Sinne

Auf dem Konzert steht er, hat die Augen geschlossen und lächelt, ganz für sich. Beim Essen schließt Herr Nipp zwischendurch immer wieder die Augen, sitzt dann lächelnd da, einen Moment ganz für sich allein. Wenn er berührt wird, schließt er ebenfalls die Augen und genießt meist mit einem Lächeln. Er sieht die Musik, das Essen als Bilder, Farbeindrücke und Formen, mal unbewusst, mal bewusst herbeigeführt, aber meistens mit Genuss.

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Teller

Auf dem Teller dreht mal wieder eine dieser alten Scheiben, die er von Zeit zu Zeit in irgendwelchen Secondhandläden oder auf Trödelmärkten entdeckt. Dieses Mal hat er eine Platte vom Zickzack Labelk gefunden, die er damals als CD hatte und welche irgendwann irgendwo verschwunden ist. „Geräusche für die 90er“. Nicht jedem zu empfehlen, denn vor allem haben die beiden Tonträger für ihn einen gewissen Erinnerungswert. Die Zeit des Studiums, das ständige Jonglieren zwischen drei Wohnorten und vor allem das viel zu laute Musikhören beim Lernen und Schreiben. Das Einzige, was ihn damals an dieser Kompilation bereits gestört hat, ist das Fehlen der Band Blumfeld. Aber was soll es, auch die anderen Stücke haben ihren Reiz.

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Bulli

Der Autohändler hatte damals, als er entschieden hatte, genau diesen T5 zu kaufen, etwas entscheidend Richtiges gesagt: „Ich kann Ihnen nur eines versprechen, Sie werden in Zukunft viele Freunde haben.“ Herr Nipp hatte sich das damals zunächst nicht erklären können, er und Freunde. Erst eine Woche später beschlich ihn eine Ahnung, nachdem er zu zwei Umzügen „eingeladen“ worden war: „Bring doch bitte deinen Bulli mit.“ Inzwischen zählt er die Umzüge und Entsorgungsfahrten für sich und andere schon lange nicht mehr. Ja, daneben die Urlaube, die er auf einer Matratze hinten verbracht hat, es sind vor allem die sogenannten Bullitouren in Ausnahmesituationen, die ihm einfallen. Alles Mögliche abholen und wegbringen, von Sperrmüll über komplette Wohnungseinrichtungen bis hin zu Steinen, die im Garten verbaut werden sollen. Ganz wichtig sind die winterlichen Holztransporte natürlich. Trotzdem und deshalb, dieses Fahrzeug ist die richtige Entscheidung gewesen, eben ein Handwerkerbulli. Herr Nipp möchte den verbeulten Dreisitzer nicht mehr missen.

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Authentizität

In einer Einführung in die Literatur hat Herr Nipp einen Satz entdeckt, der etwa folgendermaßen lautet: –Egal wie Figuren heißen und was Erzähler von sich behaupten, sie sind Fiktion.– Nun dreht er seit Stunden Gedanken und fragt sich, ob er noch real wäre als Figur. Das Dilemma in dem er steckt ist auch wirklich fies. Entweder er ist eine Figur, wenn man so will ein Charakter, oder aber real, im ersten Fall könnte er weder erleben, er würde erlebt, noch reflektieren, ihm würden ja Reflexionen in den fiktiven Kopf gelegt. Er könnte nicht fühlen und kreieren, alles wäre bloß Ausgeburt eines Anderen. Und was eigentlich ist mit der Vergangenheit? Dürfte sich überhaupt ein Autor, der dann nicht Erzähler wäre, anmaßen, so viele Dinge zu erfinden und gar noch mit eigener Biografie vermischen? Herr Nipp lächelt irgendwann und denkt: Wisst ihr was? Das ist mir doch egal, das müsst ihr entscheiden. Ich bin schließlich real.

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Zeitlöcher

Zwischendurch ergeben sich in Herr Nipps Leben immer wieder Situationen, die die Zeit einfach verschlucken. Das erste Mal wirklich bewusst wurde ihm dies als achtjähriger Bengel, als er im Werkzeugkeller vor sich hin gewerkelt hatte. Dort hatte seine Mutter unter anderem noch Knopfpressen stehen, mit denen sie selbst mit Stoff überzogene Bettwäscheknöpfe herstellen konnte. Leider sind diese Gerätschaften irgendwann entsorgt worden. Heute wären sie eine Sensation. Er hatte auf jeden Fall seinen Spaß daran und als er nach oben kam war seine Mutter glücklich sauer. Stundenlang hatte er sich im Keller aufgehalten und nicht auf Rufe reagiert. Alle hatten sich Sorgen gemacht. Erwartet hatte er heftige Schimpftiraden der Mutter, aber sie war einfach froh über das wieder gefundene Kind und nahm ihn ganz fest in den Arm.

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