Plot für einen möglichen Roman

Wie so oft gehen die drei querfeldein durch die durchstrukturierten Waldlandschaften. Wirtschaftswunderwald. Schnurgerade Baumreihen, selten einmal durchbrochen von einem Gebüsch oder einer älteren solitären Eiche, die niemand fällen wollte damals. Exakt grenzen Fichtenbestände an Buchen- und Eichenparzellen. Zwischendurch auch einige Wege, entweder Zuwegungen, die auch als Wanderstrecken genutzt werden oder rare übriggebliebene Holzrückschneisen. Da finden sich kleine Pfützen, in denen die Molche ihre Eier abgelegt haben und nun kreuchen einige Larven mit Kiemenbüscheln in denen herum. Auch Libellenlarven sieht Herr Nipp dort, ein Zeichen dafür, dass dieses Gebiet wohl das gesamte Jahr über feucht ist. Es gluckert bei jedem Schritt. Es macht ihnen offensichtlich großen Spaß in aller Heimlichkeit die offiziellen Wege zu kreuzen, als wären sie selber das Wild dieser Landschaft, ähnlich den Sikahirschen, den Wildschweinen, die immer wieder zu sehen und zu hören sind, zuletzt in wenigen Metern Entfernung. Dann schauen sie heimlich aus einem Gebüsch nach links und rechts, wenn niemand kommt, was eigentlich immer der Fall ist, hüpfen sie flott mit höchsten drei Sprüngen über das geschotterte Hindernis.  „Du solltest einen Roman schreiben.“ „Mach ich doch schon seit Monaten.“ „Nein, etwas anderes, etwas wirklich Ernsthaftes, einen Roman, den es so noch nie gegeben hat.“ „Was hast du dir denn da vorgestellt?“ „Habe eine Ausstellung mit Stillleben gesehen und fand die richtig toll, da könnte man doch etwas mit machen.“ „Ja, genau, vielleicht ist da eine Familie seit Jahrhunderten in den Sammlungen und Museen der Welt unterwegs und ernährt sich nur von den Dingen, die auf den Bildern gemalt sind…“ „…und wenn niemand hinguckt, dann lecken sie ganz schnell eine Sache aus dem Gemälde und das fällt niemandem auf, weil sie sich mit den unbekannten Malern begnügen, aber irgendwann kommt ihnen eine junge Kunsthistorikerin mit langen roten Haaren auf die Schliche, die alte Abbildungen gefunden hat, auf denen die Stillleben noch viel voller sind und jetzt wird es eng, weil die Familie natürlich verhungern muss…“ „…wenn sie in kein Museum mehr reinkommen, also müssen sie eine Möglichkeit finden…“ „…vor allem muss da natürlich auch eine unmögliche Liebesgeschichte drin stecken…“ „…Mord und Todschlag und das große Mysterium und die leben natürlich ewig.“ „Klar ein Geheimnis, das ist immer wichtig.“ „Denk auch daran, dass nun endlich die Möglichkeit besteht, zu erklären, warum die Bilder der Konstruktivsten und die der Suprematisten so leer sind…“ „..und die Bilder von Morandi auch…“ „…und in den Kirchen gibt es gar keine Stillleben mehr, die waren früher voll davon. Ist dir schon mal aufgefallen, dass auf den Tischen bei Abendmahlsdarstellungen fast gar keine Nahrungsmittel stehen?“ Als die drei einen Bach queren müssen, verlieren sie das Interesse an dem Thema, weil der Bach zum Springen zu breit ist, also werden Knüppel gesammelt, Äste in Reihe gelegt; tatsächlich schaffen sie es, trockenen Fußes die andere Seite zu erreichen, die Geschichte vom Stilllebenesser und seiner Familie haben sie längst vergessen. „Vielleicht sollten wir mal wieder wegfahren…“

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.