{"id":3888,"date":"2014-04-01T10:21:14","date_gmt":"2014-04-01T08:21:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=3888"},"modified":"2014-03-26T13:59:32","modified_gmt":"2014-03-26T12:59:32","slug":"platze-und-wege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=3888","title":{"rendered":"Pl\u00e4tze und Wege"},"content":{"rendered":"<p>Eines ist ihm nat\u00fcrlich klar, der alte Spruch, welcher besagt, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung f\u00fcr den wahren Wanderer gibt, ist vorsichtig zu genie\u00dfen. Beim morgendlichen Blick aus dem K\u00fcchenfenster ins tr\u00fcbe Grau des Tages aber wei\u00df Herr Nipp, dass es endlich mal wieder an der Zeit ist, <span style=\"mso-spacerun: yes;\">\u00a0<\/span>dem Drau\u00dfen trotzig die Nase entgegen zu strecken. In aller Ruhe legt er seine Sachen auf das Bett, die gr\u00fcne Hose, die an allen m\u00f6glichen Stellen Rei\u00dfverschl\u00fcsse versteckt, damit sich das Kleidungsst\u00fcck an die jeweiligen Verh\u00e4ltnisse anpassen kann. Ein eng anliegendes Shirt, welches s\u00e4mtliche entstehende Fl\u00fcssigkeit sofort vom K\u00f6rper wegf\u00fchrt, das vermeidet m\u00f6gliche Erk\u00e4ltungen. Die dicken linksrechts Individualstr\u00fcmpfe, die sich optimal an die mit Karbon und Teflon verst\u00e4rkten Wanderschuhe anpassen werden. Ein Pullover f\u00fcr den Au\u00dfeneinsatzbereich, der nat\u00fcrlich irgendeinen neuen Fantasienamen hat, unter dem man sich eher etwas Technisches vorstellen kann, aber kein Kleidungsst\u00fcck, ganz nach dem Motto \u201efunctional outdoor wear\u201c. \u201eApex Android Hoodie\u201c, \u201eDie Waffelstruktur auf der Innenseite des Fleece &#8211;<span style=\"mso-spacerun: yes;\">\u00a0 <\/span>Materials Solanice h\u00e4lt die K\u00f6rperw\u00e4rme bei minimalem Stoffeinsatz und Gewicht effektiv zur\u00fcck. Das funktionelle, sehr elastische Fleece sorgt dazu f\u00fcr besten Feuchtigkeitstransport.\u201c (so ein Werbetext \u2013 es ist wirklich ganz am\u00fcsant, die verschiedenen Seiten im allgegenw\u00e4rtigen Netz zu lesen, welche solche Produkte anbieten. Da entdeckt der interessierte Mensch folgende Wortsch\u00f6pfungen, hier aus lediglich zwei Anzeigen zusammengestellt: Softshelljacke, Apex ClimateBlock-Gewebe,<span style=\"mso-spacerun: yes;\">\u00a0 <\/span>RV-Einschubtaschen, Black Diamond Credo Pants, Hardshelljacke, PreCip Dry Touch Technologie, Front-RV, Angel-Wing Movement, PreCip Jacket) Das sind die neuen Namen und Beschreibungen, f\u00fcr deren Bedeutungsentschl\u00fcsselung man eigentlich Anglistik studiert haben m\u00fcsste oder zumindest aber Physik. Der neue Wanderer ist kein altbackener Mensch mit Lodenjacke und Hut, er hat sich der Zeit angepasst, alles ist f\u00fcr die T\u00e4tigkeit optimiert und manchmal wirkt es fast l\u00e4cherlich, wenn im Wald nur noch Leute herumlaufen, die auf der Schulter ihr Logo stolz nach hinten pr\u00e4sentieren. Der Wanderstock aus Holz mit aufgenagelten Abzeichen ist einem teleskopisch ausfahrbaren Hightech &#8211; Highend &#8211; Alustick gewichen, mit dem auch die schwierigsten Situationen zu meistern sind. Vor allem aber ist er leicht und bequem verstaubar, was nat\u00fcrlich niemals geschehen wird, weil der stolze Besitzer nat\u00fcrlich zeigen will, was er hat. Auch unter Wanderern ist das Erzeugen von Neid wichtig. Die Wanderkarte kennt kaum noch jemand, wer hat sie denn je lesen k\u00f6nnen? Es gibt schlie\u00dflich inzwischen Ger\u00e4te, die genau anzeigen, wo man sich gerade befindet und wohin der Weg f\u00fchren wird.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Er packt sich einige Sachen in seinen schwarzen Arbeitsrucksack, dabei auch eine Kamera, ein paar Bananen und das obligatorische Mineralwasser. Ein paar Geldscheine sind auch dabei, schlie\u00dflich m\u00f6chte er hinterher noch gem\u00fctlich etwas essen. Er schreibt seiner Mitwanderin eine Kurznachricht und erh\u00e4lt nur kurze Zeit sp\u00e4ter einen positiven Mitwanderbescheid.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Noch ist nicht abzusehen, wo die Wanderstrecke verlaufen soll, jedes Wochenende soll ein neuer oder zumindest ihnen unbekannter Weg <span style=\"mso-spacerun: yes;\">\u00a0<\/span>ausprobiert werden. Man l\u00e4sst sich also von der Strecke leiten, eine halbe Stunde Fahrt sollte dabei das H\u00f6chstma\u00df der Gef\u00fchle sein, schlie\u00dflich geht auch diese Zeit verloren. Irgendwann biegen sie von der Hauptstra\u00dfe ab, weil die Nebenstra\u00dfe so klein wirkt und Richtung Wald geht. Wald ist immer gut, der eine mehr, der n\u00e4chste weniger.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Tats\u00e4chlich f\u00fchrt diese geteerte Trasse zu einem Hinterland &#8211; Sportplatz mit angeschlossenem Wanderparkplatz. Ein weiterer Wagen findet sich dort. Vom Fu\u00dfballfeld schallen wilde Schreie her\u00fcber. Wahrscheinlich die \u00fcbermotivierten Eltern der spielenden Kinder, die ihre Egoprobleme mit dem Sieg des Kindes kompensieren. Die gehen verbal \u00fcber Leichen: \u201eLeg ihn um!\u201c \u201eDa musste reingr\u00e4tschen!\u201c \u201eSei nicht so zimperlich, der Schiri ist doch blind!\u201c Weitere verbale Entgleisungen, wie \u201eFxxx ihn, den Arsch!\u201c und Schlimmeres m\u00f6chte ich dem Leser an dieser Stelle ersparen. F\u00fcr eine Vertiefung des Themas begebe er<span style=\"mso-spacerun: yes;\">\u00a0 <\/span>oder sie sich doch bitte mal zu einem B-Jugend-Fu\u00dfballspiel in der Provinz oder noch schlimmer im Ruhrgebiet. Testosterongesteuerte dickb\u00e4uchige Kampfmaschinen von V\u00e4tern, die nur die \u00e4u\u00dferst unwahrscheinliche Profikarriere ihres Kindes im Kopf haben, bl\u00f6ken dort herum, als sei eine Kultur der Mitmenschlichkeit dem finsteren Mittelalter gewichen. Sie fordern Freveltaten ihrer Kinder ein, die durchaus nicht immer f\u00f6rderlich f\u00fcr die weitere gesundheitliche Entwicklung des Gegners sind. Was in Afrika die Kindersoldaten\u2026 (Nein, hier versteigt sich der Schreiber nat\u00fcrlich v\u00f6llig vorurteilsbeladen in seinen Gedanken.) Aber. <span style=\"mso-spacerun: yes;\">\u00a0<\/span>Man w\u00fcnscht sich in solchen F\u00e4llen geradezu, und sei es nur, um v\u00f6llig fremde Menschen zu sch\u00fctzen, diese sogenannten Erziehungsberechtigten sollten sich doch besser zu Hause vor den Rechner setzen und Egoshooterspiele konsumieren oder ihre Bed\u00fcrfnisse mit Videos bestimmten Themas befriedigen. Herr Nipp wei\u00df schon, warum er sich der sogenannten Fu\u00dfballkultur entzieht. Das r\u00f6mische \u201eBrot und Spiele\u201c ging schlie\u00dflich auch mit gewissen Opfern einher.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Der Weg ist auf den ersten paar hundert Metern noch geteert, man fragt sich, warum vor Jahren noch Waldwege solcherart hergerichtet wurden, ist das Gehen auf einer feinen Schotterpiste doch wesentlich angenehmer. Die erste M\u00f6glichkeit auf eine Seitenpiste wird genutzt. Ein recht gut zu gehender Holzr\u00fcckweg, der allerdings schon nach einem Kilometer in einer Sackgasse m\u00fcndet. Holzverladepl\u00e4tze sind schlie\u00dflich im Wirtschaftsbereich Wal auch wichtig. Nur unerfahrene oder v\u00f6llig ignorante Genie\u00dfer der Natur werden sich folglich von Wegen ableiten lassen, die gekennzeichnet sind. Niemals schlage man einen Pfad ein, der kein Zeichen hat. Die beiden beschlie\u00dfen aufgrund der Begebenheit, dass normalerweise kein Weg zur\u00fcckgegangen wird, querfeldein weiter zu laufen. Irgendwann wird automatisch ein Wanderweg kreuzen. So gro\u00df sind im heutigen Deutschland die Waldgebiete nun wirklich nicht mehr, dass ein echtes Verlaufen m\u00f6glich w\u00e4re. Wer aufmerksam den Ohren folgt, wird irgendwann auf menschliche Siedlungen sto\u00dfen. Zur Not hilft noch immer die alte Pfadfinderregel, dass man einem Bachlauf bergab folgt. Die n\u00e4chste Stadt ist sicherlich nicht weiter als wenige Kilometer entfernt oder ein Dorf. So also auch hier. Eine breite Wandertrasse. Der Wald ist offen, an einigen Stellen sieht das ge\u00fcbte Auge auch nach vielen Jahren noch die Narben, welche von Kyrill geschlagen wurden. Meist werden dort inzwischen neue B\u00e4ume gesetzt, ganze Schonungen. Nicht mehr wie fr\u00fcher nur Fichten, nein auch Nordmanntannen, Eichen und Buchen. An einigen Stellen scheint sich die Einsicht durchgesetzt zu haben, dass Mischw\u00e4lder vielleicht doch widerstandsf\u00e4higer sind als Monokulturen. Immer dort, wo die W\u00e4lder in staatlicher Hand sind, wird neu gedacht und vor allem gehandelt. Das mag zwar als Paradoxon erscheinen, ist aber Tatsache. Man w\u00fcrde sich w\u00fcnschen, dass auch die anderen Waldbesitzer die neuen Gedanken aufgreifen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass einige Streckenabschnitte mit zerkleinerten Grabsteinen versehen sind. Das ist wahre W\u00fcrde. Anderorts wird jeder Grabstein geborgen und feierlich wieder aufgestellt, weil er doch Nachrichten \u00fcber das Leben der Vorfahren gibt oder weil es berechtigte Schuldgef\u00fchle gegen\u00fcber bestimmten Menschen gibt. Hier aber werden die Steine sinnvoll genutzt. Auch f\u00fcr Leseanf\u00e4nger unter den Wanderern wird das Gehen so zum Abenteuer, immer wieder k\u00f6nnen einzelne Buchstaben oder auch ganze Wortteile oder Namensfragmente entdeckt werden. Dass es sich um alte Grabsteine handelt, ist einwandfrei daran festzustellen, dass Diabas f\u00fcr den Hausbau einfach zu teuer ist. (Was f\u00fcr ein Satz.)<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die beiden Naturliebhaber finden auch nach zwei Stunden auf die asphaltierte Strecke zur\u00fcck und zum Auto. Sie beschlie\u00dfen noch essen zu gehen. Zu fahren. Finden auch ganz idyllisch neben Abstellgleisen und Kl\u00e4ranlage gelegen eine rustikale Gastst\u00e4tte mit dem wundervollen Namen \u201eZur rostigen S\u00e4ge\u201c. Der Wagen wird kurz vor einer Schranke abgestellt, dort ist ein rundlicher Platz. Die Wirtin begr\u00fc\u00dft die beiden fremden Hungrigen: \u201eDa habt ihr euch aber einen seltsamen Parkplatz ausgesucht.\u201c \u201eNaja, wir haben uns gedacht, dass Wendehammer daf\u00fcr geschaffen wurden, sie vollzuparken.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines ist ihm nat\u00fcrlich klar, der alte Spruch, welcher besagt, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung f\u00fcr den wahren Wanderer gibt, ist vorsichtig zu genie\u00dfen. 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