{"id":4822,"date":"2016-01-16T10:35:37","date_gmt":"2016-01-16T09:35:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4822"},"modified":"2016-01-17T12:20:02","modified_gmt":"2016-01-17T11:20:02","slug":"ausgehen-und-unerwartet-nicht-wiederkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4822","title":{"rendered":"Ausgehen und unerwartet nicht wiederkommen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Tisch vor sich hatte Herr Nipp die Zeitung des Tages liegen. Nein, er konnte nicht von sich behaupten, alles gelesen zu haben. Vielmehr hatte er wie \u00fcblich alles nur fl\u00fcchtig \u00fcberflogen, war hier und da kurz \u00fcber einzelne \u00dcberschriften gestolpert oder hatte an einzelnen Wortgebilden verharren m\u00fcssen. Ganz ehrlich gesagt interessierten ihn die meisten Inhalte auch nicht besonders. Viel wichtiger war ihm die Mandarine, die einen warmwohligen Duft verstr\u00f6mte, mit jedem St\u00fcckchen Schale, welches er m\u00fchsam vom festsitzenden Fleisch entfernte. Er legte die Schale auf die Zeitung, w\u00fcrde diese sp\u00e4ter gemeinsam entsorgen, drau\u00dfen auf dem Komposter, aber erst, wenn auch die Abschnitte des Gem\u00fcses vom Kochen dazugekommen w\u00e4ren. Er interessierte sich nicht daf\u00fcr, dass Steven Spielberg einen f\u00fcnften Indiana Jones drehen wollte, auch wer wohl Gaia Repossi sein k\u00f6nnte, ehrlich gesagt hatte er diesen Namen wirklich noch niemals vorher geh\u00f6rt oder gar gelesen. Die sogenannten Promis kommen und gehen gl\u00fccklicherweise schnell wieder, werden genau dann von der \u00d6ffentlichkeit vergessen, wenn diese bemerkt, dass solche Menschen nichts zu sagen haben, also abgesehen von genau kalkulierten Skand\u00e4lchen keinen Inhalt zu liefern verm\u00f6gen. Auch wer in der Edeka-Reklame die Deutschen zu Tr\u00e4nen r\u00fchrte, k\u00fcmmerte ihn nicht im Geringsten, was vielleicht auch damit zu tun hatte, dass einfach kein Fernsehanschluss in seiner Wohnung eingerichtet war. Und er legte ebenso einfach keinen gesteigerten Wert darauf, im digitalen Netz zu forschen, um welchen Spot es sich denn handeln k\u00f6nnte. Was sollen diese eigentlich v\u00f6llig unwichtigen Artikel in einer der wichtigsten deutschen Zeitungen \u00fcberhaupt? Muss ein solches Gesellschaftsgeblubber denn \u00fcberall Fu\u00df fassen? Daf\u00fcr gibt es doch die sogenannte Yellowpress &#8211; welch eine wunderbar euphemistische Tatsachenverdunklung. Boulevardm\u00fcll sollte anders entsorgt werden, ist dies nicht ein wichtiger Teil unserer Kultur? &#8211; Alles ist Abfall mit der Produktion schon.<br \/>\nVoller Lust biss er in den ovalrunden Fruchtk\u00f6rper, dieses orangefarbene Geschmacksparadies, trieb mit der Zunge die einzelnen noch nicht geplatzten Saftzellen durch den Mund und zerdr\u00fcckte sie gen\u00fcsslich mit seinem Geschmacksorgan gegen den Gaumen. Seltsamerweise musste er dabei an Kaviar denken.<br \/>\nAu\u00dferdem wusste er, dass die frische Luft drau\u00dfen rief. Nicht der Berg, die Luft rief. Freute sich schon auf das wohlige Fr\u00f6steln der kalten Feuchtigkeit. Es roch nach Schnee und er wollte den ersten Schnee des neuen Jahres endlich f\u00fchlen, die Flocken auf der Haut schmelzen sehen. Welch ein Kontrast, wenn einerseits die Narzissen auf der Fensterbank bl\u00fchen und andererseits endlich, nach langem Warten, der wei\u00dfe Winter seinen Einzug h\u00e4lt. Anderthalb Monate zu sp\u00e4t, aber immerhin. Seit einigen Jahren schon hatte er den Eindruck, dass sich alles irgendwie verschob, aber das war wohl inzwischen von allen so akzeptiert, egal was passierte, man konnte es herrlich auf den Klimawandel schieben und damit hatten andere Schuld, am besten ganz abstrakt die Wirtschaftsnationen und vor allem China &#8211; und dort gibt es viele S\u00e4cke Reis.<br \/>\nNichts ist so frustrierend als ein langer Arbeitstag mit T\u00e4tigkeiten, dachte er, die nicht erf\u00fcllen, nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen, weil sie wenig nur mit dem zu tun haben, was er sich einst von diesem Beruf versprochen hatte. Er hatte einst geh\u00f6rt, wer sich sein Hobby zum Beruf macht, der wird nie arbeiten m\u00fcssen. Wer das allerdings behauptet, hat wohl vergessen, dass meist irgendwann die Verwaltung hinzu kam. Wenn aber der Verwaltungskram, die Administration irgendwann wichtiger wird als der eigentliche Beruf, die geliebte T\u00e4tigkeit, dann l\u00e4uft etwas falsch. All die Probleme dort schienen so wichtig, dabei waren es nur solche, die durch die Verwaltung selbst geschaffen wurden, abstrakt albern. Die Welt drau\u00dfen drehte sich trotzdem weiter, weit entfernt und w\u00fcrde sich niemals f\u00fcr die \u00fcberdrehte Aufregung im System interessieren. Blasenkrankheit unserer Gesellschaft. Niemanden interessiert, ob man perfekt gearbeitet hat, solange das Ergebnis stimmt.<br \/>\nAn die frische Luft, auf die alte Holzbr\u00fccke, die ihn jedesmal in dieses wei\u00dfe Rauschen einh\u00fcllte. Benebelte Sinnesersch\u00fctterungen auf der nach oben offenen Richterskala. Alles schien dann wie unter einer Glocke, die Stra\u00dfenlaternen lie\u00dfen alte Hinweisschilder leuchten. Hier konnte er sich leer f\u00fchlen, wie Meditation, nur schneller, umfassender.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das P\u00e4ckchen Tabak in seiner Hand. Er wiegt es, vielleicht noch f\u00fcr f\u00fcnf sechs Zigaretten genug. Riecht daran, muss sich ekeln, eine Ersch\u00fctterung, Stakkato. Im Losgehen zerkn\u00fcllt er die H\u00fclle, die Papiere darin zu einem Ball und setzt mit einem gespielten Sprung zum M\u00fclltonendunking an, trifft. Er wird heute gehen, nicht zur Arbeit, er wei\u00df noch nicht, wohin, er wird an diesem Tag ein Ziel finden, endlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Tisch vor sich hatte Herr Nipp die Zeitung des Tages liegen. Nein, er konnte nicht von sich behaupten, alles gelesen zu haben. 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