Auch du

auch du
vom Leben verwüstet

gehst diesen Weg entlang
mit deiner blauen Jacke
die an den Seiten hängt
als würde alles an dir hängen
mit deiner blauen ausgelaugten Jeans
die du vor zwanzig Jahren
vielleicht
gekauft hast
als du noch dachtest
sie würde dich jugendlich machen
doch jeden Morgen
wenn du in den bösen Spiegel schaust

du und dein Gesicht
und alles andere
ist eine Wüste
eine Kraterlandschaft
von der du nichts wissen willst

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Übelst

Niemals sollte es eine lohnende Beschäftigung sein, sich über irgendetwas aufzuregen. Immer wieder musste er sich diesen Satz aufsagen, jedes Mal dann, wenn die Dinge nicht so liefen, wie er es gerne gehabt hätte. In immer wieder neuen Konstellationen und Formulierungen. In verschiedenen Dringlichkeiten und Abstufungen. Ja, in kurzen Worten oder ausführlichen Sätzen. Das ging nun mal nicht anders, sonst wäre er schon lange mal ausgerastet, denn eigentlich war er ja ein aufbrausender, ja richtig cholerischer Charakter. Das wussten doch alle. Das hatte er von seinem Vater geerbt, der immer gleich das Schlimmste angestellt hatte, immer auf die Fresse drauf. Bei dem ging es nach dem Motto; egal wen du verprügelst, er wird es schon irgendwie verdient haben. Er aber versuchte sich zu zügeln, versuchte sich im Zaum zu halten. Schließlich wollte er doch nicht sein Gesicht vor sich selbst verlieren. Da war zum Beispiel die Sache mit dem verliehenen Auto, das immer noch nicht wieder vor der Haustür stand, seit immerhin fünf Tagen vermisste er den Wagen, den er wirklich nötig für den Transport von Baumaterial brauchte, nun schon. Er hatte mehrfach darauf insistiert, ihn wieder zu bekommen, dass nun Schluss mit lustig sei und dezidiert wie ausführlich dargelegt, warum der Wagen denn nun wirklich endlich wieder abzuliefern sei. Er hatte daraufhin am Telefon lapidar gehört, er solle sich nicht so anstellen, schließlich gäbe es auch noch andere Menschen, die von Zeit zu Zeit ein Auto brauchten. Dann die Sache mit dem bei einer Feier zerstörten Bild, das immer noch nicht bezahlt war, angeblich, weil die Versicherung sich noch nicht gemeldet hatte. Er musste sich diesen Satz auch jedes Mal aufsagen; nein, nicht aufregen! Wenn er an die Lieferverzögerung beim Bauholz dachte, wenn er vom Vorarbeiter auf begangene Fehler hingewiesen wurde. Es lohnt nicht, mich aufzuregen.
Herr Nipp hörte sich diesen ganzen Sermon nun schon den ganzen Abend an, während sein Gegenüber von Bier zu Bier fahriger wurde, von Schnaps zu Schnaps weiter die Kontrolle über den Sprechapparat verlor, zu lallen begann und alles wiederholte, als sei es eine ungeheuere Neuigkeit. Es wurde einfach von Minute zu Minute schwieriger, den eindeutig unartikulierten Lauten irgendeinen semantischen Inhalt zu entnehmen. Wer weiß schon, der konnte ihm schon leidtun. Es gibt einfach Menschen, denen in jeder Situation übelst mitgespielt wird. Aber ein wenig musste er auch lächeln. Manche Menschen sind vielleicht auch selbst nicht ganz unschuldig an dem, was ihnen passiert.

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Hinter mir (Memo 5)

Hinter mir drei Motorräder. Mitte-der-Fünfziger-Jahre-Männer mit dicken Bäuchen auf Boxermotoren. Ihre Hamsterbacken in die Helme gequetscht. Markieren harte Kerle auf ihren knatternden Kisten.

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Spaziergang (Memo 3)

durchströmt von einem leisen Leuchten
erkenne ich erst jetzt die Nacht
betört von einem warmen Rauschen
habe ich an nichts gedacht

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Dann lieber nicht

Er hatte sich so gefreut, dass dieser Tag endlich dem Ende zuging. Gearbeitet hatte er seit früh morgens und die Nacht davor war auch nicht gerade ruhig gewesen. Immer dann, wenn man eigentlich Ruhe nötig hat, dachte er, müssen die Blagen von nebenan im Garten Feuer machen und verstehen einfach nicht, dass es irgendwann nachts einfach unerträglich wird, wenn sie in tosend wieherndes Gebrüll  und Gelächter ausbrechen und vor allem diese kieksigen Mädchenstimmen konnten da den letzten Nerv rauben, auch wenn er sie sonst eigentlich mochte. Nicht diese Stimmen, die recht netten Mädchen, die ihm sogar meist wohlerzogen erschienen. Aber was ist schon eigentlich? Eigentlich ist eigentlich nur eigentlich. Der Nachbarsjunge hatte fast jeden Abend eine ganze Combo von Jugendlichen um sich versammelt, die machten ihre elektronische Musik und Lagerfeuer, tranken Bier und Wein und manchmal verpesteten sie die Luft mit dem süßlichen Gestank von aromatisiertem Shisha-Tabak. Immer ging es bunt zu. Mal lauter, mal viel zu laut. Der wummernde Rhythmus der Bässe als ständige Drohung in den Ohren oder als Zittern in den Wänden. Ja, dieser Tag war endlich zu Ende, endlich nicht mehr arbeiten, endlich mal den Chef einen wie auch immer gearteten Mann sein lassen. Keine unbezahlte Überstunde, die dann auch noch mit einem hämischen Kommentar versehen wurde. Und die Jugendlichen waren ein paar Häuser weiter gezogen, feierten sich dort. Diese Unbeschwertheit hat man vielleicht nur einmal im Leben. Nichts bisher geleistet zu haben und trotzdem keine Zeit. Manchmal war Herr Nipp schon ein wenig neidisch auf die Jugendlichen, die ihm ihre Überlegenheit auch ganz unverblümt und fast naiv zeigten.

Als Herr Nipp sich gerade in den Garten gesetzt, gerade die Flasche guten französischen Wein geöffnet hatte, gerade seine Selbstgedrehte in den Mund steckte und gerade sein kunstvoll belegtes Mischbrot daneben legte, rauschte eine ganze Schar mittlerer schwarzer Vögel heran, strich kurz über seinen Kopf und rauschte wieder ab. Gefolgt von einer Schar Tauben, jenen Friedensbringern und Botschaftsvermittlern, die schon in der Bibel gelobt werden. Welch ein friedliches Bild. Solche Idylle nach der getanen Arbeit. Offenbar hatten letztere aber nichts Besseres zu tun als sich über ihm zu erleichtern. Dann lieber nicht draußen sitzen.

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