{"id":4937,"date":"2016-04-05T16:46:41","date_gmt":"2016-04-05T14:46:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4937"},"modified":"2017-08-11T15:58:28","modified_gmt":"2017-08-11T13:58:28","slug":"heimatgefuehl-ein-theaterstueck-in-einem-aufzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4937","title":{"rendered":"Untiefen &#8211; ein kurzes Theaterst\u00fcck in einem Aufzug"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Untiefen<br \/>\nAllgemeine Regieanweisung: Auf der B\u00fchne stehen zwei Sitzgelegenheiten, etwa ein Eimer und eine Holzkiste. Ansonsten ist die B\u00fchne leer. Auf der R\u00fcckwand flimmern Bilder aus Filmen, in denen die besondere Sch\u00f6nheit von Landschaften herausgestellt wird. Dies k\u00f6nnen etwa besonders kitschige Heimatfilmchen sein. Zun\u00e4chst schauen sie nur dorthin. Dann wendet sich die erste Figur zum Publikum. Im weiteren Verlauf schauen beide immer wieder dorthin, lassen sich gefangen nehmen. Manchmal sprechen sie, oft schweigen sie einfach nur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Wenn du mich fragst, was zu meinem Heimatgef\u00fchl geh\u00f6rt, so muss ich sagen &#8211; heute jedenfalls anders als vielleicht noch gestern &#8211; der stete Wandel und gleichzeitig das Bewusstsein des Gewesenen. Das Wissen um eine gewisse Sicherheit sicher auch. Guck dir alles an, es geht den Bach herunter. Oder kannst du noch an irgendetwas glauben?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Da w\u00fcrde ich auch gerne wohnen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Die Vergangenheit nat\u00fcrlich, damals mit und in der Familie, als die Eltern noch lebten, als wir uns noch in die Augen schauen konnten. Sowieso die Vergangenheit, alles was damals gewesen ist. Fr\u00fcher war alles, alles besser.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Hast du dir noch nie Gedanken dar\u00fcber gemacht, wie sch\u00f6n es w\u00e4re, woanders zu wohnen?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;All die Kleinigkeiten, die sich damals ihren Weg in das Herz gesucht haben. In mein Herz. Die liebenswerten Schrulligkeiten der Leute, mit denen ich gelebt habe. Das hat gepr\u00e4gt. Die Art, wie man sich unterhalten konnte, weil man ahnte, wie das Gegen\u00fcber dachte. Wir hatten eine gemeinsame Sprache, die sich oft selber genug war. Da waren es Worte, die es nur in unserer Familie gab, nur bei uns in bestimmten Zusammenh\u00e4ngen Sinn hatten. Der kleine Abhang hinter dem Haus war unser \u00dcferchen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Ich w\u00fcrde jeden Monat an einem anderen Ort leben, wenn ich das Geld dazu h\u00e4tte. W\u00fcrde Menschen kennenlernen. Aber so&#8230;&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Die Zeit des Erwachsenwerdens ebenso wie die Kindheit. Das hat doch gepr\u00e4gt. Alles hat mir einen Stempel aufgedr\u00fcckt. Die Landschaft, diese Besonderheiten in der Verwandtschaft, all die Fallstricke, \u00fcber die niemand stolpern durfte. Das konsequente Nichtaussprechen, die Blicke, die mehr sagten, als ein Buch h\u00e4tte auch nur anrei\u00dfen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Da &#8211; dieser Strand zum Beispiel, es ist doch schade, dass ich noch nie da war. Endlich einmal k\u00f6nnte ich den Sand zwischen den Zehen sp\u00fcren, und die Sonne w\u00fcrde meine Haut leicht br\u00e4unen. In aller Ruhe w\u00fcrde ich einen Cocktail schl\u00fcrfen oder den Duft eines frisch gebr\u00fchten Kaffee als leichtes Kitzeln in der Nase sp\u00fcren.&#8220;<br \/>\n&#8211; er schweigt genie\u00dferisch \u2013<br \/>\nDieser Himmel.<br \/>\n&#8211; er breitet zufrieden die Arme aus, nimmt die hinter den Kopf \u2013<br \/>\nDas Rauschen der Wellen!<br \/>\n&#8211; wendet sich mit gro\u00dfer Geste um &#8211;<br \/>\nSchau dir diese Menschen an.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Damals als ich mich das erste Mal verliebt habe, so richtig verliebt, so tief, dass es schmerzte, so dass alles andere zu verschwinden begann. So sehr, dass ich st\u00e4ndig dieses seltsame Gef\u00fchl zwischen Gl\u00fcck und Schlechtsein im K\u00f6rper f\u00fchlte, im Kopf, in allen Gliedern, im Bauch. Dieses Gef\u00fchl, das das Herz herausrei\u00dfen und den Magen umst\u00fclpen konnte. So f\u00fchlte ich mich damals, wusste nicht, wie damit umzugehen w\u00e4re. Diese junge Frau, der ich nicht zugeben wollte, nicht zugeben konnte, wie sehr sie mich ber\u00fchrt hatte. Ihre Augen, ihr Geruch, die einfachen W\u00f6rter, die mir Wahrheiten k\u00fcndeten. Sie hatte mir eine neue Welt ge\u00f6ffnet, ohne dies auch nur ansatzweise zu ahnen. Wie sie sich bewegte und pl\u00f6tzlich anfangen konnte zu lachen, ohne dass ich verstand, warum. Die im n\u00e4chsten Augenblick schmollen konnte und mich in Verzweiflung st\u00fcrzte. Die mich nicht ernst nahm und mit jedem Blick Dynamitstangen z\u00fcndete. Der ich nahe war wie kaum einer anderen. Sp\u00e4ter nicht, vorher nicht. Dieses Gef\u00fchl geh\u00f6rt dazu. Oder war es letztlich nur ein Gef\u00fchl des Verlangens, des Im-Andern-Seins &#8211; und ich meine das nicht k\u00f6rperlich. Denn jede meiner Lieben ist eine eigene gewesen, nicht vergleichbar, niemals aber erstmalig.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Wie verschwenderisch die Farben dort sind, als w\u00fcrde alles nur an diesem Ort zusammengezogen werden. Das muss so etwas wie ein paradiesisches Leben sein.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;All die Dinge, Dinge neben der Landschaft, neben den Orten, in denen ich gelebt habe. Sie sind Teil meiner inneren Heimat. Ich kann es nicht genau fassen, kann diesen fl\u00fcchtigen Eindruck nicht halten, wei\u00df nicht, was diese Sehnsucht ausl\u00f6st, sobald ich daran denke. Alles kreist dann und das Zentrum scheint irgendwie au\u00dferhalb zu liegen, auch wenn es paradox erscheint. Eine physikalische Figur w\u00fcrde ins Trudeln geraten, unweigerlich, der Mensch scheint diesen Zustand geradezu zu brauchen. Nicht selber im Mittelpunkt stehen, sondern immer auf der Suche nach jenem. Gib mir einen Fixpunkt au\u00dferhalb und ich hebe die Erde aus den Angeln. Hei\u00dft es nicht so?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Man brauchte nur zuzugreifen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Ja, auch die Urlaube, die j\u00e4hrlichen Aufenthalte in den Bergen, immer mit der ganzen Familie, mit einigen Freunden auch und anderen, die einfach dazu geh\u00f6rten. Die Wanderungen dort, das gemeinsame Betrachten und Genie\u00dfen einerseits, andererseits jene Anstrengungen, die sein mussten, um ein Ziel zu erreichen. Auch die Schmerzen in den Muskeln und Knochen, wenn man es mal wieder \u00fcbertrieben hatte. Ein Gef\u00fchl von Gemeinschaft, wie ein Stamm von urspr\u00fcnglichen Menschen und doch jeder sehr eigen. Jeder verantwortet, jeder in einer Verantwortlichkeit gegen\u00fcber dem Anderen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Jeden Tag am Strand liegen, den Drink immer griffbereit, entspannen und einfach mal den Herrn da oben einen guten Mann sein lassen. Wenn es langweilig wird, zieht man einfach weiter oder ein Buch. Es gibt so viele Orte, die sch\u00f6n sind, die ich haben m\u00f6chte.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Der erste Mann wendet sich der R\u00fcckwand zu &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Da h\u00e4tte ich keine Verbindungen zu den Menschen, weil sie nicht gewachsen sind. Verbindungen &#8211; Synapsen unserer Zivilisation, auch sie m\u00fcssen immer neu entstehen, man muss ihnen den Raum geben zu entstehen. Auch wenn ich hier keine Verbindungen habe, \u00fcber die Zeit hin k\u00f6nnen sie vielleicht wachsen, wuchern, alles andere miteinander verkn\u00fcpfen und gleichzeitig erweitern. Unsere Beziehungen sind das Myzel der Menschheit, der geistige Versorger. Wenn ich daran arbeite, mir M\u00fche gebe. Wenn zugelassen wird, dass die Anderen ihre Anliegen einbringen k\u00f6nnen, ohne Vorurteile oder Vorbehalte. &#8222;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8211; wendet sich einem Zuschauer zu \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Diese leuchtenden Augen, ein Versprechen liegt darin.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;In den Bergen geh\u00f6ren die fremden Gesichter zu meinen Ged\u00e4chtnis, die wenigen Gespr\u00e4che, die ich dort gef\u00fchrt habe, die sich aber eingebrannt haben. Diese knappen Worte, mit ebensolcher Weisheit, einfach aber tief. Das mag sich kitschig anh\u00f6ren, ja, ist es auch vielleicht. Zumindest solange man eine Verallgemeinerung vornimmt. Nat\u00fcrlich ist das eine \u00dcberh\u00f6hung, eine Besch\u00f6nigung, aber dieses Gef\u00fchl stellt sich einfach ein. Wie gut ist es, wenn das Gef\u00fchl den Menschen \u00fcberschwemmen kann. Vielleicht m\u00fcssen wir gerade das wiederentdecken. Eine neue Gef\u00fchlskultur.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Irgendwann m\u00f6chte ich auch mal an die walisische K\u00fcste, da ist es sch\u00f6n &#8211; so einfach, so l\u00e4ndlich, so rau.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Auch wenn ich die H\u00e4user vielleicht nie betreten werde, der Gedanke, wie es sein k\u00f6nnte, geh\u00f6rt einfach dazu. Die Geschichte eines Zimmers vielleicht, in dem in der Ecke oben \u00fcber dem Esstisch ein Kreuz h\u00e4ngt mit irgendwelchen Kr\u00e4utern dahinter, auch wenn niemand mehr daran glaubt, einfach nur die Tradition zu pflegen. Was mag in einem Kopf vorgehen, der solcherart macht. Nicht eine Frage, das ist ein Ausruf; Sieh her, ich wei\u00df, woher ich komme. Ohne die Vergangenheit blende ich mich zum Niemand aus. Es geht nicht darum, woran dieser Mensch genau glaubt, sondern darum, zu wissen, dass dieser Gaube eine Grundlage des Handelns ist. So k\u00f6nnte ja sogar ein Atheist dieses Wissen zur Grundlage des Lebens machen. Nicht der Gott z\u00e4hlt, sondern die Botschaft. Und dieses Prinzip an sich kann man doch erkennen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Die H\u00f6hlen im Tal der Dordogne m\u00f6chte ich gerne sehen, w\u00e4re gerne dabei gewesen, als die ersten H\u00f6hlenmalereien entdeckt wurden. Das muss doch toll gewesen sein. Wie sich diese Konturen und Fl\u00e4chen pl\u00f6tzlich aus der Dunkelheit heraussch\u00e4len und einen Zusammenhang ergeben. Oder das \u00dcbersetzen des Gilgamesch-Epos, in dem es um Freundschaft, Liebe, Leben und Tod geht. Um die Frage, die uns alle umtreibt. \u00dcberhaupt, \u00fcberall kann man doch Geschichte finden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Die Natur vor allem, all die Pflanzen und Tiere, die geologischen Gegebenheiten und wie alles zusammenh\u00e4ngt und pl\u00f6tzlich entdeckst du, dass du mittendrin steckst. Da k\u00f6nnen hunderttausende von Formen entwickelt werden, und wenn man genau hinschaut, erkennst du die Verwandtschaften, dass alles einen gemeinsamen Ursprung hat. Keinem Menschen k\u00f6nnte das entspringen, keiner k\u00f6nnte das frei erfinden, denn die Wege der Formen erschlie\u00dfen sich nicht in der Vereinfachung einer Zeichnung oder Fotografie, sondern durch die r\u00e4umliche Wesenheit ergibt sich von jeder Seite eine neue Sensation. Niemand fotografiert B\u00e4ume von oben. Baum f\u00fcr Baum die Struktur zu ergr\u00fcnden. Alles wird nur aus der menschlichen Perspektive wahrgenommen. Wann kann er dar\u00fcber hinausgehen? Wir k\u00f6nnen nicht allumfassend denken, deshalb auch nicht sehen, und unsere Formerfindungen sind doch letztlich nichts anderes als eine St\u00fcmperei. Nur wer dreidimensional denkt, kann einen Teil dessen erhaschen, was die Natur oder Sch\u00f6pfung oder wie immer es genannt wird, schaffen kann, jeden Tag. Es ergeben sich Ausgewogenheiten dann, die wir als solche niemals verstehen k\u00f6nnten. Sie haben eine eigene Ordnung, Symmetriesysteme, die jenseits unserer Auffassung liegen. Und da gibt es jene, denen dieses reicht, die auch nicht in Ans\u00e4tzen das Gesp\u00fcr daf\u00fcr haben, dass wir anfangen m\u00fcssen, \u00fcber das Gegebene im Reflektieren hinauszugehen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Mann steht auf, macht Frei\u00fcbungen, st\u00f6hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Aaaah, daran muss man h\u00e4ngen, an einer Idee, an der Idee der Beklemmung, wenn man nicht heraus kann. Man h\u00e4ngt daran und erstickt, ganz langsam, ohne es zu merken, weil uns die Luft ebenso ganz langsam ausgeht. Wie der ber\u00fchmte Frosch im Topf, der nicht herausspringt, wenn man das Wasser langsam erhitzt. Aber Stimmt das eigentlich? Da ist nicht dieser Ruck, der das Genick bricht. KNACK! Das will ich nicht. Will nicht ersticken, mir nicht das Genick brechen lassen. Will mich jederzeit von Moment zu Moment losmachen k\u00f6nnen, will kein ganzes Haus hinter mir herumziehen, in mir aufbauen, das mich unbeweglich macht. Ich ziehe im richtigen Moment das Messer, schneide den Strick durch, nicht den Hals, da f\u00fchl ich mich wie Alexander der Gro\u00dfe mit dem gordischen Knoten. W\u00e4r doch gelacht, wenn man sich immer in dieses Garnkn\u00e4uel der Unzul\u00e4nglichkeit verstricken m\u00fcsste. Ich ziehe heraus aus deiner Realit\u00e4t und kann sie von au\u00dfen betrachten.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; sie sitzen, sie schweigen, sie stehen auf, sie umrunden sich, ohne mit ihren Blicken voneinander zu lassen. Angespannt &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Es w\u00e4re doch sch\u00f6n, k\u00f6nnte man sich von seiner eigenen Vergangenheit befreien &#8211; in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden, k\u00f6nnte einfach l\u00f6schen, was da gewesen ist. Ich will absolute Freiheit von der Geschichte. Ich will nicht das Intellektuelle, ich will einfach sein. AAHH!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Der erste Mann schaut dem zweiten ins Gesicht, bleibt stehen. Stur, schweigt. Schweigen. Duell der Blicke. &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8211; r\u00e4uspert sich &#8211; &#8222;Die Beobachtungen der Steine, des flie\u00dfenden Wassers, der Flammen, die auf den H\u00f6lzern im Ofen spielen. Wenn du mich fragst, was Heimat ist, kann ich dir keine genaue Antwort mehr geben. Da geht es mir wie den Dichtern vor hundert Jahren, die erkannten, dass die Sprache keine Antworten hatte. Vielleicht sollte ich auch nur noch rhythmische Laute von mir geben, Einzelsilben ohne Inhalt. Lautgedichte, Tiersprache, alles dem Wahnwitz \u00fcberlassend.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Ich m\u00f6chte auch mal im Himalaya wandern, so richtig mit Sauerstoffflasche, aussehen wie ein Mondtourist, aber gut gesch\u00fctzt vor der K\u00e4lte und nicht dort, wo es gef\u00e4hrlich wird. Wenn schon auf den Mount Everest, dann mit dem Hubschrauber hochfliegen. Abgesetzt wie jemand auf dem Mars. Niemand braucht die Anstrengung, diese Selbstaufgabe. Hie\u00df es nicht damals in dem Lied, wir sind verschiedene Wege gegangen und trotzdem beide hier angekommen?<br \/>\nWarum sollte ich also so vorgehen, wie diese Fanatiker der Grenzerfahrung. Das Erlebnis, auf dem h\u00f6chsten Berg zu stehen, auf der gro\u00dfen Pyramide, wo auch immer ich will, ohne t\u00e4tig zu werden. Wozu brauchte ich diesen sogenannten Rausch der T\u00e4tigkeit, jenen Flow, der mich in einen anderen Zustand versetzt? Das Erleben reicht doch. Alles andere ist zu gef\u00e4hrlich, das kannst du mir glauben. Guck dir diese Sportler, die verr\u00fcckten Musiker und K\u00fcnstler doch an, ausgetreten aus der Welt und trotzdem gefangen in ihrem Handeln und Denken. Guck all die sogenannten Kreativen, die aufgehen in ihren Prozessen, Zeit und Welt vergessen, nur um sich zu finden und gleichzeitig zu verlieren, das ist sch\u00e4dlich. Schwere Traumata, auch wenn sie es nicht zugeben wollen und werden. Sie bombardieren mit ihren Werken ihre eigene Welt und merken es nicht einmal.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: \u201eVon Tag zu Tag wird der Begriff weniger Begriff, weil die Griffigkeit fehlt. Genauso wenig k\u00f6nnte ich dir sagen, was Liebe ist, was Zuneigung oder Intelligenz, ich kann dir einzelne Aspekte umschreiben, mehr nicht. Ein Zustand von h\u00f6chster Freude und doch tiefster und einsamster Sehnsucht beschreibt ein Gef\u00fchl, schwerm\u00fctiger vielleicht noch als diejenige der alten Romantiker. Alles scheint unterschiedlichster Natur und trotzdem tauchen bestimmte Erkl\u00e4rungsmuster wieder auf. Vielleicht ist es mehr ein Erfahrungsmuster. Bestimmte Erlebnisse verkn\u00fcpfen sich zu einem Zustand des Zusammenseins, der Einheit, die nicht hinterfragt werden muss.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Alle wesentliche Kapazit\u00e4ten sind aktiv, meinst du das?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Wenn ich die Kontrolle \u00fcber mich verlieren w\u00fcrde, dann w\u00e4re es falsch beschrieben.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Lass uns uns lieber weg denken. In die Fjorde der Nordl\u00e4nder, dort, wo wir uns mythische Geschehnisse und Wesenheiten denken k\u00f6nnen. \u00dcberlassen wir es doch den anderen, sich Gedanken dar\u00fcber zu machen, wie es zu erkl\u00e4ren ist. Jede Erkl\u00e4rung erzeugt doch letztlich das Unbehagen, dass sich gerade nun neue Fragen aufgetan haben. Hast du nie das Kinderspiel &#8222;Warum&#8220; gespielt? Egal wie die Antwort lautet, sie mit einem vorangestellten Warum zu echoen, kann nur richtig sein. Und irgendwann kommt der Befragte an den Punkt, an dem er nicht mehr weiter wei\u00df.<br \/>\nWarum machst du dir Gedanken \u00fcber diese Welt?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: \u201eWeil ist glaube, dass es wichtig f\u00fcr mein Leben ist, etwas tieferes \u00fcber die Welt zu wissen, erst dann kann ich wirklich erf\u00fcllt leben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: \u201eWarum glaubst du, nur dann erf\u00fcllt leben zu k\u00f6nnen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: \u201eEs ist wichtig, alles durchdrungen zu haben, um zu einem Menschen werden zu k\u00f6nnen, sonst w\u00e4re ich doch wie jener, der da festgebunden an den K\u00fcchenhocker nur das als wahr wahrnimmt, was er f\u00fchlen kann.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: \u201eWarum sollte nicht das wahr sein?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: \u201eEs muss weiteres geben, das\u2026was soll das? Ich bin nicht dein verdammtes Versuchskaninchen&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: \u201eDir geht es wie all den anderen auch, sie glauben, sie k\u00f6nnten auf eine h\u00f6here Ebene gelangen, und sind sie dort angekommen, m\u00fcssen sie feststellen, dass die immer noch am Sockel des Berges kleben. Die Philosphen, die glauben, sie k\u00f6nnten, m\u00fcssten gar die Welt erkl\u00e4ren, die Physiker, die sie sogar vermessen m\u00f6chten. Vermessenheit beides.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Mit jedem Tag, jedem Nachdenken werden die W\u00f6rter abstrakter, auch wenn sie uns nicht im Mund zerfallen wie modrige Pilze. Mit Anstrengung und steter Reflexion k\u00f6nnen wir ein Wort zu einem Begriff f\u00fcllen. Wie eine Stopfgans, deren Schnabelspitze geschnitten wurde, deren Magen mit Mais gef\u00fcllt wird, damit sich eine Fettleber bildet, die sich hervorragend zu Pastete verarbeiten l\u00e4sst. Die gemachten Begriffe haben Konjunktur, sie \u00fcberschwemmen die Welt, nur um sp\u00e4ter die Meere unserer Sprache mit Plastikm\u00fcll zu verstopfen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Ich will einfach nur Freiheit, bin aber kein Fan Schillers oder Gaucks, haha, die haben es nicht verstanden, die wollen die Freiheit in ein Korsett zwingen, wollen sie beschneiden, wie einen jungen Baum, der wachsen will, ich will Freiheit von allem. Auch vom Beschnitt.<br \/>\nSeit kurzem hatt\u00b4 ich meinen Leib verlassen,<br \/>\nals sie durch dieses Mauertor mich schickte<br \/>\nnach einem Schatten aus dem Judasring,<br \/>\ndem untersten und dunkelsten von allen;<br \/>\nes ist der Ort der gr\u00f6\u00dften Himmelsferne.<br \/>\nIch kenn den Weg genau, beruhige dich.&#8220; (Dante; G\u00f6ttliche Kom\u00f6die; 9. Gesang)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Wir k\u00f6nnen die Missverst\u00e4ndnisse erst durch das Sprechen, das Definieren kl\u00e4ren oder \u00fcberhaupt entdecken, dass es welche gibt. Wenn ich aber etwas nicht leisten will, dann behaupte ich, es nicht zu k\u00f6nnen. Sehen die anderen erst, dass ich nicht kann oder auch k\u00f6nnen will, bleiben ihnen zwei Alternativen, sie k\u00f6nnen helfen und damit mitbestimmen oder sie lassen es sein, haben damit allerdings ebenso eine Form der Mitbestimmung aufgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;\u00dcber Landstra\u00dfen mit einem wundersch\u00f6nen Cabriolet sausen, den Wind in den Haaren, neben mir eine sch\u00f6ne Frau, die mich anl\u00e4chelt. Warum sollte ich mir anderes w\u00fcnschen. Es reicht mir zu erleben, wie das Leben glatt geht. Lieber ohne Schwierigkeit leben, als es reflektieren zu m\u00fcssen. Also h\u00f6r mir auf mit deiner Heimat.<br \/>\nSieh dort! Die Sonne leuchtet mir ins Antlitz,<br \/>\nund Wiesen dort und Blumen und Geh\u00f6lz,<br \/>\nwas alles eine reiche Erde schenkt.<br \/>\nIm Gr\u00fcnen sitzend oder wandelnd harrst du,<br \/>\nder Frau mit ihren frohen sch\u00f6nen Augen,<br \/>\ndie weinend mich zu dir gerufen hat.<br \/>\nErwarte Lehre nicht noch Wink von mir,<br \/>\ndenn frei, gesund und aufrecht ist dein Wille,<br \/>\nHey, h\u00f6r zu, das ist jetzt wirklich wichtig, was Dante dazu sagte!<br \/>\nErwarte Lehre nicht noch Wink von mir,<br \/>\ndenn frei, gesund und aufrecht ist dein Wille,<br \/>\nund Irrtum w\u00e4re es, jetzt ihn noch zu z\u00fcgeln.<br \/>\nDu sei dein eigner Kaiser und dein Papst!&#8220; (Dante; G\u00f6ttliche Kom\u00f6die; 27. Gesang)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Du k\u00f6nntest dich oder wahlweise auch mal mich fragen, was Liebe oder Kunst ist, was mich umtreibt, so lange und so oft \u00fcber Heimat nachzudenken. Wahrscheinlich w\u00fcsste ich tats\u00e4chlich keine auch nur ansatzweise befriedigende Antwort. Wozu auch, du w\u00fcrdest mit deinen einfachen Lebensw\u00fcnschen auch die Antwort nicht abwarten wollen. Du w\u00fcrdest es als Anma\u00dfung empfinden, wenn dir jemand etwas \u00fcber etwas sagen oder gar erkl\u00e4ren w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Ich halte mich an die Dinge, die klar und einleuchtend sind. Blau ist blau, rot ist rot, gelb ist gelb, ob t\u00fcrkis nun blau oder gr\u00fcn ist, dar\u00fcber mag man sich streiten, es bleibt t\u00fcrkis. Ob es bei Minustemperaturen kalt ist? Ob das Innere der Sonne hei\u00df ist? Was interessiert mich aber, wo das Grauen anf\u00e4ngt.<br \/>\nWir gingen weiter, andre Menschen lagen<br \/>\nvom rauhen Froste eingebettet da;<br \/>\nr\u00fccklings gestreckt, nicht mehr gebeugt nach unten.<br \/>\nDie Tr\u00e4ne sperrt der Tr\u00e4ne hier den Weg.<br \/>\nIm Aug erstarrend staut das Weinen sich<br \/>\nund dr\u00fcckt nach innen und vermehrt die Angst.<br \/>\nDie ersten Tr\u00e4nen werden hart, und wie<br \/>\nein gl\u00e4sernes Visier verbauen sie<br \/>\nunter den Brau\u00b4n die ganze Augenh\u00f6hle. -&#8220; (Dante, G\u00f6ttliche Kom\u00f6die; 33.Gesang)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster: &#8222;Wenn die Lexika behaupten, sie w\u00fcssten eine Erl\u00e4uterung, so mag das ja stimmen, die Macher glauben tats\u00e4chlich daran. Ich aber f\u00fcge die Einzelheiten zusammen, muss feststellen, dass sie nicht passen, dass die Puzzleteile keine funktionierenden Verbindungen haben, und gerade das macht das Nachdenken eben spannend. Wir erzeugen uns schlie\u00dflich unsere eigene Realit\u00e4t. Nichts ist real, wenn wir es nicht als solches denken.&#8220;<br \/>\nZweiter: &#8222;Wann wird eine Farbe schwarz, meinst du? Warum ist wei\u00df \u00fcberhaupt m\u00f6glich, wenn es aus verschiedenen farbigen Lichtern besteht? Wenn wir die Realit\u00e4t nicht erfinden, dann gibt es sie nicht, so einfach ist das.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erster. &#8222;Durchforste also das Hirn nach den Dingen, die sich bedingen, nach Erinnerungen, die zu Erkl\u00e4rungen f\u00fchren k\u00f6nnen. Du musst greifen, begreifen, bei den Dingen, die greifbar sind, zugreifen. Also gehe ich dorthin zur\u00fcck, wo ich die Heimat vermute, streife du ruhig in die Welt, du wirst andere Erfahrungen machen und vielleicht weise zur\u00fcckkommen. Du wirst erkl\u00e4ren dort, wo ich nichts finden kann, da ich nicht wei\u00df. Es ist keine Koketterie, zu sagen, dass der eigene Begriffshorizont zu eng gefasst ist. Dass vielleicht zu wenig gelesen wurde. Ich kann nur das Falsche finden, dort, wo ich Klarheit vermutete, ich kann mich nur in Teilen ann\u00e4hern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiter: &#8222;Ich streite jede Verantwortlichkeit ab, nur so entkomme ich den Fallstricken und Untiefen deines Denkens.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Beide setzen sich vor die R\u00fcckwand, schauen den Film, der dort l\u00e4uft. Die Bilder kippen ins Blutrot eines Lavastroms. Sie umarmen sich freundschaftlich. &#8211;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Untiefen Allgemeine Regieanweisung: Auf der B\u00fchne stehen zwei Sitzgelegenheiten, etwa ein Eimer und eine Holzkiste. Ansonsten ist die B\u00fchne leer. Auf der R\u00fcckwand flimmern Bilder aus Filmen, in denen die besondere Sch\u00f6nheit von Landschaften herausgestellt wird. 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