Flüstern

Überall hört er es, dieses leise Wispern, das ihn schon seit Tagen verfolgt. Das ist unfair. So etwas ist auf Dauer wirklich nur sehr schwer erträglich. Er hört seltsame Sätze, die ihn immer wieder tief treffen. „…zeigt wieder einfach wie unfähig…“ oder „…das lässt nur die Schlussfolgerung zu, dass mit großer Verlogenheit operiert wird.“ Unerklärlich bleibt ihm das; als würde dieses Wispern immer wieder an- und abschwellen, mal undeutliches Gemurmel, dann wieder klar artikulierte Wörter. Egal wo er sich aufhält, wo er steht und geht, wie immer wieder so gerne mit einem Gemeinplatz kolportiert wird. „…ein unglaublich bizarres Verhalten…“ Sogar am vorigen Tag im Wald hatte er das Gefühl, als würde dieser Klang der Stadt ihn verfolgen. Durchaus unterbrochen von dem vorfrühlingshaften Vogelgezwitscher, von den als sehnsüchtig interpretierten Schreien der nach Norden heimkehrenden Kraniche, auf welche er jedes Jahr doch ebenso sehnsüchtig wartet. „…das ist wirklich an Perversion grenzende…“ Einmal hört er sogar das sich entfernende Grunzen eines jungen Wildschweins. „…zeigt wieder einmal die Widerwärtigkeit…“ Herr Nipp schließt seine Augen nur für Momente, geht in sich. „…einerlei. Das kann nur noch als Verbrechen bezeichnet werden.“ Was hat er denn getan, dass ihn diese ständigen Vorwürfe begleiten. „…unter Umständen zu rechtfertigen…“ Irgendwann muss doch einmal Schluss damit sein. Als er abends im Fitnessstudio trainiert, ist der Stimmenteppich plötzlich verschwunden. Am nächsten Tag wird er in seinem Mantel ein Miniradio im Dauerbetrieb finden: Deutschlandfunk.

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