Nein, zum Dichter fühlt er sich bekanntlich ja nicht berufen, aber immerhin beherrscht er einige Grundzüge , wie man Verse und Strophen herrichten könnte. Vor einigen Tagen, spät abends allerdings, in seiner Lieblingsspelunke an der Ecke, unten hin zum Industriegebiet wurde er nach dem zweiten Herrengedeck aufgefordert, für ein kleines Büchlein it Radierungen ein Gedicht oder ein Lied über Kieler Sprotten zu verfassen. Natürlich weiß er, dass daraus nur ein herrlicher Spaß werden kann. Denn was im Suff beschlossen, ist noch selten ernst geworden. Aber was soll es, er macht den Spaß eben mit. Er hat zugesagt und wenn er zusagt, dann hält er auch sein Versprechen. Naja, meistens hält er sein Versprechen, immer dann nämlich, wenn er sich daran erinnert. Über jene kleinen Fische also soll er schreiben, die man auf jedem Markt sehen kann, wie sie golden in ihren Holzkisten liegen und nur darauf warten, schnell in lustiger Runde verputzt zu werden. Er kann sich daran erinnern, dass früher seine Eltern zuweilen schon mal so eine Stiege gekauft haben. Wenn mit Verwandten gewandert und Picknick gemacht wurde, dann holte sein Großonkel ein Kistchen aus dem Rucksack und eine Flasche Aquavit. Das war allerdings in den frühen siebziger Jahren. Dann griffen alle beherzt zu und spülten gleich mit einem Pinneken. Normalerweise wurde das leere Kistchen dann an Ort und Stelle verbrannt, ein herrlicher Duft, so als stünde man vor einem Altonaer Ofen, in dem die kleinen Fische normalerweise auf Buchen- und Erlenholz geräuchert werden.
Jetzt hat er den ersten Versuch abgschlossen und wird ihn wieder verwerfen, jetzt gibt er auf, jetzt setzt er sich wieder an den Tisch und wird sich weiter durch die Wörter, die Gedanken kämpfen, durch Erinnerungen wühlen. Er muss die richtigen Worte finden, muss sie packen, aber alles erscheint ihm halbherzig. Erst abends, als er sich selbst einige Sprotten, die er auf dem Samstagsmarkt erworben hat, nebst einem kühlen Bier hereinschraubt, geht ihm ein Licht auf und tatsächlich hat er nun verstanden.
Kieler Sprotten
Der Fisch muss schwimmen,
hört man immer wieder
ein Bier vielleicht
vielleicht ein Aquavit
und lange goldne Reihen
holzkistenweise
Rauchgeruch
der glücklich macht
Breitling, kleiner Heringsfisch
nicht größer als handbreit
zwischen Daumen und Zeigefinger
Kopf und Schwanz schnell abgeknipst
Kopf in den Nacken und gekaut
Alles dabei
Geschmack pur
Verwirrung der Sinne
einmal überwunden
immer wieder
Später am Abend wird er zwei kleine Petitessen abliefern. Ein Gedicht, eine Lied. Und er stellt sich vor, wie der Kieler Shantichor, wenn es den denn gibt, mit voller Inbrunst seine Hymne auf die Kieler Sprotten schmettert.
Kieler Sprotten Lied
Du siehst sie, bist vom Gold geblendet
du willst sie für dich haben
wie sie seit hundert Jahrn verwendet
wie sie dich herrlich laben
Kieler Sprotten, Aquavit
Auch ein kühles Bier muss mit
Aus dem Rauch in kleinen Stiegen
aus Holz in Reihen liegen sie
was die denn wohl einzeln wiegen
und wie vor allm, schmecken denn die?
Kieler Sprotten, Aquavit
Auch ein kühles Bier muss mit
Ob mit Kopf oder ohne Kopp
Ob mit Schwanz oder ohne Steert
in deinem Mund sie hopplahopp
ist mehr als echtes Gold nur weert
Kieler Sprotten, Aquavit
Auch ein kühles Bier muss mit
Im Winter, draußen oder abends
Wenn du mit anderen verweilst
göttlicher Funke dieses Labens
doch nur, wenn du die Sprotten teilst
Kieler Sprotten, Aquavit
Auch ein kühles Bier muss mit