{"id":5059,"date":"2016-05-02T09:07:47","date_gmt":"2016-05-02T07:07:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=5059"},"modified":"2016-03-03T09:00:02","modified_gmt":"2016-03-03T08:00:02","slug":"tageweise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=5059","title":{"rendered":"tageweise"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Tage, die man erduldet, die aber nicht weiter aufregen, Tage, die sollten einfach von Beginn an \u00fcbersprungen werden, dachte er sich, als er diesen hinter sich gebracht hatte. Und es gibt Tage, die es gar nicht geben d\u00fcrfte.<br \/>\nGeplagt von seinen h\u00f6llischen Anf\u00e4llen, die immer wieder in Sch\u00fcben gekommen waren, hatte er kaum einmal f\u00fcr eine halbe Stunde schlafen k\u00f6nnen und war in der Wohnung umhergeirrt wie ein Irrer. Wahrscheinlich zum absoluten Verdruss seiner Untermieter, die solche N\u00e4chte h\u00e4ufiger mitbekamen oder zumindest mitbekommen mussten. Entweder war es oben laut, weil er herumschlich und im halbm\u00fcden Zustand diverse Sachen umst\u00fcrzte, oder auch mal im Stolpern ein Bild von den W\u00e4nden riss, er irgendeinen schwachsinnigen Film mit unglaublicher Lautst\u00e4rke guckte, am liebsten irgendwelchen Marvelsuperheldenmist, oder aber sie vernahmen den Rhythmus, das gelegentliche Quietschen\u00a0des Bettes, wenn n\u00e4chtens zuweilen eine Dame zu Besuch war. Das Eine wie das Andere musste eigentlich nicht allzu angenehm sein und er wunderte sich schon, warum die da unten immer noch nicht ausgezogen waren, also aus dem Haus wohlgemerkt. Das sprach entweder von einem unglaublich Stoizismus, von massiver Gleichg\u00fcltigkeit oder aber,\u00a0 und das glaubte er eigentlich am h\u00e4ufigsten, dass sie ihre H\u00f6rger\u00e4te nachts ausschalteten und wirklich nichts mitbekamen. Dabei stand die Frau des Mieters morgens gerne abwartend im T\u00fcrrahmen und blickte ihn mit vorwurfsvollem oder fragendem Blick an. Vorwurfsvoll nach N\u00e4chten mit Damenbesuch, fragend nach N\u00e4chten mit Gepolter, allerdings ver\u00e4chtlich, wenn er wieder einen dieser v\u00f6llig bl\u00f6dsinnigen Popcornkinofilme geguckt hatte. So genau war das aber andererseits auch wirklich nicht zu unterscheiden. Zuweilen wechselte dieser Blick auch innerhalb weniger Sekunden zu einem feisten Grinsen, dann n\u00e4mlich, wenn er tats\u00e4chlich humpelte oder gar Schrammen im Gesicht hatte. Der Mensch kann geh\u00e4ssig sein, vor allem aber dann, wenn die Nachtruhe gest\u00f6rt wurde.<br \/>\nDieser Tag aber sollte genauso beginnen, wie es niemand braucht. Kaum hatte er sein linkes Bein aus der wohligen W\u00e4rme des Bettes in Richtung des kalten Bodens ausgestreckt, trat er in eine ungl\u00fccklich dort liegende Walnussschale. (Wer dieses Gef\u00fchl noch nie erlebt hat, wei\u00df nicht, wovon hier die Rede sein k\u00f6nnte. Versuchen Sie es doch einfach mal. Knacken Sie sich eine Nuss, lassen die Schalen auf den Boden fallen und dort, ja dort auf dem Boden auch liegen. Am besten ist es, wenn die Schalen sich an einer Position befinden, die mitten in den Laufwegen liegt. Dann nachts darauf zu treten, ist eine helle Freude, aber nur f\u00fcr die andere, die so etwas beobachten w\u00fcrden.)<br \/>\nDamit nicht genug, auf dem Weg zur Toilette, den er hinkend wie blutend \u00fcberwand, er suchte schlie\u00dflich nach einer Pinzette, um sich den tief sitzenden Splitter halbfachm\u00e4nnisch zu entfernen, und einem Heftpflaster, blieb er mit dem rechten kleinen Zeh am T\u00fcrrahmen h\u00e4ngen. Mit viel Anstrengung konnte er den Schrei, der sich unweigerlich in seiner Kehle fast schon geformt hatte, gerade noch verkneifen. Nicht aber die Tr\u00e4nen, die sofort wie auf Kommando aus den Augen liefen. Er f\u00fchlte sich wie ein M\u00e4dchen, dabei halten die angeblich viel st\u00e4rkere Schmerzen aus, da wo Jungen schon lange heulend und keifend um sich schlagen.<br \/>\nDabei hatte die Nacht doch wirklich sch\u00f6n begonnen, gestern, als er lesend im Bett lag und per SMS eine mit halberotischen Anspielungen gespickte Konversation mit einer attraktiven Frau f\u00fchrte. Aber bereits kurz nach dem Einschlafen irgendwann hatte sein Kopfschmerz zugeschlagen, ein fieses Stechen halbseitig mit immerhin beeindruckenden Farbexplosionen und wahnsinnig coolen Soundeffekten, was an dieser Stelle f\u00fcr ihn eine ganz neue Erfahrung war.<br \/>\nIm Badezimmer verarztete er sich notd\u00fcrftig, stellte sich aus alter Gewohnheit auf die Waage, schaute aber versehentlich einfach mal hin. Das h\u00e4tte ihm schon den Rest geben k\u00f6nnen. Andere M\u00e4nner h\u00e4tten an dieser Stelle wahrscheinlich echte Selbstmordgedanken gehabt, sie h\u00e4tten sich vielleicht auch das n\u00e4chste Messer geschnappt, um ein St\u00fcck Schwarte abzutrennen, er aber sollte sich auf den Weg zur K\u00fcche machen, ein auf dem Schrank stehendes Glas mit Milch umwerfen und sich fast schon gleichg\u00fcltig ob dieses Starts ganz ruhig den dringend ben\u00f6tigten Fr\u00fchst\u00fcckskaffee kochen. Dass er sich dabei die linke Hand verbrannte, w\u00e4re eigentlich vorauszusehen gewesen. Mit Blick auf die Uhr sollte er feststellen, dass er wohl verschlafen hatte und jetzt schon zu sp\u00e4t kommen musste. Also in Hektik zum Auto laufen, das nat\u00fcrlich bei diesem feuchtkalten Wetter nicht anspringen sollte und letztlich tats\u00e4chlich viel zu sp\u00e4t zur Arbeit kommen.<br \/>\nEin wirklich schlechter Tag voller stinklangweiliger Arbeit und unertr\u00e4glichen Mitarbeitern sollte folgen, eingezw\u00e4ngt in Konventionen und Besprechungen, die nicht ganz so spannend waren. In etwa vergleichbar vielleicht mit dem Treffen eines Hausfrauenvereins, der sich einen tollen Namen gegeben hat, aber letztlich nur das billige Ziel verfolgt, sich regelm\u00e4\u00dfig in einer mittelm\u00e4\u00dfigen Kneipe zu treffen und einmal im Jahr zum Sauerlandstern zu fahren, um dort f\u00fcr eine Nacht mit fremden M\u00e4nnern anzubandeln.<br \/>\nSogar der abendliche Wein stellte sich als ungenie\u00dfbar heraus. Die Verabredung sagte ab, die DVD funktionierte nicht und das Wasser in der Wanne blieb kalt. Immerhin dies: der n\u00e4chste Tag w\u00fcrde nur besser werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Tage, die man erduldet, die aber nicht weiter aufregen, Tage, die sollten einfach von Beginn an \u00fcbersprungen werden, dachte er sich, als er diesen hinter sich gebracht hatte. 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