{"id":4932,"date":"2016-03-30T10:47:50","date_gmt":"2016-03-30T08:47:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4932"},"modified":"2016-02-10T13:43:11","modified_gmt":"2016-02-10T12:43:11","slug":"entwurf-begegnungen-mit-dem-unsichtbaren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4932","title":{"rendered":"Beim Entwurf bleiben: Begegnungen mit dem Unsichtbaren"},"content":{"rendered":"<p>Er sitzt am Tisch und w\u00fcrzt sein Fr\u00fchst\u00fccksei mit Salz. Der Kaffee schmeckt gut. Frisch, schwarz, stark.\u00a0 Er hat vergessen, Milch dazu zu geben. Vor sich liegt eine Zeitschrift, der Kulturteil mit Kulturdebatten und Anst\u00f6\u00dfen zum Kunstdenken. Er kennt diese gar nicht, sie scheint ihm aufw\u00e4ndig gestaltet, vom Design funktional und trotzdem sch\u00f6n,\u00a0 als h\u00e4tten sich einige Menschen zusammengetan, die sich tiefgehende Gedanken gemacht haben\u00a0 &#8211; \u00fcber die Langzeitwirkung, als best\u00fcnden diese Leute, Frauen sicherlich, an der Feinf\u00fchligkeit zu erkennen (Er sch\u00fcttelt den Kopf \u00fcber so ein Vorurteil.), darauf, archiviert zu werden &#8211; \u00fcber den Ausdruck des Eindrucks &#8211; \u00fcber die \u00e4sthetische Beziehung zwischen Form und Inhalt. Damit auch nachfolgende Generationen dieses Recherchematerial noch werden sinnvoll nutzen k\u00f6nnen. F\u00fcnfhundertj\u00e4hriges Wissen \u00fcber die Konzeption von Texten sind hier zusammengef\u00fchrt. Er liest diese Gedanken zur Kunst und findet sich darin nur zum Teil wieder. Ein Text, der wie ein Manifest anmutet, der aufr\u00fctteln soll, zumindest aber aufwecken an Stellen, an welchen wir schon lange schlafen.<\/p>\n<p>&#8222;Kunst ist in erster Linie funktionslos.<br \/>\nKunst kann sch\u00f6n oder h\u00e4sslich sein.<br \/>\nKunst ist immer eine wie auch immer geartete Auseinandersetzung mit Welt.<br \/>\nKunst kann alles sein und alles Kunst.<br \/>\nKunst ist Politik, immer.<br \/>\nKunst, die sich nur \u00e4sthetisch versteht, ist keine Kunst.<br \/>\nKunst ohne Handwerk geht nicht, Kunst als Handwerk auch nicht.<br \/>\nKunst muss die Welt nicht abbilden, aber reflektieren.<br \/>\nKunst darf alles als Grundlage nehmen, kann alles zerlegen.<br \/>\nKunst ohne Menschsein geht nicht, so auch umgekehrt.<br \/>\nKunst ist lebensnotwendig, solange es um wahres Menschenleben geht.<br \/>\nKunst muss Kunst infrage stellen.&#8220;<\/p>\n<p>Aber stimmt es denn wirklich, dass Kunst funktionslos ist? Wird sie nicht seit Anbeginn der Menschheit zu zwei Zwecken in erster Linie verwendet? Zun\u00e4chst im Religi\u00f6sen, dann im Dekorativen. Kunst hat eine Funktion, immer. Die Auseinandersetzung mit der real erlebten Welt ist eine Funktion der Kunst &#8211; oder nicht? Ja, immerhin, Kunst kann und darf sch\u00f6n oder h\u00e4sslich sein, ist immer in Gefahr, nur sch\u00f6n zu sein, nur ein h\u00fcbsches Versprechen an die Welt zu sein, ohne sich mit ihr auseinander zu setzen. Es gibt da etwa K\u00fcnstler, die Kunst behaupten, aber nicht ernsthaft schaffen, die lieber jene Dinge eklektisch kopieren, die sie in Verkaufskatalogen finden. Kunst als Produkt, als Verkaufsobjekt minimiert. Es gibt sogar solche, die sich lediglich auf H\u00fcbschismus beschr\u00e4nken und deren Arbeit trotzdem f\u00e4lschlich als Kunst wahrgenommen wird. Ein s\u00fc\u00dfes Baiser, sch\u00f6n anzusehen, doch wenn man hineinbei\u00dft nur S\u00fc\u00dfe, ohne Gehalt.<br \/>\nDas interessiert ihn nicht.<br \/>\n\u201eNicht wissen k\u00f6nnend, was sie ausstrahlt, wie sie wirkt. Was sie erreichen k\u00f6nnte, wenn sie ihre Karten ausspielte. Eine Mischung aus kindlicher Unschuld und dem Wissen des Erwachsenseins. Jedes Gegen\u00fcber kann so auf das Heftigste, vielleicht Gemeinste manipuliert werden. Zwischendurch ein Blick wie ein Einblick, eine tiefgehende Einsicht, dabei wie ein scheues Reh. \u2013 Dabei \u2013 Wer eigentlich hat mit diesen schrecklichen Tiervergleichen begonnen, die als Zeichen der Trivialliteratur gelten? \u2013 Es ist keine offensive Sch\u00f6nheit, sondern ein Zur\u00fccktreten hinter den augenf\u00e4lligen Strahl des Angesichtes.\u201c So hatte Herr Nipp einst einmal eigensinnig einf\u00fchrend einen eigenen Text \u00fcber die Kunst begonnen, hatte wie immer kein Ende gefunden, noch nicht einmal eine Mitte. Er blieb wie immer bei seinen Gedanken irgendwo im Nirgendwo stehen. Wusste um den Kern dessen, was er dachte, konnte aber niemals irgendwas zu fassen bekommen. Die Kernspaltung gelang ihm aber schon gar nicht. Obwohl er sich seit Jahren sicherlich gr\u00f6\u00dfte M\u00fche gab, auch nur einmal einen Gedanken zu Ende auszusprechen, irgendwann verstrickte er sich einfach immer in sogenannten Allgemeinpl\u00e4tzen und wenn nicht, dann doch zumindest in inneren Widerspr\u00fcchen. Wobei ja gerade die widerspr\u00fcchlichen Tatsachen einen Gedanken spannend werden lassen k\u00f6nnen, wenn man nur wei\u00df, wie dies denn wohl anzustellen ist. Er hatte es sich einfach angew\u00f6hnt, eine Idee immer schon in den ersten Zeilen v\u00f6llig zu offenbaren. Das musste eigentlich nicht sein, kannte er doch einen Gleichaltrigen, der sich als K\u00fcnstler durch das Leben k\u00e4mpfte oder gerade auch nicht, sondern schleppte, der durchaus in der Lage war, ein hochinteressantes Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren, in welchem wie in einem Roman die vielen Ans\u00e4tze erst nach einer Sprachtirade von vielleicht einer dreiviertel Stunde zusammengef\u00fchrt wurden. Er war dann immer erstaunt, dass solch ein Redeverhalten tats\u00e4chlich funktioniert. Dieser Mann hatte eine Grundlage f\u00fcr sich vereinnahmt, welche es erm\u00f6glicht sowohl die Spannung zu halten, als auch weiteres zu Sagendes sinnvoll einzuf\u00fcgen, n\u00e4mlich die Rahmenerz\u00e4hlung. So konnte das Wachstumsverhalten von Christrosen durchaus zu einen Anlass werden, eine grunds\u00e4tzliche Religionskritik an den Mann oder die Frau zu bringen, gleichzeitig aber auch zu bescheinigen, dass die Liedtexte von David Bowie doch eine chiffrierte Botschaft \u00fcber das Sein an die Menschheit seien und anzuspielen, dass bestimmte Formen des Anbindens von Apfelb\u00e4umen zu einem besonderen Ertrag und Geschmack f\u00fchren sollten. Ja, er hatte die Rahmensetzung des Erz\u00e4hlens zu einem zentralen Moment seines Seins gemacht, dabei konnte es dann allerdings passieren, dass der Zuh\u00f6rende einerseits nicht mehr zum Sprechen kam und andererseits die Geduld verlieren konnte, trotz der Spannung. Aber wenn man nur f\u00fcnf Minuten Zeit f\u00fcr eine Antwort hat, dann f\u00e4llt es schwer so lange zuh\u00f6ren zu m\u00fcssen. Herr Nipp allerdings verlor lieber die Hoheit \u00fcber das Gesagte, verschoss sein Pulver zu fr\u00fch. Inzwischen hatte er ein ganzes Konvolut aus ersten S\u00e4tzen, die sich gut machten, aber ein Weiterschreiben verunm\u00f6glichten, wenn es dieses Wort \u00fcberhaupt gibt. Sp\u00e4testens beim zehnten Satz aber waren seine Gedanken auserz\u00e4hlt. Ginge es bei Essays und Romanen nur um den Anfang, w\u00e4re er der K\u00f6nig gewesen. Irgendwann w\u00fcrde er anfangen, diese zu verkaufen, an Autoren, die zwar tolle Romane auf die Kette kriegen, aber keinen tollen ersten Satz.<br \/>\nSo aber musste er sich damit abfinden. Abfinden damit, dass sich Andere, jene Frauen und M\u00e4nner, die wirklich was auf dem Kasten hatten oder aber die Funktionsweise von Texten in der Tiefe der Struktur durchschauten, die theoretischen Schlachten in der inhaltlichen Auseinandersetzung \u00fcber alle m\u00f6glichen Themen und vor allem das der Kunst schlagen w\u00fcrden. Er aber w\u00fcrde immerhin die Randnotizen in diesen Schlachten setzen, die Kommentare, kleine Schnittwunden, die die Fehler offenlegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er sitzt am Tisch und w\u00fcrzt sein Fr\u00fchst\u00fccksei mit Salz. Der Kaffee schmeckt gut. Frisch, schwarz, stark.\u00a0 Er hat vergessen, Milch dazu zu geben. Vor sich liegt eine Zeitschrift, der Kulturteil mit Kulturdebatten und Anst\u00f6\u00dfen zum Kunstdenken. 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