Die Kiste II

„Du kannst doch nicht ernsthaft erwarten, dass jedesmals, wenn du in diese schäbige Kiste greifst, auch etwas Schönes dabei herauskommt“, hatte sie ihm vorgeworfen. Das zornige Gesichtchen mit roten Wangen versehen. Sie war nach seiner Behauptung in Rage geraten. „So ein Blödsinn.“ Auch sie hatte den Versuch gemacht und ein Blättchen erwischt, auf welchen genau „1295 b 5“ vermerkt war. Nicht gerade schön, auf den ersten Blick schon gar nicht sinnvoll.

Herr Nipp hatte es sich in den letzten Wochen tatsächlich zum Sport gemacht, jeden Tag einen Zettel zu ziehen und auf seine Schönheitsfähigkeit abzuklopfen. Nicht jeder Zettel konnte von Beginn an als offensichtliche Fundgrube der ästhetischen Erleuchtung gesehen werden, aber man musste sich einer Sache nun einmal öffnen. Er besah sich die Sache für einige Minuten, drehte das Blatt, kam aber nicht weiter. Schweigen, ein Gefühl der negativen Spannung in der Luft. Aber dann hatte er einen so einfachen Gedanken, dass es ihm schon fast schlecht wurde dabei. „Das ist ein Code, der so simpel gestrickt ist, das macht schon fast keinen Spaß mehr.“ Sie schaute ihn verständnislos an. Wahrscheinlich hätte man herrliche Fotos von diesem Gesichtsausdruck machen können, schoss ihm ein Gedanke zwischen die Ohren. „Das sind Buchstaben. 1 ist a, zwei dann b, 9 wird i sein, b ist b und 5 gleich e, das wäre dann :abiebe.“ „Völliger Blödsinn.“ „Nein, 12 ist l. Dann wäre es Liebe.“ „Oh, wie schön.“

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Die Kiste I

„Naturräume großlandschaften gebirge tiefe höhe umschlossene senken flache seen in die schneeregion aufragende gipfel erdbebenreiche küstenregion“ Er hatte wieder einmal in der alten Kiste gegrabbelt, die irgendwann auf dem Trödelmarkt erworben worden war. Die abgewetzte Holzschachtel für dicke Altherrenzigarren amüsierte, nein, begeisterte ihn immer wieder, wenn er per Zufall hineingriff und die Schmierzettel eines Fremden herauszog. Das hatte fragmentarischen Charakter. Notizen, die irgendwie kryptisch wirkten, ohne jegliche Interpunktion oder grammatische Konstruktion. Wohl thematisch gebunden, jedoch auch unerklärbar.  Immer wieder aber musste er feststellen, dass diese Worthäufungen in Verse gesetzt wunderschöne Gedichte ergeben, welche die Gedanken zum Fliegen bringen.

Naturräume

großlandschaften
gebirge tiefe höhe
umschlossene senken
flache seen
in die schneeregion aufragende gipfel
erdbebenreiche küstenregion

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Gewinnen

„Im Ignorieren der Dinge alles verlieren
In der Speicherungswut die Welt vergessen
Im Beharren den Überblick gewinnen
In der Versessenheit vermessen werden
Als Fragment gesetzte Wahrnehmungssplitter
Als Schein im trüben Fenster“

In der Betrachtung dieser Zeilen, die er nachts zuvor wie im Rausch verfasst hatte, musste er doch einfach an sich zweifeln. Aber er lächelte, wusste um einen verlorenen Tag, der ihm viel bedeutet, wusste um einen Blick, der ihn tief berührt hatte. Er wusste auch um die kleinen blauen Flecken und rötlichen Streifen auf der Seelenhaut und würde dem Heilen entgegenfiebern. Die Tage rannten ihm mal wieder davon.
Wer weiß schon, was die Zeit bringt, dachte er, letztlich kann man alles nur ins Rück betrachten und muss plötzlich feststellen, dass die Wertung und Bewertung der Zusammenhänge sich stetig ändert.
Er stand auf, füllte sich Kaffe nach, zerknüllte den Zettel und ließ ihn nachlässig in den Altpapiereimer fallen.

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Der Roman

Er hatte sich Papier gekauft, einen ganzen Block, einen wunderschönenen Füller und Tinte. Er würde einen Roman verfassen, große Prosa, hatte er gesagt. Und irgendwann auch lesen und schreiben lernen.

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Wie nun also weiter?

Als er am nächsten Morgen erwacht war, den ersten Kaffee getrunken hatte und sich wunderte, dass alles sehr ordentlich aussah, keine Matratze, die einfach so herumlag, keine verstreuten Dinge auf dem Boden und den Tischen, sondern klare Sache, wusste er, dass es sich tatsächlich so abgespielt hatte, dass es kein Traum gewesen war. Er setzte sich für einige Zeit zum Frühstück nieder, zwei Brötchen mit selbst gemachter Marmelade, und tatsächlich (ein zweites Mal) kam ihm ein Lächeln ins Gesicht. Er dachte: Was dich nicht umbringt, macht stärker.

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