„Da schreibt mir ein junger Mann, der in den letzten Jahren viel erlebt hat, der mit den menschlichen Abgründen, den Rändern konfrontiert wurde. Mit Verrat und brutaler Gewalt, mit Hass und Verletzungen, die ich mir nicht auszumalen vermag.“ So beginnt ein Essay über Kommunikation, das Herr Nipp gerade fertiggestellt hat. Was kümmert ihn auch eine erwartbare Form, weiß er doch, dass solche Texte bei ihm verbleiben, nicht, niemals veröffentlicht werden. Weder veröffentlicht noch von irgendwem sonst gelesen. Er weiß, dass sein ganzes Leben, da er nur als Figur existiert, Fiktion ist. Er kann sich jede Realität erschaffen und doch sicher sein, dass außer ihm selbst niemand daran teilhaben wird. Abgesehen von weiteren beteiligten figuren vielleicht, aber die lassen sich auch maskierte Schemen formulieren, die niemals wahre Persönlichkeit erhalten. Vielleicht entsteht daraus ja gerade der Reiz, die wahre innere Schönheit. Tatsächlich aber geht es natürlich über diese erste naive Sicht hinaus. Da er sich als autarke Figur selbst schreibt, den Autor sogar völlig ausblendet, kann er auch den Erzähler auswählen und die Perspektive tauschen, wie es ihm gerade passt. Am besten fühlt er sich allerdings im personalen ER. Ja, natürlich werde ich immer wieder einmal in meiner Ichsicht Bericht erstatten oder deine Gedanken als Allwissender dir selbst offenbaren, lieber Leser. Aber was sollte uns das denn bringen? Also schrauben wir die Flasche wieder zu, nachdem der Geist hineingeschlüpft ist, verstauen sie sicher, ganz tief unten in meiner großen Tasche. Und schon fühlt sich Herr Nipp viel besser. Er lässt sich sich selbst betrachten und hat seine Freude daran. Und an dieser Stelle sei nicht davon gesprochen, dass er sich gerade den Dreck unter seinen Fingernägeln anschaut. Dabei muss er noch nicht einmal Angst vor irgendwem haben, denn er weiß in seiner geschlossenen Welt natürlich, dass alles bei ihm bleibt. Das Geheimnis ist schließlich am besten in, nicht vor der Öffentlichkeit zu wahren. Die Realität ist ja schließlich eine schöne Erfindung. Im engeren Sinne gibt es diese eigentlich auch gar nicht. Sie wird ebenso wie jede Vergangenheit und Zukunft konstruiert. Je nachdem, welche Einzelheiten ich bereit bin zu sehen, kann ich Dinge sehen oder aber ausblenden, als würden sie nicht existieren, denkt er sich. Aber sogleich bemerkt er eine große Gleichgültigkeit, die ihn wie eine Wolke im Gebirge überfällt, denn als ebensolche Konstruktion eines Seienden ist ihm alles möglich, sogar ein grundlegendes Vergessen. Er kann etwa einen schlimmen Unfall gesehen oder unglaublich schönes und vor allem romantisches Erlebnis erlebt haben und schon eine halbe Seite später scheint es uns, als habe er alles vergessen, ja niemals auch nur ansatzweise erlebt. Da fragt man (Wer ist hier eigentlich „man“?) sich doch glatt, ob er sich wirklich selber schafft, oder ob dies doch eher ein äußerer Erzähler ist, der gmeiner Weise auch noch mit völligen Sinnbrüchen arbeitet, die ihm selbst gar nicht auffalen. Der Junge hatte sämtliche Seiten seines Buchmanuskriptes vernichtet. Er sagte mir, dass es schließlich reiche zu wissen, dass er es geschrieben habe. Er wisse nun allein, dass dieses literarische Werk in seiner Volkommenheit existiert habe und jetzt nur noch in seinem Kopf vorhanden sei. Einfach wissen, es habe funktionieren können, aber dem impliziten Leser nicht zuzutrauen, er werde dies auch verstehen; und wenn man diesem schon nicht glaubt, wie sollte dann der reale Leser reagieren. und schon ist er in die nächste Welt geschlüpft, einige Jahre jünger nun und du als Leser kannst dagegen nur etwas unternehmen, wenn du endlich aufhörst zu lesen. Dadurch tritt für Herrn Nipp auch endlich der Wunsch in das Stadium der Erfüllung, ein geheimes Leben zu führen. Er ist zufrieden, hat über sein Gespräch reflektiert, es abgeheftet und sogar teilweise Spekulationen über den tieferen Sinn angestellt. Er hat eigentlich nur erkannt, dass das Wissen und das Sein wichtiger erscheinen als das Sein sein.
-
Archive
- November 2025
- Oktober 2025
- September 2025
- August 2025
- Juli 2025
- Juni 2025
- Mai 2025
- April 2025
- März 2025
- Februar 2025
- Januar 2025
- Dezember 2024
- November 2024
- Oktober 2024
- September 2024
- August 2024
- Juli 2024
- Juni 2024
- Mai 2024
- April 2024
- März 2024
- Februar 2024
- Januar 2024
- Dezember 2023
- November 2023
- Oktober 2023
- September 2023
- August 2023
- Juli 2023
- Juni 2023
- April 2023
- März 2023
- Februar 2023
- Januar 2023
- Dezember 2022
- November 2022
- Oktober 2022
- September 2022
- August 2022
- Juli 2022
- Juni 2022
- Mai 2022
- April 2022
- März 2022
- Februar 2022
- Januar 2022
- Dezember 2021
- November 2021
- Oktober 2021
- September 2021
- August 2021
- Juni 2021
- Mai 2021
- April 2021
- März 2021
- Februar 2021
- Januar 2021
- Dezember 2020
- November 2020
- Oktober 2020
- September 2020
- August 2020
- Juli 2020
- Juni 2020
- Mai 2020
- April 2020
- März 2020
- Februar 2020
- Januar 2020
- Oktober 2019
- Juli 2019
- Juni 2019
- Mai 2019
- April 2019
- Februar 2019
- Januar 2019
- Dezember 2018
- November 2018
- Oktober 2018
- September 2018
- August 2018
- Juli 2018
- Juni 2018
- Mai 2018
- April 2018
- März 2018
- Februar 2018
- Januar 2018
- Dezember 2017
- November 2017
- Oktober 2017
- September 2017
- August 2017
- Juli 2017
- Juni 2017
- Mai 2017
- April 2017
- März 2017
- Februar 2017
- Januar 2017
- Dezember 2016
- November 2016
- Oktober 2016
- September 2016
- August 2016
- Juli 2016
- Juni 2016
- Mai 2016
- April 2016
- März 2016
- Februar 2016
- Januar 2016
- November 2015
- Juli 2015
- Juni 2015
- Mai 2015
- April 2015
- März 2015
- Februar 2015
- Januar 2015
- Dezember 2014
- November 2014
- Oktober 2014
- September 2014
- August 2014
- Juli 2014
- Juni 2014
- Mai 2014
- April 2014
- Februar 2014
- Januar 2014
- Dezember 2013
- November 2013
- Oktober 2013
- September 2013
- August 2013
- Juli 2013
- Juni 2013
- Mai 2013
- April 2013
- März 2013
- Februar 2013
- Januar 2013
- Dezember 2012
- November 2012
- Oktober 2012
- September 2012
- August 2012
- Juli 2012
- Juni 2012
- Mai 2012
- April 2012
- März 2012
- Februar 2012
- Januar 2012
-
Meta