Ein Kuss

„Egal wie schön dieser unerwartete Moment deines warmen Kusses auch war oder gerade ist, die Zeit, und das ist nunmal eine alte Weisheit, kennt kein Erbarmen. Und schon wirst du deine Erinnerung tief in dir verstecken. Damit auch nur niemand erfährt, was du gefühlt haben magst.“
Herr Nipp sitzt in seinem roten Ohrensessel und starrt in die Flammen. Sie züngeln, lecken über das pudertrockene Holz. Sie strahlen eine erstaunlich weiche Wärme aus. Er war eben kurz eingenickt, was ihm dieser Tage häufiger passiert, denn alles wirkt ihm so erschöpfend, nein er ist grundlegend erschöpft. Betablocker-Blockade. Seit Wochen schon hat er das Gefühl, sein Leben wäre nun endgültig in jenen Abschnitt eingetreten, den man  das Alter nennt. Der Abschnitt, mit dem er früher vielleicht kokettiert hatte, an den er aber nie so recht glauben wollte. Vor dem er eine tiefsitzende Angst hat. Und plötzlich steht er mit dem Rollator auf der Straße und weiß nicht mehr vor noch zurück. So wie er es noch morgens erlebt hatte. Ein völlig verstörter Mann, der offenbar die Orientierung verloren hatte, stand da und stierte ihn mit diesem Blick an, der eine fast kindliche Verwunderung über dieses In-die-Welt-gewofen-Sein darstellte. Er hatte dem Mann dann über die Straße geholfen und dieser war langsam und fraglos weitergetippelt. Seine größte Angst ist in dieser Situation gebündelt; körperlich Schwäche gebündelt mit geistiger Abstinenz von dieser Welt. Er hofft immer, es möge ihm so ergehen, wie einem seiner besten Freunde, der bis Mitte siebzig eine unglaubliche Ausstrahlung und Lebensfreude an den Tag legt. Ein Mensch, auf dessen Wort gehört wird, weil er inhaltlich und intellektuell etwas zu sagen hat. Weil hier das Ideal der Milde mit jenem der Weisheit eine sinnvolle Symbiose eingeht und eine sprühende Kreativität erzeugt, die in den Menschen Funken schlägt. Würde das Alter so aussehen, er könnte sich damit wirklich anfreunden. Aber aus der eigenen Familie ist er anderes gewöhnt. Vielleicht sollte Herr Nipp nicht jeden Abend vor diesem Ofen im Ohrensessel sitzen, sondern wieder raus gehen, das wahre Leben erleben und frische Luft schnuppern. Ruhe? Rost!
Aber dieser Satz über den Kuss, aus einem Film vielleicht oder auch einem Buch, er kann sich nicht mehr erinnern, der ihm im kurzen Einnicken im Traum erschien, wie leuchtend mit dieser sanften Stimme, die in den Augen brannte, der wird nicht so schnell vergehen. Und da merkt er, dass er sich versonnen mit dem Zeigefinger der linken Hand über die Lippen streicht, so als wäre da wirklich etwas gewesen. Wundervolle Momente, die ihn die Welt vergessen ließen.

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