Wörterbuch

Nur so mal, denkt er,  was wäre oder womit würde ich beginnen, bestünde der Auftrag des Lebens darin, ein Wörterbuch zu schreiben?  Etwa so wie die Brüder Grimm in ihrem romantischem Eifer ein riesiges Kompendium der deutschen Sprache zusammengetragen haben. Etwa so, wie es die Redaktionen von Duden und Wahrich täglich machen. Jahr und Tag. Würde er die Zeitungen und Magazine durchstöbern nach grundlegenden Begriffen und Bedeutungsmustern? Würde er den Menschen aufs Maul schauen, so wie einige Linguisten es getan haben? Weil sie vielleicht glaubten, so die tieferen Schichten der Kommunikationsstrukturen zu durchdringen?  Würde systematisch Suchmaschinen mit selbst konstruierten Algorithmen im weltweiten Netz recherchieren lassen und damit automatisch Listen, Definitionen und Nutzungshorizonte erstellen lassen? Würde er sich eine ganze vor allem heterogene Gruppe von Experten zusammenstellen, die das Wesen der Sprache auf ihren verschiedenen Gebieten der Wissenschaft analysiert und auf allabendlichen Konferenzen über Jahrzehnte hinweg effektiven Austausch übte? Wahrscheinlicher wäre doch, dass er rein assoziativ vorginge, die wichtigen Vokabeln des Tages ihre inhaltlichen, semantischen und gesellschaftlich psychologischen Komponenten abklopfte und seine persönlichen Verbindungen wie Erfahrungen zum Kern des Sammelns machte. So würde in einer ganzen Lebensspanne ein Wörterbuch entstehen, welches wahrscheinlich nur wenige tausend Begriffe darstellen könnte, denn die Zeit eines Tages reicht ja bekanntlich nicht für beides: das Erleben und das Reflektieren. Er würde es folglich angehen müssen, gleichsam reflexiv zu erleben. Sich dem Sein nicht völlig hinzugeben, um jederzeit in der Lage zu sein, die Interpretationshoheit über das Geschehen sein Eigen nennen zu können. Herr Nipp schreibt sich eine erste Tagesliste und stellt schnell eingeschüchtert fest, dass er sich kaum in der Lage fühlt,  auch nur zwei oder drei dieser Wörter eingehend besprechen zu können. Er legt den Stift erst einmal beiseite, auch weil ihm gerade bewusst geworden ist, dass ihm ja niemand den Auftrag gegeben hat, ein Wörterbuch zu verfassen.

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