Was kommt

Seien wir ehrlich, einen großen Teil unseres Lebens macht das Warten aus. Wir stehen und sitzen und hocken und manchmal liegen wir sogar und warten. Zu Hause, im Freibad, in der Loge des Theaters oder einfach an der Kasse. Im Gang eines Amtes, mit der Startnummer 33399 beim Marathon, hinter den anderen Leuten, die unbedingt gerade auch noch jetzt Bargeld abheben müssen. Wir warten und warten. Darauf, dass etwas passiert oder auf jemanden. Einige von uns warten einfach nur so, andere auf den Weltuntergang. Manchmal warten wir voller Ungeduld, meistens jedoch langweilen wir uns, da liegt weniger Anspannung in der Luft dann. Herr Nipp sitzt an seinem Platz, betrachtet die vorübergehenden Menschen und staunt, was die so alles im Gehen machen. Auf das Handy schauen ist da noch eine der einfachsten Übungen. Einer filmt mit seinem I-Pad die ganze Szenerie, völlig gebannt von den nichtssagenden Bildern und Filmsequenzen, die dabei entstehen werden. Eine andere hält sogar ein Notenheft in den Händen und scheint dabei zu versuchen, das Stück, welches sie offenbar ließt, vor ihrem inneren Auge zu dirigieren. Eine Gruppe Jugendlicher geht dicht gedrängt wie ein Schwarm Forellen im Fischteich und umkreist sich dabei ständig gegenseitig. Ein alter Mann gestikuliert mit seinem Krückstock und fällt fast dabei um. Glücklicherweise wird er dabei nicht von der jungen Frau auf Rollschuhen angerempelt, die den Eindruck vermittelt, sie würde durch ihr Leben tanzen. Eine um den Anderen zieht an ihm vorbei, jeder scheint in seiner eigenen Weltblase zu leben. Unabhängig von jedem anderen Wesen, das da erscheint. Herr Nipp wartet auf den Abend, darauf, dass dieser Tag endlich vorbei geht. Dafür hat er sich nach draußen in die Fußgängerzone gesetzt, in die laue Novemberluft dieses Jahres. Er will sich bis zum Abend nicht mehr regen. Erst dann wird er heim gehen, den üblichen Abend verbringen und sich vor den leuchtenden Kaminofen stellen, der ihm die Beine fast verbrennen kann. Er wird sich dann freuen, daheim zu sein, eine Schallplatte aus den Neunziger Jahren hören, die er sich kürzlich gekauft hatte, duschen und sich ins Bett legen. Das malen seine Gedanken mit starken Farben aus. Und er weiß jetzt schon, es wird nicht so laufen; irgendwas wird dazwischen kommen. Und trotzdem wartet er, die Hoffnung bleibt schließlich.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.