Hitze platzen.

Da es an diesem Samstag allerdings recht kalt ist, der erste Markt im neuen Jahr, haben nicht alle Stände ihren Platz gefunden, anders gesagt sind nicht alle Händler gekommen, machen wohl auch mal ihren wohlverdienten Urlaub. Herr Nipp hatte den frühen Morgen am Schreibtisch verbracht und erst gegen halb zwölf findet er den Weg in die Stadt. Er braucht eine Steckrübe für das Mittagessen und einige Eier, da er am nächsten Tag Waffeln backen muss. An den wenigen Ständen sind einige Produkte ausverkauft. Glücklicherweise kann er das Wurzelgemüse noch auftreiben. Vor allem die mittelgroßen braunen Eier aber sind beim besten Willen nicht mehr aufzutreiben. Sieben Stände, auf die normalerweise immer Verlass ist, können nur noch große oder gar sehr kleine anbieten, aber das ist niemals gut für Rezepte. Beim Streifen an den verschiedenen Verkaufsorten vorbei nimmt er gerade mal einen Anbieter wahr, der noch vier Stück auf dem Brett hat. Davor drängen sich drei wirklich alte Damen. Ihre Gesichter zeigen jedes gelebte Jahr, die Körperhaltung auch. Ein Gezeter lässt viele der Besucher aufhorchen.

Man kann sich gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn sich drei Alte darum streiten, wer nun als erste bedient werden soll. Der arme hilflose Verkäufer entscheidet sich natürlich für die Falsche. Er muss sich derbe Sprüche um die Ohren hauen lassen, mit denen er wohl nicht gerechnet hat. Herr Nipp sieht ihn auch zum ersten Mal hier. Das Gesicht zeigt pure Angst. Sie streiten sich um eben jene vier Eier, die auch Herr Nipp gerne erworben hätte.  

Die bevorzugte Kundin lässt sich zufrieden alle vier in eine Schachtel stecken, die sie selber mitgebracht hat. Sie grinst ganz stoisch, blickt den beiden anderen herausfordernd in die Augen. Die drehen sich unter Protest um und lassen den völlig konsternierten Jungen zurück. Wer ein solches Gesicht schon einmal gesehen hat, der weiß, wie er sich wohl fühlen muss. Schon allein das Wissen, mit dieser Entscheidung den Standbesitzer um zwei treue Kundinnen gebracht zu haben, scheint ihn ganz ehrlich zu bedrücken. Er blickt diesen an, der nur säuerlich die Schultern hebt, sich dann umdreht und feist grinst, ohne dass der Andere dies bemerkt.

Auf dem Rückweg sieht Herr Nipp die drei Alten einträchtig neben einander gehen. Sie unterhalten sich angeregt. Lachen und feixen. Die drei wohnen zusammen und machen sich gerne einen Spaß mit neuen Verkäufern.

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Haar in der Suppe finden

Bei all der Silvesterbegeisterung, den Krachern und all den innigen Umarmungen sollte man eines nicht grundsätzlich verdrängen. Hier ist der allgemeine Hang zur Nörgelei gemeint. Über absolut alles gibt es etwas zu meckern. Ja, auch über die Lautstärke der Chinaböller, die entweder zu leise oder viel zu laut daherkamen. Die Höhe der Raketenflüge und wie klein doch die Fontänen waren. Gut, insgesamt sollte man sich nicht allzu sehr beschweren, war doch das Feuerwerk als Ganzes durchaus in Ordnung. Außerdem hatte er wirklich seinen Spaß gehabt, auch wenn die handgerollte Zigarre aus der Dominikanischen Republik zum Zünden ihn fast umgehauen hätte.

Ja, auch das Essen hatte Herrn Nipp nicht nur durchaus geschmeckt, kein Haar in der Suppe zu finden. Nach über drei Stunden Gevölle paste in keine Ecke mehr irgendetwas. Die vielen Köstlichkeiten mundeten. Da standen auch selbst geröstete süße und salzige Mandeln auf den Tischen, Saltimbocca (hoffentlich wird das so geschrieben), Hackfleischbällchen, die verdächtig nach Knoblauch rochen und himmlich schmeckten. Rohkostsalat mit einer unglaublichen Tunke aus Blauschimmelkäse, Crème fraîche und Walnüssen, selbstgebackene Nussbrote, eine leckere kalte Kartoffelpaste, mit Käse und Hack überbackene Baguettes, mächtiges Kartoffelgratin, Nudelsalat nicht zu vergessen. Die Buffettische hatten sich gebogen, alles hier aufzuzählen wäre fast unmöglich. Eine Vorspeise aus geräucherter Forelle mit Dill hatte gleich zwei Mal den Weg zu ihm gefunden. Jeder hatte seine besten Rezepte herausgekramt und alles gegeben. Dazu lecker trockener Wein aus den südlichen Gebieten Europas.

Gegen 0 Uhr hatte jemand eine Magnumflasche feinsten Chardonnay-Sekts aus dem Kühlschank geholt, die schnell geleert war. Überblick über die verschiedenen Stadtteile aus riesigen Panoramafenstern. Die Stimmung wie immer ganz gemütlich und gut. Viele Gespräche und überall Kinder, die durch alle Ecken krabbeln (naja, dafür waren sie eigentlich schon zu alt). Das anschließende Knallen mit einem kleinen Zwischenfall, weil die Hecke brannte. Sonst gab es nichts auszusetzen. Gegen drei dann auf dem Heimweg, immerhin gut 300 Meter, meint der Begleiter:“Sollen wir nicht lieber ein Taxi nehmen?“

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Irgendwas mit Murmeltieren

Der Tag hat ihn wieder einmal mit seiner unglaublichen Kürze überrascht, tatsächlich ging die Sonne irgendwann wohl auch auf, hat sich über der Horizontlinie gezeigt und ist ebenso irgendwann dann einfach heimlich verschwunden. Wahrscheinlich hat der Himmel auch für einige Momente in den herrlichsten Farben geleuchtet, so wie es ein frühwinterlicher Himmel abends eben macht. Aber gesehen hat Herr Nipp davon so rein gar nichts.

Wohl ist er früh morgens aufgestanden, hat einen langen Anruf bekommen, mit der ganz dringenden Aufforderung, nun doch endlich mal die gestern zugesandten Dokumente zu bearbeiten, damit die nun doch mal in den Druck gehen können. Er hat sich daran gesetzt, all die über achtzig Seiten durchzuarbeiten, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und wahrscheinlich den einen oder anderen Text auch umformuliert, um es gelinde zu beschreiben. Er musste einfach die Texte neu formulieren, den Sinn wohl erhaltend, aber manches geht aus formalen oder stilistischen Gründen so überhaupt nicht. Es gibt Texte, die so missverständlich klingen, dass man sie eigentlich einfach in die Mülltonne werfen sollte, aber das ist hier nun so gar nicht angezeigt gewesen. Schließlich durften die bekannten Eitelkeiten ja nicht verletzt werden. Den ganzen Tag über hat er sich also damit beschäftigt, was all die anderen Menschen so verbrochen haben.

Wie gesagt, er ist im Dunkel aufgestanden. Als seine Arbeit erledigt ist, muss er feststellen, dass die Rollläden immer noch nicht hochgezogen sind, es sich jetzt allerdings auch gar nicht mehr lohnt, dieses zu tun. Es ist also wieder dunkel – sehr dunkel draußen, denn aus irgendweinem Grund scheinen die Straßenlaternen auch nicht zu funktionieren. Weiterhin bemerkt er ein seltsames Gefühl in der Magengegend, also nichts mehr mit Sport, er muss erst irgendwo Essen auftreiben. Die Schuhe stehen draußen im Treppenhaus dieses ziemlich verkorksten alten Mietshauses und unglaublicher Weise hat niemand sie weg genommen oder zumindest an einen anederen Ort gestellt. Irgendwas stimmt hier nicht.

Auf der grünen Jacke ist neuerdings ein roter Fleck, woher der stammt, weiß nun wirklich niemand. Die Handschuhe, die innen mit Pelz gefüttert sind, haben seit dem gleichen Termin einen langen Riss im Bereich der Handbeuge. Wenn er doch nur wüsste, was an jenem verflixten Tag passiert war.

Als auch der Schal gefunden ist, der übrigens neuerdings ein gerissenes Loch aufweist, macht er sich auf den Weg. Schon vor dem Haus muss Herr Nipp einen kurzen Plausch mit einem der Nachbarn führen. Der hat einen kleinen Hund mit Dauerwellfrisur. Das Tier wackelt eher als es geht und wirkt sehr alt. Der Nachbar bietet einen Schluck aus dem Flachmann gegen die gerade einsetzende Kälte an. Solch ein Angebot darf niemand ablehnen. Es sei doch sehr nett gewesen, dass Nerr Nipp in den letzten Tagen die Spaziergänge übernommen habe. Welche Spaziergänge, denkt letzter. Mit Sicherheit hat der etwas seltsame Nachbar wohl schon einen zu viel im Frack.

Schon wenige Meter weiter trifft er einen alten Bekannten, seltsamerweise führt auch der einen Flachmann mit sich, als sei dies gerade eine neue Modewelle, die bisher so völlig an Herrn Nipp vorbeigezogen ist. Immerhin ist das Fläschchen mit einem durchaus passablen Singlemalt Whiskey gefüllt, 12 Jahre gelagert, angeblich im Fass. Einige Schritte tun die beiden zusammen und tauschen sich über die letzte Woche aus, die intensiven Gespräche, für die sich der alte Bekannte bedankt. Herr Nipp ist mal wieder sehr verwundert, was er da zu hören kriegt. Da muss wohl eine Verwechslung vorliegen. Er kann sich beim besten Willen nicht erinnern, wann das denn gewesen sein soll. Aber man sollte die Menschen immer bei ihrem Glauben lassen, das macht sie glücklich.

Kurz vor seinem Lieblingsimbiss, der von einem Menschen unbekannter südländischer Herkunft geführt wird, begrüßt ihn sein Bankberater, mit dem er meistens nur telefonischen Kontakt hat, wenn der ihm mal wieder ein suspektes Wertpapier andrehen will. Der kommt noch mit in die Pizzeria, gibt einen Grappa aus und schwärmt von den wertvollen Tipps, die Herr Nipp ihm letzte Woche doch gegeben habe. Wann? Was für Tipps denn eigentlich? So langsam wird er doch nervös, was soll da alles passiert sein? Der Besitzer des kleinen Schnellrestaurants zeigt sich spendabel, nicht nur, dass er das Nudelgericht auf Kosten des Hauses laufen lässt, weiterhin erhält der Gast ein weiteres hochprozentiges Getränk, das einen leichten Anisgeschmack verbreitet. Inzwischen fühlt sich Herr Nipp doch gut aufgewärmt.

Drei weitere Gäste kommen herein und begrüßen ihn stürmisch, sofort stehen weitere Getränke auf dem Tisch, er habe schließlich ihre bröckelnde Freundschaft gerettet. Wie kann ein einzelner Mensch schon die Freundschaft von drei Erwachsenen retten? Herr Nipp stellt sich diese Frage nur ganz kurz. Dann erscheint eine Frau mit Kind. Die aus der hintersten Ecke des Verstandes (bei all den bisherigen Geschehnissen allerdings gar nicht so abwegig) aufkeimende Befürchtung, er sei der Vater, macht sie allerdings sofort zunichte. Sie bedankt sich aber, dass er unter Einsatz der eigenen Gesundheit den Jungen vor dem herannahenden Lastwagen gerettet hat. Gut eingewickelt in buntes Papier überreicht sie ihm eine Flasche Doppelkorn. Auf dem Rückweg versperren einige Jugendliche das Weiterkommen, werden allerdings sofort freundlich, als sie erkennen, wer da kommt, nehmen die angebotene Flasche auch gerne in Empfang und teilen sogar. Es sei doch so toll, dass er einfach auf sie zugegangen sei und eine Perspektive geboten habe, jetzt hätten sie endlich wieder Mut für die Zukunft.

In der weiteren Zeit dieses Abends begegnet Herr Nipp noch einigen Menschen, die, immer verbunden mit einem gebrannten Getränk, ihre besondere Wertschätzung kundtun. Ein offensichtlicher Obdachloser, eine Buchhändlerin, auch ein Journalist mit Kamera.

Irgendwann ist er ins Bett gekommen, wer weiß schon wann.

Der Tag hat ihn wieder einmal mit seiner unglaublichen Kürze überrascht, tatsächlich ging die Sonne irgendwann wohl auch auf, hat sich über der Horizontlinie gezeigt und ist irgendwann dann einfach heimlich verschwunden. Wahrscheinlich hat der Himmel auch für einige Momente in den herrlichsten Farben geleuchtet, so wie es ein frühwinterlicher Himmel abends eben macht. Aber gesehen hat Herr Nipp davon so rein gar nichts. Wohl ist er früh morgens aufgestanden, hat auch einen langen Anruf bekommen und mit ganz dringenden Aufforderung, nun doch endlich mal die zugesandten Dokumente zu bearbeiten, damit die auch endlich in den Druck gehen können. Er hat sich daran gesetzt…

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Die Kiste XIII

Als Herr Nipp mit ganz verwirrtem Kopf sehr früh morgens in die Kiste greift, faltet sich ein großer Bogen in seine Hand, als wolle endlich mal ein fertiger Gedanke in die Freiheit entlassen werden.

„Prolog auf dem Theater: Drei Sprecher sitzen am Bühnenrand, alle tragen eine weiße Maske, ganz klassisch, wie man es früher im griechischen Theater hatte, aber ganz normale Sachen sonst. Jeder sitzt für sich allein, jeweils zwei Meter getrennt. Sie haben die Köpfe getrennt, ca. 20 Sekunden Schweigen. Dann erhebt der erste Sprecher den Kopf und spricht die anderen an, das Publikum auch.   

1.       1. Sprecher:           Wir haben versucht, unser eigenes Theaterstück zu schreiben. Warum hat es nicht funktioniert?

2.       2. Sprecher:           Wir haben versucht, unser eigenes Theaterstück zu inszenieren, warum hat es nicht funktioniert?

3. Sprecher:           Wir haben versucht, unser eigenes Theaterstück zu zeigen, warum hat es nicht funktioniert?

1.      1. Sprecher:           Haben wir es denn wirklich versucht, haben wir uns denn wirklich darauf eingelassen? Oder haben wir zu sehr gezaudert?

2.       2. Sprecher:           Wir hatten Angst davor, uns zu blamieren, Angst, dass die Leute über unser Stück lachen würden. Nicht weil es lustig ist, sondern eher peinlich. Wir hätten ihnen allen ihre Masken vom Gesicht reißen sollen und was haben wir wirklich gemacht? Alles ist eine fade Soße geblieben, weil wir einfach nur das erfüllt haben, was Schülertheaterstücke eben so machen.

3.       3. Sprecher:           Also haben wir die üblichen Problemchen aus der Kiste unserer falschen Eitelkeit hervorgekramt, n bisschen Ausländerproblematik, ein bisschen Drogenmissbrauch, ja, natürlich durfte auch die Liebe nicht fehlen, aber eigentlich hatte das doch alles recht wenig mit uns zu tun. Ja, nichts mit dem, was uns wirklich angeht.

1.       1. Sprecher:           Das ist ja wieder typisch, die Jahre vorher hat es immer geklappt, da haben die Literaturkurse sich irgendeine Komödie genommen, einen fertigen Text und wir müssen selber schreiben. Als wenn wir sowas können, das geht gar nicht.

Pause für einige Sekunden, aus dem Publikum steht eine weitere Figur auf, reißt sich seine Maske vom Kopf und zertrümmert sie auf dem Boden.

4.       4. Sprecher:           Genau das ist unser Problem, Alter. Wir haben Angst und verstecken uns hinter so einer altertümlich faden Inszenierung, lasst uns noch mal von vorne beginnen, mit mehr Mut. Lass uns doch mal vergessen, was die beiden Lehrer gesagt haben. Die Langeweiler, Alter. Oh, scheiß drauf, was die wollen, wir nehmen einfach unsere eigenen Texte, gucken, was daran gut, was schlecht ist und dann bringen wir es auf die Bühne, wenn es nur eine halbe Stunde wird – ja, mir doch egal, Alter.

Die anderen gucken ziemlich verdutzt, wenden sich der neuen Figur zu.

Alle  drei im Chor:             Alter, nerv nicht.

4.       4. Sprecher:           Das ist doch typisch, ihr sitzt hier herum und wartet darauf, dass andere eure Probleme lösen, wie immer, Alter. Klar können wir es so wie alle anderen machen, klar werden wir dann unsere sicheren Lacher haben, klar wird es dann ein Erfolg werden, Alter. Das Bühnenbild wird von der Hälfte des Kurses wahnsinnig fantasievoll dekoriert, drei Leute haben eine Hauptrolle und der Rest versteckt sich hinter schlecht auswendig gelernten Ein – Satz – Rollen. Alter, was hat der Schauspieler, den wir getroffen haben, noch gesagt? Alles, was auf der Bühne passiert, bleibt dort, da muss dir nichts peinlich sein.

1.       1. Sprecher:           Wie meinste das jetzt, Alter?

2.       2. Sprecher:           Sollen wir unsere Texte jetzt doch spielen?

3.       3. Sprecher:           Du bist dir auch für nichts zu schade, Hauptsache, du kriegst ne gute Note, das ist doch wirklich alles, worum es dir geht.

4.       4. Sprecher:           Reißt eure Masken herunter und fangt endlich an, eure eigene Tragödie zu spielen. Ey, Alter. Wie heißt es beim alten Goethe im Faust noch gleich? So schreite in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus, und wandelt mit bedächtger Schnell vom Himmel durch die Welt zur Hölle. Oder so ähnlich, hab ich mal gelesen.

Die anderen reißen sich ihre Masken vom Gesicht stellen sich im Kreis auf die Bühne und sie sprechen einen Schwur.

Alle im Chor:             Nun gut, es ist uns überlassen! Wir ziehn hier unsre Nummer ab, und können wir die Dinge fassen, auf unserem Weg, geht hier die Hölle ab – stehn nicht beschämt, wenn jedermann bekennen muss. Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, den rechten Weg wohl selber gehen muss.

Der  vierte Sprecher dreht sich um, grinst.

Sprecher:                    Alter, das hat gedauert.“

Herr Nipp weiß nicht, was soll er davon halten, legt den Zettel ins Regal und macht den Rechner an. Da spielt die Musik, das wahre Leben.

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