{"id":8434,"date":"2022-08-17T08:54:00","date_gmt":"2022-08-17T06:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=8434"},"modified":"2022-07-11T09:49:25","modified_gmt":"2022-07-11T07:49:25","slug":"fruehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=8434","title":{"rendered":"Fr\u00fche"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit drei Uhr fr\u00fch sitzt er im Wald. Ein Freund hat ihn eingeladen mitzukommen. Wer macht so etwas schon freiwillig, abgesehen von B\u00e4ckern vielleicht mit einem leicht masochistischen Trieb. Aber es soll ja inzwischen B\u00e4ckereien in Gro\u00dfst\u00e4dten geben, die erst um acht oder neun \u00f6ffnen, damit die B\u00e4cker l\u00e4nger schlafen k\u00f6nnen. Na gut, er hat sich in einem unbedachten Augenblick darauf eingelassen und irgendwie ist es ja auch ein Abenteuer. Als er noch Kind war, erschien es ihm immer wie ein gro\u00dfes Abenteuer, wenn er mit Geschwistern und Eltern fr\u00fch morgens um zwei Uhr in den Urlaub fuhr, in die Alpen, verbunden mit der Hoffnung, die Stra\u00dfen w\u00fcrden leer sein. Vielleicht aber vor allem verbunden mit der Hoffnung, die Kinder w\u00fcrden die halbe Fahrt verschlafen. Das war ihm damals allerdings zu aufregend. Erst wenn es richtig Tag war, wurde er m\u00fcde. Nicht dass er besonders viel quengelte, aber er konnte schon viele nervige Fragen zu all den Beobachtungen ,die er unentwegt machte, stellen, so dass die Mutter sich irgendwann auf dem Beifahrersitz herumdrehte und sehr eindringlich dazu aufforderte, doch endlich mal ruhig zu sein. Wenn das passierte, wusste er, er hatte es mal wieder \u00fcbertrieben. Wissensdrang w\u00fcrde er in Zukunft haupts\u00e4chlich in B\u00fcchern stillen. Und nein, es war nicht gut, die Eltern und insbesondere den zuweilen kolerischen Vater mit Fragen, die er nicht beantworten konnte, zur Wei\u00dfglut zu bringen. Punkt.<br>Wie es fr\u00fcher der Weg zum Urlaubsort, ist heute schon allein der Weg zum Ansitz eine gro\u00dfe Herausforderung. Es geht durch dichtes Gestr\u00fcpp, das offensichtlich seit Jahren nicht freigeschnitten wurde und \u00fcber \u00c4ste, die von den letzten Baumf\u00e4llungen liegen geblieben sind. Auf den ehemaligen Fichtenfl\u00e4chen, die von Hitzeperioden und Borkenk\u00e4fern leergefegt wurden, bleiben alle sperrigen Zweige und \u00c4ste liegen, die sind offenbar nicht wirtschaftlich nutzbar. Damals, vor zwei Jahren waren pl\u00f6tzlich alle B\u00e4ume tot. Drei Jahre D\u00fcrre k\u00f6nnen einige Arten nicht aushalten. Die Welt hat sich ver\u00e4ndert, bestimmte Formen des Kulturwaldes werden in Zukunft nicht mehr funktionieren. Vor sollte dar\u00fcber nachgedacht werden, ob Monokulturen und in Reihe stehende Baumplantagen noch zukunftsf\u00e4hig sind. Bestimmte Baumarten werden verschwinden, welche \u00fcberlebensf\u00e4hig sind, ist noch nicht gekl\u00e4rt. \u00dcbergangszeiten sind schwierig. Vielleicht die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung unserer Gesellschaft, auch wenn es einigen Menschen immer noch nicht bewusst wird. Ja, ich wei\u00df, es ist enervierend, wenn immer wieder dar\u00fcber berichtet wird, aber wenn immer noch Menschen die letzten Reste der Vegetation auf ihren Grundst\u00fccken mit Gift, Essig, Salz, Hochdruckger\u00e4ten und Gasbrennern vernichten, dann muss dagegen angeschrieben werden. Wer sich immer noch Scheuklappen aufsetzt, weil das Leben so einfacher erscheint, soll das bitte tun. Wer das nicht lesen m\u00f6chte, verschlie\u00dfe bitte die Augen vor der Realit\u00e4t, ziehe sich in sein Schneckenh\u00e4uschen zur\u00fcck und lasse sich irgendwann von den Ereignissen der Zukunft \u00fcberrollen.<br>Es knackt unter den F\u00fc\u00dfen und Herrn Nipp kommt es so vor, als w\u00e4re er eine Walze, die mit ihrer Lautst\u00e4rke s\u00e4mtliche Tiere verschrecken muss. Eigentlich ist die Fl\u00e4che, auf welcher der Freund ansitzen m\u00f6chte, kein sch\u00f6ner Anblick, wenn man wei\u00df, dass hier vor drei Jahren noch dicht nebeneinander B\u00e4ume standen. Doch tats\u00e4chlich ist das Leben neu erwacht, als habe es nur darauf gewartet, dass der Boden endlich mal Licht bekommt. Siebzig Jahre hat er gewartet auf diesen Moment und jetzt sprie\u00dfen an allen Stellen Kr\u00e4uter, Farne, erste Birken und Zitterpappeln, sogar Eichen und Buchen sieht Herr Nipp. Da und dort eine Eberesche, ein Faulbaum, Himbeerstr\u00e4ucher \u00fcberall, das allerdings wird er erst differenzieren k\u00f6nnen, wenn die Sonne aufgegangen ist. Noch herrscht eine diffuse Dunkelheit um sie herum. Neben den herangewehten Samen scheinen die sogenannten Diasporen endlich ihre ihre Chance zu ergreifen. Samen, die seit Jahrzehnten keimf\u00e4hig, aber ruhend im Boden lagen. Das Sauerland hatte die Fichte mal als Brotbaum, diese Zeit ist nun vorbei. Welch ein Gl\u00fcck. Vielleicht bekommt die Landschaft nun die Chance wieder echte Natur zu entwickeln. Es bleibt abzusehen, ob unsere Gesellschaft schon reif genug daf\u00fcr ist, dies zuzulassen. <br>Sie lauschen den letzten Ger\u00e4uschen der Nacht, auch der weit entfernt sichtbaren Autobahn, die ihr niemals abrei\u00dfendes Rauschen in die Landschaft schickt. Unsere Landschaft ist dauerhaft penetriert von den Maschinenger\u00e4uschen der Menschen, dort ein Auto, dort eine willk\u00fcrlich in die Landschaft gestreute Fabrik. Hier ein Lastkraftwagen, da ein Motorrad mit \u00fcberlautem Auspuff, hier eine Klimaanlage, dort ein Generator. Immerhin schaffen wir es, diese Kulisse zu verdr\u00e4ngen, meist jedenfalls. Dazwischen aber ab und zu das Knacken von Holz, das Fiepen von M\u00e4usen, das Grunzen eines Wildschweins, kleine Wesen, die fix \u00fcber den Boden huschen, von Unterschlupf zu Unterschlupf. Mit der Ahnung des anbrechenden Tages beginnen die Amseln und Singdrosseln ihre Lieder zu singen. &#8222;H\u00f6rt her, da bin ich. Ich bin der beste S\u00e4nger.&#8220; Herr Nipp f\u00fchlt sich ein wenig an einen Hit der neuen deutschen Welle Anfang der achtziger Jahre erinnert, darin hei\u00dft es: &#8222;Schaut mich an, ich bin die Sch\u00f6nste! Schaut mich an, ich tanz am Besten!&#8220; Tango 2000 der Band Nichts.<br>Nach und nach baut sich eine unverwechselbare Klangkulisse auf. Auch die Ger\u00fcche ver\u00e4ndern sich mit den ersten Sonnenstrahlen, die \u00fcber die Fl\u00e4che streicheln. Alles \u00e4ndert sich, die Kulissenelemente werden pl\u00f6tzlich zu feingliedrigen Teilen, die kompakten Fl\u00e4chen der Nacht verschwinden. Raum entsteht. Es hat sich wirklich f\u00fcr Herrn Nipp gelohnt, so fr\u00fch aufzustehen. Auch falls sie kein Reh, keinen Hirsch und kein Wildschwein sehen werden. Aber diese Kombination aus optischen, olfaktorischen und akustischen Eindr\u00fccken ist ein sch\u00f6nes, ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Erlebnis. Nur die Holzbank, auf der die beiden Freunde seit Stunden sitzen, ist sehr hart.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit drei Uhr fr\u00fch sitzt er im Wald. Ein Freund hat ihn eingeladen mitzukommen. Wer macht so etwas schon freiwillig, abgesehen von B\u00e4ckern vielleicht mit einem leicht masochistischen Trieb. 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