{"id":5335,"date":"2016-11-25T08:59:10","date_gmt":"2016-11-25T07:59:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=5335"},"modified":"2016-07-31T20:32:55","modified_gmt":"2016-07-31T18:32:55","slug":"truebe-tage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=5335","title":{"rendered":"Tr\u00fcbe Tage"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten B\u00e4ume hatten l\u00e4ngst ihr Laub fallen lassen, manchmal, aber nur wenn es wirklich gut ging, leuchtete die schw\u00e4cher gewordene Sonne durch die \u00c4ste und Zweige des Laubwaldes. Nat\u00fcrlich wei\u00df jeder, dass die Sonne nicht schw\u00e4cher geworden ist, sondern nur der Einfallwinkel der Sonnenstrahlen ein f\u00fcr das Wetter abk\u00fchlende Wirkung zeitigt. Sein beschnauzbarter Physiklehrer Herr O. hatte es einmal ganz einfach erkl\u00e4rt. Er hatte eine Taschenlampe genommen und sie senkrecht \u00fcber ein Blatt Papier gehalten. Dabei wurde nur ein kleiner Kreis voll ausgeleuchtet. &#8222;Wenn ihr bedenkt, dass dies die zur Verf\u00fcgung stehende Energie ist und dann das Papier kippt, werdet ihr sehen, dass eine viel gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4che mit der gleichen Energie abgedeckt wird, sollte jeder bemerken, dass jeder Punkt auf dem Papier nur noch einen kleinen Teil der zur Verf\u00fcgung stehen Energie erhalten kann. Das Papier ist dann nicht mehr so hell. W\u00e4re es jetzt eine dicke Gl\u00fchbirne, dann auch nicht mehr so warm. Genauso ist das mit dem Winter bei uns.&#8220; Solche Erkl\u00e4rungen konnte sogar der gr\u00f6\u00dfte Depp verstehen. Da merkte man, dass dieser Lehrer aus der Praxis kam. Jenseits irgendwelcher abstrakter Theorien setze er diese in anschauliche Bilder um.<br \/>\nDer Fr\u00fchling mit seinem zarten Gr\u00fcn, das gerade aus den kleinsten Zweigen treibt, schien ihm schon lange nur noch ein Zustand, der kaum noch denkenswert war, vielleicht als Hoffnung in einer weit entfernten Zukunft. Die j\u00e4hrliche Bl\u00fctenpracht an allen Wegr\u00e4ndern, die von den meisten Menschen beflissentlich \u00fcbersehen wurde, das Sprie\u00dfen von unscheinbaren Pfl\u00e4nzchen, all dies war vielleicht denkbar oder hilflos zu erinnern, aber erschien in der grauen Jahreszeit eben nicht real. Jetzt roch es an jeder Ecke nach Moder und vergehenden Pilzresten, \u00fcberall sah man Pf\u00fctzen. Einige Nachz\u00fcgler trieben wohl noch Bl\u00fcten, aber das wirkte eher hilflos.<br \/>\nHerr Nipp hatte seine Wanderschuhe angezogen und war nun auf dem Weg. Wohin war ihm eigentlich vorher egal gewesen. Er hatte einfach den Rucksack gepackt, einige Fruchtschnitten, Ersatzsocken f\u00fcr alle F\u00e4lle, eine frisch mit Schutz versehene Regenjacke, man kann ja nie wissen, und eine Flasche Wasser, sowie einige Magnesiumtabletten gegen eventuelle Wadenkr\u00e4mpfe. Das Portmonee und Ersatzw\u00e4sche durften nat\u00fcrlich auch nicht fehlen. Nein, das Wurfzelt und den superleichten Schlafsack hatte er im Keller gelassen, er w\u00fcrde sich irgendwo ein Zimmer nehmen, das hatte bisher immer ganz gut geklappt. Einfach mal ein paar Tage raus und den Kopf von allem frei bekommen, vor allem von den eingeschliffenen Routinen und jenen Kleinigkeiten und Zwisten, die ihm die letzten Wochen den Schlaf geraubt hatten. Ganz einfach hatte er sich das vorgestellt. Ohne Wanderkarte losziehen und immer so gehen, dass er geradeaus kam. Den ersten Versuch musste er am Abend abbrechen, als er zum zweiten Mal an der Stelle herauskam, an welcher er aufgebrochen war. Also schlief er diesen Tag zu Hause.<br \/>\nFr\u00fch morgens brach er wieder auf mit neuer Strategie, er w\u00fcrde immer abwechselnd links und dann rechts abbiegen, so auf neue Wege gelangen und schlie\u00dflich damit weit weg vom eigenen Heim herauskommen. Jetzt konnte er zwar nur noch eine \u00dcbernachtung aush\u00e4usig machen, aber das war letztlich auch egal, es kam ja vor allem auf den Weg an. Er war eigentlich recht zuversichtlich, musste allerdings feststellen, dass schon nach dem vierten Abbiegen Schluss war, es handelte sich um eine Sackgasse, die tief in den Wald gef\u00fchrt hatte. Immerhin war es dieses Mal gute vierzehn Kilometer gut gegangen. Auf dem R\u00fcckweg f\u00fchlte er sich eigentlich ganz gl\u00fccklich, war sogar frohen Mutes. In aller Ruhe ging er also nach Hause, schlief dort.<br \/>\nDer dritte Tag sollte noch einmal ganz anders angegangen werden. Er schnappte sich seinen alten Kompass und w\u00fcrde nur haupts\u00e4chlich in \u00f6stlicher Richtung gehen, in den Wald hinein. Das sollte sich tats\u00e4chlich als gute Taktik herausstellen, weit weg zu kommen. Als es bereits dunkel wurde, befand er sich immer noch im Wald, also holte er sein Smartphone, nutzte die GPS-Funktion und musste feststellen, dass nicht weit von dort ein Ort lag. Von dort nahm er den letzten Bus heim. Zwar h\u00e4tte er jetzt sagen k\u00f6nnen, dass sein Vorhaben gescheitert war, aber so sah er es nicht. Das Vorhaben erschien ihm gelungen, er hatte neue Gedanken und neue Hoffnung gefasst. Das Berufsleben erschien ihm nicht mehr so schlimm und eint\u00f6nig und die paar Regentropfen, die ihn zwischendurch erreicht hatten, sollten sogar eine belebende Wirkung auf ihn haben. Auf den zugezogenen Himmel hatte er gar nicht geachtet, sondern die Kleinigkeiten am Wegesrand bewundert, er hatte sich sozusagen in eine Wunderwelt entf\u00fchren lassen, in der es letztlich egal war, wo er sich befand. Das Gehen an sich erschien ihm wichtig, die Betrachtung und Reflexion, ohne noch an den sonstigen Alltag zu denken, im Wissen, die Sachen zu Hause auf dem Schreibtisch auch noch kommende Woche erledigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen berichtete ein Arbeitskollege von seinem wochenendlichen Kurzurlaub: &#8222;Waren ans Meer gefahren und dann die ganzen Tage so ein Schei\u00dfwetter, dass man nicht einmal an den Strand konnte. Sturmflut oder Regen. Fernsehgucken und bl\u00f6de Kartenspiele, drau\u00dfen nur tr\u00fcbe, kalte Suppe, da h\u00e4tte ich auch zu Hause bleiben k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten B\u00e4ume hatten l\u00e4ngst ihr Laub fallen lassen, manchmal, aber nur wenn es wirklich gut ging, leuchtete die schw\u00e4cher gewordene Sonne durch die \u00c4ste und Zweige des Laubwaldes. 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