Als Herr Nipp mit ganz verwirrtem Kopf sehr früh morgens in die Kiste greift, faltet sich ein großer Bogen in seine Hand, als wolle endlich mal ein fertiger Gedanke in die Freiheit entlassen werden.
„Prolog auf dem Theater: Drei Sprecher sitzen am Bühnenrand, alle tragen eine weiße Maske, ganz klassisch, wie man es früher im griechischen Theater hatte, aber ganz normale Sachen sonst. Jeder sitzt für sich allein, jeweils zwei Meter getrennt. Sie haben die Köpfe getrennt, ca. 20 Sekunden Schweigen. Dann erhebt der erste Sprecher den Kopf und spricht die anderen an, das Publikum auch.
1. 1. Sprecher: Wir haben versucht, unser eigenes Theaterstück zu schreiben. Warum hat es nicht funktioniert?
2. 2. Sprecher: Wir haben versucht, unser eigenes Theaterstück zu inszenieren, warum hat es nicht funktioniert?
3. Sprecher: Wir haben versucht, unser eigenes Theaterstück zu zeigen, warum hat es nicht funktioniert?
1. 1. Sprecher: Haben wir es denn wirklich versucht, haben wir uns denn wirklich darauf eingelassen? Oder haben wir zu sehr gezaudert?
2. 2. Sprecher: Wir hatten Angst davor, uns zu blamieren, Angst, dass die Leute über unser Stück lachen würden. Nicht weil es lustig ist, sondern eher peinlich. Wir hätten ihnen allen ihre Masken vom Gesicht reißen sollen und was haben wir wirklich gemacht? Alles ist eine fade Soße geblieben, weil wir einfach nur das erfüllt haben, was Schülertheaterstücke eben so machen.
3. 3. Sprecher: Also haben wir die üblichen Problemchen aus der Kiste unserer falschen Eitelkeit hervorgekramt, n bisschen Ausländerproblematik, ein bisschen Drogenmissbrauch, ja, natürlich durfte auch die Liebe nicht fehlen, aber eigentlich hatte das doch alles recht wenig mit uns zu tun. Ja, nichts mit dem, was uns wirklich angeht.
1. 1. Sprecher: Das ist ja wieder typisch, die Jahre vorher hat es immer geklappt, da haben die Literaturkurse sich irgendeine Komödie genommen, einen fertigen Text und wir müssen selber schreiben. Als wenn wir sowas können, das geht gar nicht.
Pause für einige Sekunden, aus dem Publikum steht eine weitere Figur auf, reißt sich seine Maske vom Kopf und zertrümmert sie auf dem Boden.
4. 4. Sprecher: Genau das ist unser Problem, Alter. Wir haben Angst und verstecken uns hinter so einer altertümlich faden Inszenierung, lasst uns noch mal von vorne beginnen, mit mehr Mut. Lass uns doch mal vergessen, was die beiden Lehrer gesagt haben. Die Langeweiler, Alter. Oh, scheiß drauf, was die wollen, wir nehmen einfach unsere eigenen Texte, gucken, was daran gut, was schlecht ist und dann bringen wir es auf die Bühne, wenn es nur eine halbe Stunde wird – ja, mir doch egal, Alter.
Die anderen gucken ziemlich verdutzt, wenden sich der neuen Figur zu.
Alle drei im Chor: Alter, nerv nicht.
4. 4. Sprecher: Das ist doch typisch, ihr sitzt hier herum und wartet darauf, dass andere eure Probleme lösen, wie immer, Alter. Klar können wir es so wie alle anderen machen, klar werden wir dann unsere sicheren Lacher haben, klar wird es dann ein Erfolg werden, Alter. Das Bühnenbild wird von der Hälfte des Kurses wahnsinnig fantasievoll dekoriert, drei Leute haben eine Hauptrolle und der Rest versteckt sich hinter schlecht auswendig gelernten Ein – Satz – Rollen. Alter, was hat der Schauspieler, den wir getroffen haben, noch gesagt? Alles, was auf der Bühne passiert, bleibt dort, da muss dir nichts peinlich sein.
1. 1. Sprecher: Wie meinste das jetzt, Alter?
2. 2. Sprecher: Sollen wir unsere Texte jetzt doch spielen?
3. 3. Sprecher: Du bist dir auch für nichts zu schade, Hauptsache, du kriegst ne gute Note, das ist doch wirklich alles, worum es dir geht.
4. 4. Sprecher: Reißt eure Masken herunter und fangt endlich an, eure eigene Tragödie zu spielen. Ey, Alter. Wie heißt es beim alten Goethe im Faust noch gleich? So schreite in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus, und wandelt mit bedächtger Schnell vom Himmel durch die Welt zur Hölle. Oder so ähnlich, hab ich mal gelesen.
Die anderen reißen sich ihre Masken vom Gesicht stellen sich im Kreis auf die Bühne und sie sprechen einen Schwur.
Alle im Chor: Nun gut, es ist uns überlassen! Wir ziehn hier unsre Nummer ab, und können wir die Dinge fassen, auf unserem Weg, geht hier die Hölle ab – stehn nicht beschämt, wenn jedermann bekennen muss. Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, den rechten Weg wohl selber gehen muss.
Der vierte Sprecher dreht sich um, grinst.
Sprecher: Alter, das hat gedauert.“
Herr Nipp weiß nicht, was soll er davon halten, legt den Zettel ins Regal und macht den Rechner an. Da spielt die Musik, das wahre Leben.