{"id":6816,"date":"2020-06-28T12:24:09","date_gmt":"2020-06-28T10:24:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=6816"},"modified":"2020-06-29T18:40:43","modified_gmt":"2020-06-29T16:40:43","slug":"baumarktopfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=6816","title":{"rendered":"Baumarktopfer"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit einigen Wochen hat Herr Nipp ein neues Hobby. Als schlichtes Gem\u00fct, das er ja eigentlich ist, f\u00e4llt es ihm normalerweise schwer, wirklich gefallen an einer T\u00e4tigkeit zu finden. Ist das aber einmal passiert, dann richtig. Was hat er schon alles in seinem Leben ausprobiert und es niemals zu echter K\u00f6nnerschaft gebracht. Mineraliensammlung, Sammeln \u00fcberhaupt, da gab es Briefmarken als Kind und Jugendlicher, M\u00fcnzen auch eine gewisse Zeit und dann kamen irgendwann Druckgrafiken dazu, niemals in der Hoffnung, dass diese mal wertvoll sein w\u00fcrden, aber es war ihm spannend etwas \u00fcber das Erschaffen von all dem zu erfahren. Aber sobald dieses Wissen dann zu speziell zu werden drohte, gab er sein Hobby auf. Eine Zeit lang hatte er nat\u00fcrlich auch Pflanzen gesammelt und eigene Fotos von m\u00f6glichst vielen Pilzen. Dar\u00fcber h\u00e4tte er vielleicht auch gerne ein Buch geschrieben, musste jedoch feststellen, dass er einfach zu wenig Ahnung hat. Zumindest immer dann, wenn er sich mit echten Spezialisten unterhielt. Spannend h\u00e4tte er es auch gefunden, vermutet er, Apfelsorten und andere B\u00e4ume zu sammeln. Aber daf\u00fcr braucht man nun einmal einen Park oder ein riesiges Grundst\u00fcck, und sein Fleckchen Erde, das er sich irgendwann zugelegt hatte, ist einfach zu klein. So hat er irgendwann etwas entdeckt, das er gerne macht, wahrscheinlich bis zum Ende gerne machen wird. Es ist ein Garten, der jedem Au\u00dfenstehenden anmuten muss wie unertr\u00e4gliches Chaos. Vermutlich werden sich vor allem seine Nachbarn mit Grauen abwenden. Das Gras vor dem Haus ist Ende Juni immer noch nicht gem\u00e4ht, weil die Margeriten auss\u00e4hen sollen. Und dazwischen stehen inzwischen viele Stauden, die er nicht k\u00fcrzen will. Alant und Akeleien, Malven und Stockrosen.  Ertr\u00e4glich wird es tats\u00e4chlich auch erst, wenn man von ihm \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge aufgekl\u00e4rt wird, die er sich denkt und manchmal ganz bewusst zusammenspinnt. Das kann er ganz gut, denn das meiste, was er in B\u00fcchern liest, beh\u00e4lt er irgendwie, nur keine lateinischen Namen, das hat wahrscheinlich etwas mit seiner schulischen Abneigung gegen Latein und andere Fremdsprachen zu tun, die er immer nur als l\u00e4stig empfunden hat. Dann redet er von Pflanzensoziologie und den Zusammenh\u00e4ngen zwischen Insekten und Pflanzen, von V\u00f6geln und Kleins\u00e4ugern spricht er auch und irgendwie, das muss man ihm einfach zugeben, scheint auch alles Hand und Fu\u00df zu haben. Nicht unbedingt, wenn man sich die Fachliteratur anschaut, denn er hinterfragt diese und bezweifelt oft, aber offensichtlich ist er ein ganz guter Beobachter, der Zusammenh\u00e4nge herstellen kann. Schlichtheit besteht manchmal auch in klaren Blicken. Und vor allem ist er jemand, der nicht einfach sofort alles vernichtet, was ihn st\u00f6rt. Ja, er sieht wohl, dass die Schnecken ihm wieder einmal \u00fcber Nacht die Kohlrabipflanzen verw\u00fcstet haben, das war im alten Garten nicht passiert. Dann fragt er nach den Zusammenh\u00e4ngen und ist sich sicher, dass nicht die Schnecken Schuld sind, sondern er selbst etwas falsch gemacht haben muss. Er sucht und findet nicht. Er findet keine Tigerschnegel und genau das muss es sein. Der Igel, der unter der Eibe haust, kann nicht alles leisten. Die Schneckengelege findet der n\u00e4mlich mit Sicherheit nicht, das macht der Tigerschneck. Und, so seine These, wenn der fehlt, dann werden die anderen Weichtiere machen, was sie m\u00fcssen. Fressen. Sie sind nicht boshaft. Er wird in so einem Fall mit Sicherheit nicht mit Schneckenkorn arbeiten. Warum sollte er sich den eigenen Garten vergiften, er hat schlie\u00dflich sogar  aufgeh\u00f6rt zu rauchen, um die eigene Vergiftung niedrig zu halten. So schlimm ist es schlie\u00dflich nicht, dass mal ein paar Pflanzen zu schaden kommen. Wenn das Ganze nicht stimmt, kann mit Einzelheiten nicht geholfen werden, dann muss seiner Meinung nach, das Ganze stimmig gemacht werden. Mit Gift geht das nicht. Er begreift auch den Garten als eine Form der Natur, eine k\u00fcnstliche Natur, soviel ist sicher, eine in gewisser Weise geb\u00e4ndigte und menschlich geregelte Natur, aber eben nur funktionierend, wenn gewisse Regeln des Zusammenlebens der Pflanzen und Tiere beachtet werden. Dann kann sich der Mensch gewiss sein, dass er dort immer wieder Erstaunliches entdecken kann. Und auch das ist Herrn Nipp wichtig. Jeden Tag, wenn er seine Tour durch den Garten macht, hier oder dort einige Samen erntet und an anderer Stelle wieder auss\u00e4ht, einige auch in die Tasche steckt, um sie im n\u00e4chsten Jahr zu nutzen. Jeden Tag, wenn er durch den Garten schreitet und hier oder dort ein Kr\u00e4utchen zupft, es in den Mund steckt, wohlig in Gedanken darauf herumkaut. Jeden Tag wenn er sich im Garten b\u00fcckt und irgendeine Pflanze betrachtet, die ihm bisher vielleicht noch nicht aufgefallen war oder ein Insekt, das ihn erstaunt. Alles das geh\u00f6rt nicht ihm, das ist klar, er wei\u00df, dass er nur die unglaublich sch\u00f6ne Gelegenheit hat, sie als G\u00e4ste begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen. Pflanzen wie Tiere. Auf die Frage einer Freundin, warum er denn keine Bienenhotels im Garten habe, antwortet er genau so einfach, wie er simpel denkt. \u201eWo ich gen\u00fcgend Strukturen habe, die Insekten nutzen k\u00f6nnen, braucht es kein Insektenhotel. Es kann nicht aufger\u00e4umt aussehen, wenn die ein Chance haben sollen. Insekten brauchen kein Hotel, das ist nur eine modische Oberfl\u00e4che. Es braucht Bl\u00fcten als Nahrung und nat\u00fcrliche Strukturen als Wohnung. Alles andere ist Baummarktmarketing.\u201c In seinem Garten kann man stolpern, weil er nicht so genau darauf achtet, dass alles ebenerdig ist. \u00dcberall liegen Steine oder Holzst\u00fccke, an verschiedenen Stellen hat er Hochbeete aus verschiedenem Stein aufgebaut. Bienen k\u00f6nnen sich auch Lehm holen, der an verschiedenen Stellen offen daliegt. Zwischen den Pflanzen allerdings ist kaum mal Braun zu sehen, weil er meint, dass offener Boden durch die Sonnenstrahlung gesch\u00e4digt wird und au\u00dferdem mehr Wasser durch Verdunstung gebraucht wird. In seinem Garten findet sich fast gar kein Beton, kein sichtbarer auf jeden Fall. Die Waschbetonplatten aus den fr\u00fchen Sechzigerjahren hat er bei einer Tauschplattform verschenkt und durch gebrauchte Natursteine ersetzt, die er \u00fcber Monate auf einem Schuttplatz zusammengesucht hatte. F\u00fcr ihn grenzt es an Wahnsinn, dass solche Werkstoffe einfach zu Split verarbeitet oder in der Deponie entsorgt werden, anstatt die wiederzunutzen. Die alten Waschbetonplatten liegen nun als Fundament eines Gartenh\u00e4uschens irgendwo in der Nachbarstadt. Das freut ihn. Die Einfahrt zur Garage wird gerade mit altem Steinen gepflastert, die er sich im Internet zusammenstoppelt. Hier 580 Steine, dort 300. Und genau das ist sein neues Hobby. Er sucht, findet oder besser noch wird ihm gefunden. Von einer Freundin dann meistens. Wenn der Preis akzeptabel ist. Gestern hat er wieder Steine abholt, Grauwacke, gebraucht. Leider ist die Oberfl\u00e4che noch nicht glatt, aber das kommt mit den Jahrzehnten, da ist er sich sicher. Dass er daf\u00fcr eine halbe Stunde fahren musste, findet er akzeptabel. Die Landschaft um Lippstadt herum ist durchaus mancherorts idyllisch, immer dort, wo die Landwirtschaft behutsam versucht, eine L\u00f6sung zwischen Landschaftsschutz und Wirtschaftlichkeit zu finden. Also fuhr er aus seinem geliebten Sauerland dorthin. Er fand auch das Haus, an sich ganz h\u00fcbsch, rot gestrichen. Der Rest bescherte ihm blankes Entsetzen: Abgegrenzt durch einen Metallzaun, mit dunkelgrauen Plastikstreifen durchflochten, ein abgezirkelter exakter Rasen, kein Unkr\u00e4utchen, klar unter zwei Zentimeter gem\u00e4ht. Au\u00dfen herum durch dunkelgraue Betonpflastersteine begrenzt. Auf einem St\u00fcck zwischen Haus und Zaun stehen zwei dunkelgraue Wellblechschuppen, Baumarktqualit\u00e4t, auf dunkelgrauem Betonpflaster. Alle Geh- und Fahrfl\u00e4chen ebenso exakt mit dunkelgrauen Betonsteinen belegt. Alles ist neu gemacht, kein Busch, keine Blume, keine Bl\u00fcte, an keiner Stelle weicht etwas von Akkuratesse und Sauberkeit ab. Man kann es sehen, es wird sich nicht \u00e4ndern, auf Jahre hin festgelegt, Jahrzehnte vielleicht. Die Ma\u00dfe wurden eingehalten, keine Unebenheit, keine Buckel. Die Natur ist ausgeschaltet. Der Rasen wird durch einen leise surrenden Roboter gem\u00e4ht. An keiner Stelle ist Platz f\u00fcr ein Beet eingeplant. Alles sonstige lackiert, dunkelgrau, gl\u00e4nzend. So hat sich Herr Nipp immer die Tristesse eines Gef\u00e4ngnisses oder Arbeitslagers vorgestellt. Aber hinten in der Ecke, da entdeckt Herr Nipp ein Insektenhotel. Er l\u00e4dt mit den zwei Helferinnen, die mitgekommen sind, ganz schnell das einzig Nat\u00fcrliche auf, was geblieben war, die Grauwackesteine. Auf der Heimfahrt meint eine der Mitfahrerinnen: \u201eBaumarktopfer.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Wochen hat Herr Nipp ein neues Hobby. Als schlichtes Gem\u00fct, das er ja eigentlich ist, f\u00e4llt es ihm normalerweise schwer, wirklich gefallen an einer T\u00e4tigkeit zu finden. Ist das aber einmal passiert, dann richtig. 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