Seife

Als Herr Nipp noch ein Kind war, das ist verdammt lange her, hat er seiner Oma zu Weihnachten ein Stück Seife geschenkt. Die packte das liebevoll verhüllte Mitbringsel vorsichtig aus, denn damals wurden Geschenkpapiere tatsächlich mehrfach verwendet, sah die Seife, sie roch daran, ganz tief und schloss dabei die Augen. Alle Umstehenden lachten und feixten über das kleine Geschenk. Ob die Oma denn wohl stinke oder ob er sich überhaupt Gedanken gemacht habe. Ob Oma ihm nichts wert sei und so weiter. Der kleine Junge damals war nicht nur überrascht. Sondern geradezu erschüttert. Das hatte er nicht erwartet. Schließlich hatte er von seinem kleinen Taschengeld relativ viel investiert. Prozentual sicherlich mehr, als viele andere Anwesende, auch wenn er das damals sicher nicht gedacht hatte. Es war ihm einfach als viel Geld vorgekommen. Nur seine Oma lächelte wie man so schön sagt „lieb“, war wirklich gerührt und schien einige Momente richtig glücklich.

Herr Nipp steht gerade am Waschbecken und seift sich die Hände ein. Er genießt den frischen Hauch von Zitrone, der ihm entgegen schlägt und muss wie jedes Mal, wenn er das inzwischen klein gewordene Stück Selbstgemachte Seife verwendet, an die Schenkerinnen denken. Wie immer ganz unerwartet an die wunderbare Weihnachtsfeier mit Grill, mit der er damals nicht gerechnet hatte, die ihm so gut getan hatte, auch wenn dort hauptsächlich fremde Menschen waren. Aber Gelegenheit macht neue Bekannte. Und da erinnert er sich auch an die Worte, die seine Oma damals gefunden hatte, um Herrn Nipp vor den Kommentaren der anderen in Schutz zu nehmen und ihn zu trösten: „Ab jetzt werde ich immer an dich denken, wenn ich mir die Hände wasche.“ Danke, denkt er.

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Hase

Wenn sein alter Freund aus Schulzeiten einmal anfängt, von Hasen zu erzählen, dann bleibt kein Auge trocken. Niemand anders weiß so schöne Geschichten zu erzählen. Sei es eine wahre oder nicht. Egal. Sie sind so schön erzählt, dass genau das unwichtig ist. Der Zuhörer will weiterhören. Dann beginnt es manchmal mit dem Meister Lampe auf den Haarhöfen und endet mit dem Stirper Hasen eben bei dem kleinen Örtchen Stirpe in der Nähe von Lippstadt. Dazwischen aber liegt ein ganzes Welterklärungsmodell mit Rechnungen, Vergleichen und Metaphern. Den Höhepunkt bildet die Forderung, doch endlich die einzige Konstante des Weltalls als Energiequelle zu nutzen, die niemals versiegen kann, die Zeit. Darüber sinnierend sitzt Herr Nipp mit Fernglas an einem Feld mitten im Wald. Sauerlandidyll mit braunen Fichten. Und während er vor sich hin schmunzelt, sitzt ein Hase wenige Meter vor ihm und putzt sich in aller Ruhe das Fell.

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Begegnungen

Auf dem Weg nach unten muss er feststellen, dass er tatsächlich der Einzige ist, der sich hinab bewegt. Die entgegenkommenden Maskenträger schauen in mit einem bösen Blick an, schütteln unverständig den Kopf und wenden sich ab. Damit will niemand etwas zu tun haben. Wie kann der es nur wagen, hier hinab zu gehen. Auf der nächsten Etage angekommen, verharrt er, schaut sich um, entdeckt das Schild: „Dieses Treppenhaus nur für den Weg nach oben verwenden!“ Ups, denkt er, mal wieder nicht aufgepasst. Durch den langen Flur sucht er den Weg zum richtigen Treppenhaus, dort gehen tatsächlich alle Menschen hinunter. Auch wenn er eigentlich kein bewusster Querulant ist, muss er doch etwas lächeln. Was vor einigen Monaten noch selbstverständlich war, nämlich sich das Treppenhaus zu wählen, das am nächsten ist, kann einem jetzt teuer zu stehen kommen, zumindest aber mit sozialer Isolation quittiert werden. Und er muss ja auch eigentlich zugeben, dass Treppenhäuser als Einbahnstraßen, während der Hauptverkehrszeiten verwendet, viel schneller funktionieren, kein Drängeln, kein Geschubse. Auch dass die meisten Menschen Abstand halten, gefällt ihm eigentlich sehr gut, riecht er doch andere Menschen nicht so gerne. Von Berührungen ganz zu schweigen. Gut, er mag es eben nicht, wenn er dazu gegängelt wird. Aber in dieser Zeit ist das wohl weniger zu vermeiden und den sogenannten Verschwörungstheoretikern (VT), die sich mit für ihn abstrusem Zeug beschäftigen, möchte er auch nicht angehören. Da bleibt er eben lieber Schlafschaf und glaubt nicht daran, dass die Weltbevölkerung auf 500.000 Menschen reduziert werden soll, auch wenn dies, seien wir mal ehrlich, für den Planeten sicherlich viel besser wäre. Aber wer will denn entscheiden, welche Menschen bleiben dürfen, welche nicht? Oh, nein, jetzt fang nicht an, darüber nachzudenken, schießt es ihm wie eine Kugel durch den Kopf, dann bist du wirklich bald der nächste VT. Inzwischen ist er auch im gewünschten Gebäudeteil angekommen, hat zwischendurch einen Flur durchquert, den er sonst wirklich nie oder selten zu sehen bekommt. Auf dem Weg zu dem Büro, das er unbedingt aufsuchen muss, stellt sich ihm eine Frau in den Weg. Auch sie mit Maske sich und ihre Umwelt vor dem Virus schützend. Ganz klar selbstgenäht. Die aktuelle Maskenmode soll die Persönlichkeit unterstreichen, jede Modemarke hat eigene Vorstellungen davon. Aber einige Modelle sind eher fragwürdig. Herr Nipp fragt sich, ob es demnächst neben Normmasken und Plüschmasken auch Tangamasken gibt, die zwar nicht mehr verdecken, aber den Anschein vermitteln, man trage eine Maske. Herr Nipp selber zieht ja grau als persönliche Farbe vor, passt auch zu seiner sonstigen Kleidung. Seine Maske wurde übrigens von einer Firma produziert, die normalerweise Tischdecken und Tischläufer liefert. Gerade muss sich jeder auch die neuen Bedürfnisse um- und einstellen. Wer nicht völlig vom Shutdown erwischt werden will, sucht sich neue Geschäftsfelder, es sei denn er ist Beamter. Dann bekommt man zwar weniger Geld als in der freien Wirtschaft, aber der Job ist wenigstens sicher.
„Wo warst du gestern?“ herrscht ihn die Unbekannte harsch und enerviert an. Er dreht sich um, versichert sich, dass da niemand anders ist, denn er weiß wirklich nicht, was das soll. Wer mag diese hübsche Frau wohl sein, zumindest nach dem zu urteilen, was die Maske frei lässt. „Wir waren verabredet, du glaubst ja gar nicht, was wir noch alles zu regeln haben und ich habe nun wirklich keine Lust, das alles alleine zu machen.“ Herr Nipp zuckt die Schultern, denkt an den gestrigen Tag, dass er die gesamte Zeit am Schreibtisch gesessen und bis in den späten Abend gearbeitet hatte. „Auf dich ist eben kein Verlass.“ Er will eigentlich weiter, hat aber das Gefühl, dass die Dame noch mehr hat. Sie hat offensichtlich Gesprächsbedarf, nichts von ihm zu hören, sondern selber zu reden. Wenn dich jemand anruft, denkt er, der fragt, ob du für ein Gespräch Zeit hast, dann will er oder sie sprechen und nichts von dir hören. Manchmal ist es eben wichtig den Überdruck abzulassen. Dann sind gute Zuhörer die besten Freunde, die vorstellbar sind. Das kann reichen, damit es wieder besser geht. Also bleibt er stehen, ohne ein Wort zu sagen. „Die ganze Orga steht auf der Kippe, wenn das nicht bis ins kleinste Detail abgestimmt ist und wann gedachtest du eigentlich, endlich mit der Planung zu beginnen?“ Wieder zuckt Herr Nipp mit den Schultern. Er hat noch etwas Zeit, also bleibt er stehen. Die nächsten fünf Minuten schildert sie ihm die Einzelheiten ihrer Gedankenspiele rund um die Organisation einer Veranstaltung, die er noch nicht einmal in ihren Grundzügen versteht. Vielleicht handelt es sich auch um die Gedanken zu einem Planspiel, das in der Verwaltung derzeit gemacht wird, um Veranstaltungen nach der Pandemie besser planen zu können. Oder es handelt sich um Gedanken darüber, was passieren würde, wenn der Shutdown ganz plötzlich und unerwartet zurückgefahren würde, weil ebenso unerwartet plötzlich ein Serum dagegen vorhanden wäre, schon nach so kurzer Zeit. (Aber da geraten wir ja gerade wieder ganz gefährlich in das Fahrwasser der VTs oder nicht?) Diese sollen aber wohl am kommenden Tag irgendeinem Gremium vorgestellt werden, dessen Zusammensetzung sich ihm noch so eben erschlossen hat. Als er gerade gehen will, kommt ein zweiter Mann des Weges, der wie er selber graue Hosen, ein graues Hemd und Jacket sowie eine graue Maske von eben dieser Firma trägt. Er hat ebenfalls eine ziemlich weit vorangeschrittene Glatze und leichte Segelohren. Seine Augenbrauen sind ebenfalls sehr stark ausgeprägt. Die beiden Männer zwinkern sich zu. Herr Nipp macht gespielt gequälte Augen. Der Andere versteht. „Hallo Julie, das ist ja richtig schön, dich endlich persönlich zu treffen. ich hatte gestern kein Netz, war doch mit dem Bürgermeister unterwegs und konnte dich nicht erreichen. aber auf dem Rückweg habe ich alles vorbereitet, was wir heute für die Präsentation brauchen, also mach dir keine Gedanken, wir können ganz entspannt zum Meeting gehen.“ Sie lächelt ihn selig an, aller Zorn ist offensichtlich verpufft.
Herr Nipp muss grinsen, sein Bruder sieht ihm wirklich manchmal sehr ähnlich. Und Stoßdämpfer zu spielen ist ihm noch nie schwer gefallen.

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Auswahl

Es ist kaum zu fassen. Da öffnet er, nichts Böses ahnend und schon gar nichts Gutes, die Schublade und es lachen ihm einige Tüten Knabberzeugs entgegen. Ein guter Anfang für den Hitchcock-Abend.

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Morgennachrichten

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