Molch

Nachts kommt Herr Nipp in heiterem Gespräch zufällig mit einer Nachbarin nach Hause, die er unterwegs getroffen hat. Beide waren auf einer Veranstaltung und hinterher mit anderen in einem Lokal in der Nähe. Einem der letzten verbliebenen nach dem allgemeinen Kneipensterben. Aus dem Augenwinkel nimmt er eine Bewegung auf dem hellen Straßenbelag wahr. Tatsächlich quert mit unsicheren Schritten ein kleiner Bergmolch den Betonstreifen zwischen den Häusern, ganz nah einem abgestellten Auto. Kurzentschlossen greift Herr Nipp das zarte Amphibium und trägt es in den eigenen Garten. um ihm die Möglichkeit zu geben, sich einen Platz im Teich zu suchen. Kaum berührt das Tier die Wasseroberfläche verlässt es die Hand und lässt sich in die Tiefe gleiten. Zwar weiß der selbst erkorene Retter nicht, ob die Tat wirklich angemessen oder klug war, aber zumindest, dass er den Bergmolch am nächsten Morgen nicht als plattgefahrenes Straßendekor finden wird.

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faszinierend

Ja, schon klar, das interessiert jetzt keine Sau. Die einen nicht, weil sie nichts mit Pflanzen zu tun haben und wollen, die anderen auch nicht, weil die botanischen Namen fehlen und wie ja wohl bekannt ist, kann man den deutschen Benennungen nicht trauen. Zu oft haben völlig verschiedene Blumen die gleichen, missverständlichen oder zu viele Bezeichnungen. Und wer will schon einen Text lesen, in dem ein in den eigenen Garten verliebter Protagonist geschildert wird, der mit einer Tasse Tee früh morgens lustwandelt und sich an Schlüsselblumen, Scilla, Lärchensporn, Nieswurz und Narzissen, an Bärlauch und Akeleien, an Storchschnabel, Hirschzungenfarn und all dem anderen Gestrüpp erfreut? Herr Nipp findet es faszinierend, ich selbst würde es wahrscheinlich auch nicht lesen.

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Herbstlicht

Die Sonne streift die vor ihm sich ausbreitende Landschaft fast waagerecht. Jede Pflanze wirft unglaublich lange Schatten. Die Pfeifenputzergräser leuchten fast überirdisch und bewegen sich im Takt der Windböen. Die Birkenblätter blinken bei jeder Bewegung als würden sie ihn grüßen. Herr Nipp nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Mineralwasserflasche und beißt erneut in den Apfel, den er mitgebracht hat. Die Wärme der Strahlung ist nicht mehr so intensiv wie noch vor einer Woche. So schnell geht das. Jetzt wird es schon wieder Herbst, denkt er und lehnt sich behaglich zurück, dabei schien das Jahr doch gerade erst begonnen zu haben. So schnell geht das also. Aber, und das darf auch mal gesagt werden, er hat es gelernt, jede Minute zu bewusst wahrzunehmen.

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Apfelmühe

Da sitzen sie und schreiben. Schreiben um die Wette als ginge es um ihr Leben, die Ehre und Gewinn oder Verlust eines historischen Großkrieges. Die Köpfe scheinen zu rauchen, zwischen Anspruch und Anspannung, Zuspruch und Zaudern entstehen energiegeladene Wortakkumulationen, Konglomerate des Argumentierens wie Wissens. Welcher Apfel darf wann vermarktet werden und welcher nicht? Die Anwesenden haben eine Aufgabe, die herausfordert und alle Schreibenden fast und per se zum Scheitern verurteilt. Und dann geht es plötzlich wie ein eruptives Zucken durch die Gruppe. Ja. Die Idee. Warum ist da vorher niemand drauf gekommen? Oh man. Als die Reden gehalten werden, merkt jede und jeder sofort, hier ist etwas in und zwischen jeder und jedem passiert . Und Herr Nipp hat selten so lachen müssen, wie abstrus Begründungen verfasst sein können.

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Lesungseindrücke

Schon lustig, denkt er, würden alle Text von Wortkorrekturprogrammen diktiert, es entstünden ebensolchen Stereotype als solche, die er bei dieser Lesung gehört hat. Immerhin erschienen ihm die Erläuterungen aber fundiert und ehrlich.Herr Nipp ist doch einigermaßen verblüfft, dass anerkannte Literaturverlage solche doch eher blassen Bücher veröffentlichen. Erinnerungen literarisch zu fassen scheint eben doch schwieriger zu sein als gedacht und nicht jeder Autor kann sich zu einem Elias Canetti stilisieren. Aber immerhin durfte er einen unterhaltsamen bis bunten Abend erleben. Das Schönste daran allerdings waren die zynischen Kommentare aus dem Off, die der schmale Mann an der Weintheke von sich gab.

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