Durch eine alte Stadt zu gehen, ist ihm immer ein Offenbarungseid der Stadtkultur. Es gibt Städte, die verbissen am kulturellen, am architektonischen Erbe festhalten, so sehr, dass unter allen Umständen alles erhalten werden muss, was auch nur ahlbwegs den Anschein von Geschichtlichkeit in sich oder an sich trägt, auch wenn dies kaum belegbar ist. Andere Städte entfernen sogar sogenannte Bausünden des 20. Jahrhunderts, um nach historischem Vorbild neu zu bauen. Dass solche Versuche einer Retrohistorisierung meistens zum Scheitern verurteilt sind, muss an dieser Stelle wohl nicht weiter erwähnt oder gar vertieft werden. Man hilft sich dann mit einer Fassadenarchitektur und baut im Zweifelsfall ein modernes Inneres ohne jeglichen Bezug zum schönen äußeren Schein. Nur um heutigen Ansprüchen gerecht zu werden. Es gibt auch die radikalen Städte, die auf Funktionalität angelegt sind und alles restlos abräumen, was keinen direkten Nutzen bringt. In Seitengassen bleiben dann vielleicht Reste eigener Geschichte erhalten, aber eigentlich fühlen sich die Einwohner nicht driekt von dieser betroffen, sie leben ohne Geschichtsbewusstsein, jedenfalls weitgehend. In Freiheit von der Vergangenheit gehen sie jenseits von Altstadtgemütlichkeit ihren Geschäften nach. Den lohnden Geschäften. Zum Ausgehen werden andere Städte, schöne Städte, gewählt, solche mit dem besonderen Flair. Auch die Urlaube werden dann oft an historischen Orten verbracht, um sich sich drei Wochen im Jahr von der modernen Sterilität zu erholen. Auch Herr Nipp genießt seine Urlaube gerne dort, wenn er nicht gerade in den Bergen ist, wo ihn dieser ganz spezielle Hauch von Historie umweht, einer Geschichte, die jeden moment zu durchdringen vermag. Dives sur Mer ist tatsächlich so eine Stadt in der Normandie. Außen herum finden sich die Urlaubssiedlungen, welche nur die und wirklich nur die Funkion haben, Geld zu erwirtschaften. Leidlich liebevoll und leidlich abwechslungsreich in großzügigem Gestnus um den kleinen Yachthafen und entlang der Strandpromenade in postmodernem Eklektizismus entworfen und verwirklicht. Hach ja, wie idyylisch, nicht meine Liebste? Aber eben doch sichtbar für touristenmassen gemacht. Wenn er sich in Richtung Städtchen bewegt, quert er zunächst einen Gürtel Kleinbürgerhäuser, dann die Villengegend, pompös zuweilen, aus der Gründerzeit. Einige schöne, einige prächtige Villen und dazwischen dann kitschige Prunkbauten von Neureichen der damaligen Industrieepoche. Heute gehören die Besitzer folglich allesamt dem etablierten Geldadel an. Von Generation an Generation weitergegebenes Vermögen. Wer das zweifelhafte Glück hat, in solche Familien hineingeboren zu werden, oder aber hineinadoptiert, wird sich nie Sorgen um das einkommen machen müssen. Führungspositionen sind vorprogrammiert, weil der richtige Stallgeruch vorhanden ist. Das sind keine Ackergäule, sondern Turnierpferde, Rassehengste und Zuchtstuten. Je weiter Herr Nipp in Richtung des alten Zentrums eindringt, desto älter werden die Häuser, schmal verschachtelt und irgendwann entdeckt er die gotische Kirche, welche allerdings vollgerümpelt über die Jahrhunderte nur einen Teil ihrer Wirkung entfalten kann. Eine wunderschöne Markthalle findet er auch, die angeblich 1000 Jahre alt sein soll, die wirklich mit ihrer soliden Bauweise des Holzgebälks imponiert. Er erkennt, dass diese Stadt mit ihren kleinen und kleinsten Geschäften, die leider oft leerstehen, ein gewachsener Organismus ist, der nun langsam abstirbt. Ein ehemals entspanntes Wachsen ohne Druck von außen. Nur die sogenannten Künstler, welche in der Halle ihre Machwerke zwischen Kitsch und Unträglich feilbieten, lassen ihn erschauern und er muss sich immer wieder fragen, ob es wirklich dieses Frankreich war, welches Ende des 19. , Anfang des 20. Jahrhunderts die Kunstwelt so nachhaltig revolutionierte.
-
Archive
- November 2025
- Oktober 2025
- September 2025
- August 2025
- Juli 2025
- Juni 2025
- Mai 2025
- April 2025
- März 2025
- Februar 2025
- Januar 2025
- Dezember 2024
- November 2024
- Oktober 2024
- September 2024
- August 2024
- Juli 2024
- Juni 2024
- Mai 2024
- April 2024
- März 2024
- Februar 2024
- Januar 2024
- Dezember 2023
- November 2023
- Oktober 2023
- September 2023
- August 2023
- Juli 2023
- Juni 2023
- April 2023
- März 2023
- Februar 2023
- Januar 2023
- Dezember 2022
- November 2022
- Oktober 2022
- September 2022
- August 2022
- Juli 2022
- Juni 2022
- Mai 2022
- April 2022
- März 2022
- Februar 2022
- Januar 2022
- Dezember 2021
- November 2021
- Oktober 2021
- September 2021
- August 2021
- Juni 2021
- Mai 2021
- April 2021
- März 2021
- Februar 2021
- Januar 2021
- Dezember 2020
- November 2020
- Oktober 2020
- September 2020
- August 2020
- Juli 2020
- Juni 2020
- Mai 2020
- April 2020
- März 2020
- Februar 2020
- Januar 2020
- Oktober 2019
- Juli 2019
- Juni 2019
- Mai 2019
- April 2019
- Februar 2019
- Januar 2019
- Dezember 2018
- November 2018
- Oktober 2018
- September 2018
- August 2018
- Juli 2018
- Juni 2018
- Mai 2018
- April 2018
- März 2018
- Februar 2018
- Januar 2018
- Dezember 2017
- November 2017
- Oktober 2017
- September 2017
- August 2017
- Juli 2017
- Juni 2017
- Mai 2017
- April 2017
- März 2017
- Februar 2017
- Januar 2017
- Dezember 2016
- November 2016
- Oktober 2016
- September 2016
- August 2016
- Juli 2016
- Juni 2016
- Mai 2016
- April 2016
- März 2016
- Februar 2016
- Januar 2016
- November 2015
- Juli 2015
- Juni 2015
- Mai 2015
- April 2015
- März 2015
- Februar 2015
- Januar 2015
- Dezember 2014
- November 2014
- Oktober 2014
- September 2014
- August 2014
- Juli 2014
- Juni 2014
- Mai 2014
- April 2014
- Februar 2014
- Januar 2014
- Dezember 2013
- November 2013
- Oktober 2013
- September 2013
- August 2013
- Juli 2013
- Juni 2013
- Mai 2013
- April 2013
- März 2013
- Februar 2013
- Januar 2013
- Dezember 2012
- November 2012
- Oktober 2012
- September 2012
- August 2012
- Juli 2012
- Juni 2012
- Mai 2012
- April 2012
- März 2012
- Februar 2012
- Januar 2012
-
Meta