Kauen

Einer seiner Freunde kann eines überhaupt nicht gut haben. Wenn andere Menschen in seiner Gegenwart Kaugummi kauen und noch schlimmer mit offenem Mund, dann kriegt er zu viel. Früher hat man in Herr Nipps Familie gesagt, „da kriege ich die Frengeln“, was immer das auch heißen mag. Auch wenn jemand mit offenem Mund isst, regt er sich gerne mal lauthals auf. „Wir sind hier doch bei zivilisierten Menschen“, heißt es da oder noch drastischer „Schweine schmatzen genauso“. Warum sich einige Menschen darüber aufregen, denkt Herr Nipp, ist klar, sie haben das Gefühl als Mensch missachtet zu werden. Und kürzlich sagte ein junger Mann zu einem anderen, beide standen am Bahnhof neben ihm: „Was du isst, sagt etwas über deine Herkunft aus, wie du isst, über deine Erziehung.“

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Landschaft

An beiden Seiten rauscht schweigend die Landschaft an ihm vorbei, je näher desto Streifen. Weiter hinten liegende Elemente sind klar auszumachen, Bäume, Felder, Wiesen und zwischendurch einige Gebäude. Erst wenn Herr Nipp sich die Mühe macht und Einzelheiten fixiert, seinen Blick daran klammert, was zunächst Augenbewegung und dann eine des Kopfes erzwingt, kann er Einzelheiten Dingfest machen. Etwa die drei Störche, welche sich auf Beute wartend um einen kleinen Tümpel eingefunden haben oder das alte Gehöft, dem auf einem Gebäudeteil offensichtlich das Dach fehlt. Einmal macht er zwei Menschen mit Hund aus, die in freier Umgebung streiten. Autofahrten haben für ihn etwas herrlich Abstraktes. Die erlebte Realität wird zu einem fremden Kunstwerk, das er selbst zu malen nicht im Stande wäre, das er aber mit bestehenden Werken vergleichen kann. Nur manchmal rückt ihm die Realität als hinten sitzender Mitfahrer sehr nahe, jedesmal wenn er im Stau steht.

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jetzt aber endlich

„Ich sollte endlich einen eigenen Roman schreiben…“, murmelt er immer wieder leise vor sich hin, ohne es selbst zu bemerken. Schon seit Jahren hadert er mit sich, dass sein Glaube ans eigene Mittelmaß ihn davon abgehalten hat. Themen hätte er genug gehabt über das letzte Jahrzehnt. Über einen echten Naturburschen hatte er einige Seiten verfasst, auch eine schöne wie struppige Emanze hatte ihn zu einer lämgeren Geschichte inspiriert. Aber nie war es ihm gelungen, mehr als zwanzig Seiten niederzuschreiben. Schon alleine das Miteinanderverstricken und von einander entfernen verschiedener Figuren war ein Graus gewesen. So viele Romane, die er unter analytisch hermeneutischen Gesichtspunkten gelesen, ja manchmal verschlungen hatte, aber wenn es drauf ankam, dann musste er immer scheitern. Manchmal hätte er sich geradezu in die Figuren verliebt und darüber vergessen, sie auch potentiellen Lesern attraktiv zu gestalten. Es reichte ihm dann sein eigenes Wissen. Die schwierigen Charaktere mussten darüber anstrengend, die sympathischen kryptisch werden. Und irgendwann landeten die meisten Blätter als Anzünder im Ofen. Aber er wird, das weiß doch jeder, im Nu mit diesem neopostneodadaistischen Ansatz alles das hinter sich lassen. Keine Sorge, morgen sind die völlig worren 298 Seiten fertig. Super, jetzt aber endlich.

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Auf dem Flur

Draußen auf dem Flur Stimmen. Offenbar sitzt oder steht dort eine Menge von Menschen, die darauf wartet, vorgelassen zu werden. Seine Tür ist einen Spalt weit geöffnet. Nicht beabsichtigt, sie steht eben gerade auf, als hätte das Geschehen der Welt nichts mit ihm zu tun. Herr Nipp hat sich an die Gespräche gewöhnt, die dort stattfinden. Er kann nicht verstehen, worum es geht, nur manchmal dringen einzelne Worte zu ihm vor, scheinen aus dem allgemeinen Gackern hervor, füllen sich für Augenblicke geradezu leuchtend mit Bedeutung und gehen dann im allgemeinen Wust der Töne wieder unter. Wie Meeresrauschen lullen ihn die Sequenzen des allgemeinen Tönens ein. Nur mit Mühe kann er seine Augen offen halten. Immer wieder schrammt er am Rand des Einschlafens vorbei und fällt in die Realität zurück. Zuweilen fragt er sich, ob diese Realität wirklich wirklich ist, manchmal glaubt er auch, dass alles letztlich nur ein Traum sein kann. Auch das Bewusstsein scheint auf einem Wellenteppich zu schwappen, ähnlich der Stimmen da draußen. Manchmal schaut er auch hinaus, sieht an- oder abgeschnittene Körper, halbe Gesichter selten auch. Kleidungsstücke, die ihm nicht zusammengehörig erscheinen. Ob diese Wesen dort freundlich sind oder nicht, kann er nicht beurteilen. Wer weiß denn schon? Vielleicht handelt es sich auch gar nicht um intelligente Primaten, sondern um Chimären, zusammengesetzt aus Teilen aller möglichen Tiergruppen. Er kann sich an die Wolpertinger erinnern, die ihm als Kind aufgefallen sind. In einem Urlaubsdorf in Österreich gab es in einem Restaurant eine Ecke, dort stand ein solch zusammengeflicktes Mischwesen, das wohl lustig sein sollte. Er aber hatte sich damals als vierjähriger Junge ernsthafte Gedanken darüber gemacht, ob das denn wohl möglich sein könnte. Er hatte für sich entschieden: „Nein, das geht nicht.“ Aber heute, als alter Mann ist er sich gar nicht so sicher. Was ist denn möglich? Was kann diese verkorkste Menschheit mit ihrem Wahn der Verstümmelung der Natur nicht doch alles erzeugen. „Herr Nipp?“, steht ein breitschultriger Mann in der Tür. Ein Schrecken, ein Zusammenzucken. Wer kennt ihn denn hier, wer will etwas von ihm? „Entschuldigen sie bitte, dass ich hier so hereinplatze, aber eben wurde mir gesagt, ich könne Sie hier finden.“ „Ja? Ja, ich bin eindeutig hier. Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Ich habe hier ein Paket für Sie, das ist wohl versehentlich bei mir abgeliefert worden.“ So aus der Gedankenwelt in die Realität gerissen bemerkt Herr Nipp, dass es Zeit wird zu gehen. Seine Zeit des Wartens ist um.

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gelöscht

Herr Nipp hat einen Text verfasst. Nicht geschrieben, einfach so heruntergepinnt oder geschwurbelt, nein, er hat seinen Gedanken ausgewalzt, gedrechselt und ziseliert, dann vertiefend gekürzt und ihm zum Schluss einen sprachlichen Schliff verpasst, der jedem Leser zeigen würde, was er in den letzten Seminaren zum Thema „Poetische Texte“ gelernt hatte. Neuerdings versucht er sich in der Kunst des Schreibens. Er ist dann ganz glücklich auf die Toilette gegangen, „was für ein Geschenk“ in den Gedanken. Der Rechner hat sich abgeschaltet – wo ist der Text?

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