{"id":7085,"date":"2020-10-29T06:35:18","date_gmt":"2020-10-29T05:35:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=7085"},"modified":"2020-10-29T06:35:18","modified_gmt":"2020-10-29T05:35:18","slug":"risse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=7085","title":{"rendered":"Risse"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Blatt hat definitiv Risse. Zu \u00fcberlegen ist, ob es eigentlich noch einen Wert hat. Herr Nipp zweifelt, legt es beiseite. Er wird es auch die n\u00e4chsten Tage erstmal nicht beachten. Als er es ein zweites Mal in die Finger bekommt, \u00e4rgert er sich. Das darf doch nicht wahr sein. Ein weiterer Riss hat sich inzwischen ergeben. Warum und wie, das ist ihm v\u00f6llig schleierhaft. So legt er das Blatt zwischen andere Bl\u00e4tter, will es einfach nicht mehr sehen. Er kann sich noch genau daran erinnern, dass er als Kind eine Briefmarke tauschen wollte und sein Gegen\u00fcber feststellte, dass diese einen winzigen riss hatte. &#8222;Die ist wertlos.&#8220; Er hatte sich bei einem Verwandten erkundigt und erfahren, dass dem wirklich so  war. Briefmarken mit Riss haben f\u00fcr Sammler keinen Wert. Vielleicht, denkt er nun, haben ja alle Bl\u00e4tter, Zettel und Schriftst\u00fccke, die mit Bildern bedruckt sind, keinen Wert mehr. Er \u00fcberlegt, wie es wohl f\u00fcr einen Sammler von historischen Grafiken ist, wenn er entdecken muss, dass sein gehegter und gepflegter Rembrandt links oben an der Ecke einen kleinen Riss hat. Wird der die Radierung wegwerfen? Wertlos? Oder die Lithografie von Picasso, damals gekauft f\u00fcr einige tausend Mark &#8211; oh man, das darf nicht wahr sein, wie konnte das nur geschehen? Altpapier. Herr Nipp kann sich in solche Szenarien hereinsteigern. Auch die Aktien, die er sich damals real hatte ausgeben lassen, der reinste Wahnsinn, alles wertlos, nur weil er nicht aufgepasst hatte. Das muss er unbedingt recherchieren. Er wird, sobald er Zeit aufbringen kann, im Netz in den diversen Foren um Rat fragen.<br>Nachmittags muss er feststellen, dass der Klapprechner, den er seit nunmehr sieben Jahren benutzt hat, nicht mehr funktioniert, immer mehr Teile des Betriebssystems, das beim Kauf schon veraltet war, tun es einfach nicht mehr. Schon vor einigen Monaten, hatte er alles entr\u00fcmpelt, was er nicht t\u00e4glich im Gebrauch hatte. Aber so geht es einfach nicht weiter. Wenn inzwischen neben der Fotobearbeitung auch das einfache Textprogramm den Geist aufgibt, wenn einzelne Tasten keine Signale mehr weiter geben, drei sogar abgebrochen sind und das Ladeger\u00e4t, welches nun dauerhaft angeschlossen sein muss, weil auch der Akku sich binnen weniger Minuten entl\u00e4dt, einen offensichtlichen Schaden hat, dann gibt es nur noch eines, er wird sich endlich ein neues Ger\u00e4t anschaffen. Dieses Mal ohne die Beratung durch seine Mitbewohner, die normalerweise alles viel besser wissen, als er selbst. Diese sind n\u00e4mlich gar nicht da. Das macht er ihnen auch gar nicht zum Vorwurf, schlie\u00dflich m\u00fcssen auch die ihr eigenes Leben f\u00fchren und das ist wahrscheinlich vielf\u00e4ltiger als er es sich vorstellen kann. Er sch\u00e4tzt deren Kenntnisse zwar \u00fcber alles, aber sie haben die Angewohnheit, im Netz zu kaufen und Herr Nipp ist nach wie vor der Meinung, dass der Kauf in der Stadt mehr Menschen Arbeit und ein Auskommen bringt. Er glaubt auch weiterhin, dass Gesch\u00e4fte letztlich der Allgemeinheit gegen\u00fcber fairer sind als internette Gro\u00dfkaufh\u00e4user, selbst, wenn man etwas mehr zahlen muss, denn sie zahlen wenigstens Steuern. Au\u00dferdem erzeugen sie weniger Verpackungsm\u00fcll. Er l\u00e4sst sich im Gesch\u00e4ft beraten. Ein netter Mann, der ihm kompetent erscheint. Ein Mann, der ihm auch noch das Gef\u00fchl vermittelt, er mache seinen Job gerne. Ohne irgendwelches Fachgefasel, erkl\u00e4rt der. Ein gro\u00dfer Bildschirm muss sein, mit einer ordentlichen Grafikkarte, klar, ein ordentlicher Arbeitsspeicher auch, sicher. Au\u00dferdem hat er wirklich keine Lust mehr, so lange darauf zu warten, dass das Ger\u00e4t endlich hochf\u00e4hrt. Tats\u00e4chlich findet er ein entsprechendes Ger\u00e4t, das au\u00dferdem auch noch finanzierbar erscheint. &#8222;Sie m\u00fcssen das Ger\u00e4t nur hochfahren und den Anweisungen folgen, dann geht das schon alles fast von alleine.&#8220; Ja, das wird wohl gehen. <br>An der Kasse holt der jetzt schon zufriedene Kunde Bargeld aus dem Portmonaie, legt Schein f\u00fcr Schein auf den Thresen. Die Kassiererin schaut ihm ins Gesicht, l\u00e4chelt, nimmt das Geld entgegen, pr\u00fcft es kurz, z\u00e4hlt noch einmal durch und reicht ihm die Quittung. Erst drau\u00dfen f\u00e4llt Herrn Nipp auf, dass auch der Schein mit dem Rissen dabei war. Er zuckt kurz einmal mit den Schultern, legt den Karton ins Auto und f\u00e4hrt beruhigt nach Hause. Offenbar ist es gar nicht so schlimm, dass Geld auch Risse hat, solange die Menschen daran glauben, dass es Geld ist. Vielleicht ist es mit den Kunstgrafiken ja \u00e4hnlich und er muss sie gar nicht entsorgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Blatt hat definitiv Risse. Zu \u00fcberlegen ist, ob es eigentlich noch einen Wert hat. Herr Nipp zweifelt, legt es beiseite. Er wird es auch die n\u00e4chsten Tage erstmal nicht beachten. 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