{"id":4677,"date":"2015-06-06T09:07:06","date_gmt":"2015-06-06T07:07:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4677"},"modified":"2015-06-08T18:22:39","modified_gmt":"2015-06-08T16:22:39","slug":"auszeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4677","title":{"rendered":"Auszeit"},"content":{"rendered":"<p>St\u00e4ndig und \u00fcberall umgeben von Menschen, die er wohl sehr gerne mag, die aber auch zuweilen recht eng r\u00fccken und ihm fast schon Panikattacken erzeugen, in ihrem Willen,\u00a0da zu sein. Dann nimmt sich Herr Nipp eine Auszeit, die liegengebliebenen Arbeiten zu erledigen, die Papiere zu ordnen, die Rechnungen durchzusehen, vielleicht die Texte und Textfragmente zu ordnen, die sich angesammelt haben, die Wortskizzen zusammenklaubend, welche sich in den Ecken, Ger\u00e4ten und im Kopf finden, um doch noch irgendwann einmal den gro\u00dfen Text fertigzustellen, den er sich gedacht hatte. Es m\u00fcssten ja nicht mehr als 150 Seiten sein denkt er, muss aber zugeben, sich selber zumindest, dass selbst das kaum schaffbar ist. F\u00fcr ihn nicht. Wenn andere ihre Werke heraushauen, als h\u00e4tten sie Flie\u00dfbandarbeit zu erledigen, schreibt er in Wochen vielleicht ein zwei Seiten, nur um sie letztlich doch wieder in gro\u00dfen Z\u00fcgen zu verwerfen. Er macht nun einmal keine Literatur, das soll anderen vorbehalten sein, er verfasst nichts anderes als floskelhafte, sprachliche Hilflosigkeiten, angesichts dessen, was der Markt j\u00e4hrlich auf eben diesen wirft.<\/p>\n<p>Auch er w\u00fcrde gerne den Flug der Mauersegler, den er an sonnigen Abenden auf seiner unbequemen h\u00f6lzernen Gartenbank sitzend beobachtet, in wohlklingenden Worten beschrieben wissen, selber beschreiben k\u00f6nnen. Die kreisenden Bewegungen, vor blauem Firmament, das pl\u00f6tzliche Richtungswechseln erfassen, immer dann, wenn eine Fliege, ein anderes Insekt ersp\u00e4ht worden ist, das im Aufwind der dunklen H\u00e4userd\u00e4cher in luftigen H\u00f6hen die Stadt \u00fcberfliegt, anstatt auf den Stra\u00dfen von einer Windschutzscheibe erfasst zu werden. Als sch\u00e4biger Fleck auf dem Glas zu enden und, der Bestimmung der Fortpflanzung entrissen, sp\u00e4ter abgeschabt zu werden. Dieser spannenden Lebensk\u00e4mpfe k\u00f6nnte er vielleicht ein Buch widmen, h\u00e4tte er nur die Sprache dazu, den Mut sich in neuen Wendungen zu ergehen oder flie\u00dfend seicht wellenf\u00f6rmige sprachliche Unerheblichkeiten, die sich selbst \u00fcbersp\u00fclen und nichts hinterlassen als den gelangweilt meditativen Eindruck eines Schwappschwapp.\u00a0Er w\u00fcrde gerne W\u00f6rter neu finden k\u00f6nnen und wissen, welche rhetorischen Figuren zweckm\u00e4\u00dfig einzusetzen sind, um dem Leser bestimmte Eindr\u00fccke noch besser, komprimierter und vor allem plastischer zu vermitteln. Auch er w\u00fcrde gerne jene wunderbaren Wortmelodien schaffen, die etwa ein Jan Wagner auf das Papier zaubert, so seinem doch immer bewundernden \u00c4rger \u00fcber Giersch, seiner Freude an der Natur, Luft zu machen.<\/p>\n<p>Herr Nipp ist einfach nicht in der Lage dazu. Er w\u00fcrde auch keinen Verleger finden. Also verlegt er sich darauf, ganz verlegen seine Wortstammeleien zu sammeln und in ein kleines B\u00fcchlein niederzulegen. Kurze Geschichtchen werden da versammelt und ergeben niemals ein Ganzes.<\/p>\n<p>Seine Markterlebnisse kann er beschreiben oder die Spazierg\u00e4nge, die er so gerne durch W\u00e4lder und an den B\u00e4chen oder Fl\u00fcssen entlang unternimmt, aber mal ehrlich, wen interessiert schon, dass er dort eine Prachtlibelle mit ihren wunderbaren Flecken auf den sonst durchsichtigen Fl\u00fcgeln bei ihrem gaukelnden Feentanz beobachtet hat. Dieses Geflatter, das auf den ersten Blick keine Funktion zu haben scheint und doch dazu f\u00fchrt, dass die jagenden V\u00f6gel die jagenden Insekten immer verpassen und irritiert den R\u00fcckzug antreten. Kein Mensch w\u00fcrde hinter dem Ofen hervorgeholt werden, wenn er eine Abhandlung \u00fcber den Sturzflug des Eisvogels schreiben w\u00fcrde, den er wie in Zeitlupe schon so oft gesehen hat. Das fast perfekte Eintauchen ins Wasser, die viel zu oft doch erfolglose Jagd nach kleinen Fischen, die zu schnell sind, aufmerksam dem sicheren Tod entrinnen, sich nicht auf dem Ast totschlagen lassen, um in einem St\u00fcck verschlungen zu werden. Er k\u00f6nnte ja die hilflos glotzenden Augen der winzigen Opfer beschreiben, aber niemals w\u00fcrde sich ein Leser finden, so einen Schmarrn zu lesen. Und seine Gedichtversuche haben sich letztlich doch als St\u00fcmpereien herauskristallisiert, keine Avantgarde oder was auch immer, nur Worthaufen mit Worth\u00fclsen, nichtssagend, so schien es ihm.<\/p>\n<p>Aber diese Tage der Einkehr liebt Herr Nipp, wenn er sich, ohne sich Gedanken machen zu m\u00fcssen, ob er nun auch wirklich niemanden vor den Kopf gesto\u00dfen hat, zur\u00fcckziehen kann, in seiner Wohnung in Bed\u00e4chtigkeit durch die Ecken kramt und zuweilen sogar einige Dinge wiederfindet, von denen er vielleicht gar nicht mehr wusste, dass er sie noch hat, von denen er andererseits immer gedacht hatte, sie seien eigentlich auch niemals existent gewesen und nur eine vage Erinnerung an einen Traum, den er im Ganzen schon lange vergessen hat. An solchen Tagen, wenn die Luft so dr\u00fcckend ist, dass man sich den n\u00e4chsten Wolkenbruch herbeisehnt, kann er endlich mal loslassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>St\u00e4ndig und \u00fcberall umgeben von Menschen, die er wohl sehr gerne mag, die aber auch zuweilen recht eng r\u00fccken und ihm fast schon Panikattacken erzeugen, in ihrem Willen,\u00a0da zu sein. 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