{"id":9531,"date":"2024-11-07T19:35:00","date_gmt":"2024-11-07T18:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=9531"},"modified":"2024-10-19T12:08:26","modified_gmt":"2024-10-19T10:08:26","slug":"horrornacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=9531","title":{"rendered":"Horrornacht"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn er eines nicht ausstehen kann, dann ist es alles, was mit Horror zu tun hat, weder Filme zu fiesen Vampiren, die nachts unschuldigen Menschen, am liebsten holden Jungfrauen (Nosferatu) oder jungen Liebespaaren (Only lovers left alive) auflauern, sie vielleicht umschmeicheln, sie aber auf jeden Fall mit psychischer oder physischer Gewalt, etwa auch durch rauschende Feste ( Tanz der Vampire) gef\u00fcgig machen und ihnen dann gen\u00fcsslich den Lebenssaft bis zum letzten Tropfen aus den Adern saugen oder einen Rest Leben zulassen und damit neue Blutsauger erschaffen (Interview mit einem Vampir), noch Serien \u00fcber Untote, die ekelerregend verfault durch die Landschaft schlurfen, wie in &#8222;The Walking dead&#8220; und deren einziges Ziel es ist, die Lebenden zu infizieren und damit zu ihresgleichen zu machen, letztlich aber wohl daf\u00fcr sorgen, dass die Erde von der Infektion namens Mensch befreit wird, B\u00fccher \u00fcber Geistererscheinungen an speziellen Orten, im Besonderen in Burgen und Schl\u00f6ssern oder alten Hochh\u00e4usern wie in &#8222;das kleine Gespenst&#8220; oder &#8222;Ghost Busters&#8220;, die immer zu bestimmten Zeiten die Bewohner heimsuchen und auf f\u00fcrchterlichste Art erschrecken oder sie gar in ihre Welt zu ziehen trachten, oder H\u00f6rspiele mit seltsamen t\u00fcckischen Wesen, deren Formen hier kaum zu beschreiben sind wie in Perry Rodan und Alien, weil sie alle Anwesenden zutiefst verst\u00f6ren w\u00fcrden, sind einfach nicht sein Ding. Nicht zu vergessen die H\u00f6llenvisionen von Hieronymus Bosch oder all die Ausgeburten von H.R. Giger. All die Formwandler, Mischwesen, Werw\u00f6lfe und Einh\u00f6rner, die Sartyre, Riesentaranteln und Scheinriesen, die Drachen und erschreckenden Au\u00dferirdischen. Nein, er braucht zum Gl\u00fccklichsein keine wiederkehrenden Nonnen, die aus W\u00e4nden und Gr\u00fcften kriechen, keine Kellerkinder mit Jutes\u00e4cken \u00fcberm Kopf, die vor Jahrhunderten dort vergessen, ermordet oder eingemauert wurden und zwei oder drei Mal im Jahr zum Leben erwachen, weil sie die lebenden Kinder, am liebsten Zwillinge, des Hauses entf\u00fchren wollen. Keine Ritter ohne Kopf oder wei\u00dfe Witwen, keine rasselenden Ketten und seltsame Kratzger\u00e4usche in der Nacht. Herr Nipp mag auch grunds\u00e4tzlich keine Monster, da reicht es ihm schon, sich vorzustellen, dass die jetzt noch so kleine h\u00fcbsche Winkelspinne unterm Bett irgendwann die Gr\u00f6\u00dfe einer Hand erreichen k\u00f6nnte und ihm nachts \u00fcber das Gesicht kriecht oder jene Fliege dort an der Fensterscheibe, die da geradezu harmlos auf und ab fliegt und heraus will, ihn in den Morgenstunden, wenn der Schlaf am tiefsten ist, aufsucht und Eier ans linke Nasenloch legt, aus denen Larven schl\u00fcpfen, die sich in den Nasennebenh\u00f6hlen einnisten und dort von ihm ern\u00e4hren. Schritt f\u00fcr Schritt zum Hirn vordringen, bis hin zum Wahnsinn. Auch fremdartige Wesen und Poltergeister sind ihm echt zuwider, die nat\u00fcrlich in jeden Haus zu finden sind, wenn man nachts nur lange genug wach liegt, auf jedes kleinste Ger\u00e4usch h\u00f6rt und hinter allem das Schlimmste bef\u00fcrchtet. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie viele Gestalten mit v\u00f6llig verwirrten Geistern durch die Gegend laufen, bei denen man sich nicht entscheiden kann, ob sie real sind oder nur Einbildungen, weil man selbst n\u00e4chtelang nicht geschlafen hat? Sind Ihnen die kleinen Unerkl\u00e4rlichkeiten bewusst, wenn etwas, irgendetwas fehlt und man es nach stundenlangem Suchen wieder an der Stelle findet, die bereits zehn mal genauestens durchk\u00e4mmt wurde &#8211; nat\u00fcrlich obenauf liegend? Oder warum man dieses Gesicht, das einem vor zehn Jahren zuletzt entgegen kam, pl\u00f6tzlich mehrmals an einem Tag in der Stadt auf der Hauptstra\u00dfe begegnet und abends erf\u00e4hrst du, dass die Frau gestern verstorben ist? Oder dieser seltsame Geruch, der einige Sekunden wie ein Elefant im Raum steht, dich an ein schlimmes Ereignis erinnert und ebenso ohne Nachhall verschwindet? Alle die Gesichter, die aus einer anderen Zeit kommend in Steinen und anderen Strukturen verewigt sind? Die unmotivierten Verdichtungen im Nebel auf der Sauerlandlinie bei L\u00fcdenscheid? Wenn man im M\u00f6hnesee beim Schwimmen von etwas gestreichelt wird, das eindeutig weder Fisch noch Seegras ist? Was ist mit den Dejavueerlebnissen? Ja, klar. Der aufgekl\u00e4rte Mensch spricht von Projektionen, von Fehlschaltungen im Gehirn, die vorkommen k\u00f6nnen. Aber ist das wirklich so? Sind sie sich da sicher? Gibt es eigentlich Beweise? Was etwas ist mit den Erinnerungen, deren Wahrheit du dir bis vor Augenblicken noch sicher warst, die aber pl\u00f6tzlich durch neue Fakten widerlegt werden. Solche Dinge bleiben uns einige Zeit bewusst, werden dann aber schnell vergessen. Wie oft ist es uns allen nicht schon passiert, dass Stunden oder gar Tage verschwunden sind? Und ich meine hier keinen Filmriss nach Alkoholabusus. Pl\u00f6tzlich ver\u00e4ndert sich unsere gewohnte Welt nur durch genaue Beobachtung. All diese Ph\u00e4nomene, von denen Herr Nipp einige selbst erlebt hat, st\u00f6ren einfach sein seelisches Gleichgewicht. Sie bringen die innere Taktung durcheinander. Niemand darf sich davor sicher f\u00fchlen, denn das Leben gr\u00fcndet letztlich auf dem Treibsand des Unwahrscheinlichen. Er muss sich nur an die Erlebnisse in der alten Fabrik erinnern, immer wieder war er dort auf Luftschichten getroffen, die f\u00fchlbar k\u00e4lter waren. Er hatte sich nicht viel dabei gedacht und sich f\u00fcr taktil hypersensibel gehalten, bis er eines Tages einen \u00e4lteren Freund dabei beobachtete, wie dieser pl\u00f6tzlich vor etwas Unsichtbaren auswich und etwas vor sich hin murmelte. Darauf angesprochen, berichtete dieser, das seien verirrte Seelen, die noch nicht verstanden haben, dass das Leben vorbei ist, nicht gef\u00e4hrlich, denen er jedesmal, wenn er auf sie traf, etwas Freundliches zufl\u00fcstere. Oder die Nacht, als er im Wohnzimmer vom Schatten seiner Gro\u00dftante besucht wurde. Diese unfassbare Wesenheit stand nur da, sagte nichts. Keine Angst, eher das Gef\u00fchl von Vertrautheit. Ach, jeder hat solche Geschehnisse in seiner Vergangenheit gerne verdr\u00e4ngt. Sie bringen die festen Fundamente der eigenen Existenz ins Wanken.<\/p>\n\n\n\n<p> Ja, horchen sie heute Nacht einfach mal in sich, beachten Sie jedes Knacken oder Wispern des Windes, das Kratzen der Rosenstr\u00e4ucher an der Hausfassade oder das Pochen in den Rohren ihrer Heizung. Sind sie sicher, dass sie jedes Ger\u00e4usch genau identifizieren k\u00f6nnen? Herr Nipp jedenfalls nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wurde er allerdings von einer netten jungen Dame mit Faible zu wahrer Literatur zu einer Lesung eingeladen, die gerade dieses Metier bedient und eigentlich w\u00fcrde er lieber fernbleiben, wissend, was dieser Abend ausl\u00f6sen kann; N\u00e4chte voller Albtr\u00e4ume und nicht enden wollende Gedankenschleifen. Horror beginnt bekanntlich im Kopf, immer. Er wei\u00df nicht, was ihn erwartet, immerhin hofft er auf gute Literatur, keinen Trash und Schund. Er hofft auf feines Gruseln in den Leerstellen zwischen den S\u00e4tzen, das erst in der R\u00fcckschau verst\u00e4ndlich wird. Die Gruselnacht, Horrornacht gar, welche passenderweise Anfang November in einem Schloss stattfindet, soll verschiedenste Aspekte zeigen oder besser gesagt vor Ohren f\u00fchren. Schon lange hatte diese Idee wohl im Raum gestanden, doch niemand konnte sich wahrscheinlich in dieser literarischen Gesellschaft zutrauen, sie tats\u00e4chlich auch zu realisieren. Junge Menschen haben mehr Mut. Gl\u00fccklicherweise nimmt ihm bereits die Deko jegliche Angst, auch die Anwesenden sind ihm meist irgendwie bekannt, das kann also gar nicht so schlimm werden. Wahrscheinlich. Oder vielleicht gerade deshalb doch? Steckt der schrecken vielleicht gerade im Bekannten. Was wissen wir schon wirklich \u00fcber den Nachbarn links oder rechts. Welche Abgr\u00fcnde tun sich da auf? Und da beginnt auch schon das Kribbeln auf der Kopfhaut. Er setzt sich zu netten Bekannten und vor Beginn verlaufen die Gespr\u00e4che \u00fcber dies, das und jenes gut. Eine gewisse Nervosit\u00e4t und Spannung l\u00e4sst sich vor allem am immer mal wieder aufkommenden lauten Gel\u00e4chter einzelner Personen ausmachen. Aber dann geht es los, das Licht wird herunter gedimmt, die frisch gef\u00fcllten Gl\u00e4ser liegen als Nothaltegriffe f\u00fcr bevorstehende innere Ersch\u00fctterungen fest in den H\u00e4nden der G\u00e4ste. Wei\u00dfwein, Rotwein, manchmal Mineralwasser, zuweilen auch eine Bierflasche. Ein gro\u00dfes Schweigen setzt ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ans Mikrophon begibt sich der erste Vorleser, ein gealterter Mann mit dunkler Kleidung und auff\u00e4llig leuchtender Glatze. Sein verschlossenes Gesicht mit den dicken Augenbrauen, die fast die Augen verdecken, zeigt keine Regung. Er wartet, vielleicht auf ein Zeichen, vielleicht darauf, dass die beiden Damen da ganz hinten links endlich mit ihrem Gekicher aufh\u00f6ren, vielleicht auch auf eine innere Stimme, die ihm den Text diktieren wird. Er hat drei leere Bl\u00e4tter vor sich liegen, eine schwarz ger\u00e4nderte Brille auf der Nase. Langsam kommen die Worte aus seinem Mund, so als w\u00fcrde ihm jedes einzelne eine Qual bereiten, als habe der Text mit ihm selbst zu tun, vielleicht auch, als entstehe er gerade erst im Vorlesen. Wer wei\u00df schon, woher solche Texte kommen und wie sie wirklich entstehen. Sind es nicht doch Einfl\u00fcsterungen aus einer parallelen Welt, von Kr\u00e4ften, die niemand durchschauen kann? Ist nicht jede Gruselgeschichte eine Einfl\u00fcsterung, die nicht zu steuern ist? Wissen wir nicht alle insgeheim, dass es verschiedene Realit\u00e4ten gibt, Welten, die sich ber\u00fchren oder \u00fcberschneiden? Er blickt beim unsicheren H\u00fcsteln eines Zuh\u00f6rers auf, fixiert diesen nicht gerade wohlwollend, macht eine vorwurfsvolle Pause, wie kann dieser Kunsthuster es wagen, die Konzentration zu st\u00f6ren,<\/p>\n\n\n\n<p>liest irgendwann weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Nipp ist verunsichert, geradezu schockiert, der Mann da vorne sieht ihm selbst zum Verwechseln \u00e4hnlich, nein, er ist eher ein Zwillingsbruder in seiner Art sich zu bewegen, zu kleiden, zu sprechen. Seine Augen sind die seinen, das Runzeln der Stirn und wie er die rechte Augenbraue hebt. Er sp\u00fcrt etwas in sich aufsteigen, das er nicht erkl\u00e4ren kann. Nach und nach scheint dieser Mann da vorne Macht \u00fcber ihn auszu\u00fcben und langsam zu gewinnen. Eine geistige Verschmelzung setzt ein. Sie werden eins und rauschen verschlungen, doch letztlich aneinander vorbei. Ein Ringen, das von au\u00dfen nicht wahrzunehmen ist. Er hat irgendwann mal gelesen, dass es so etwas wirklich geben kann, Geistverschmelzung. Die beiden sehen sich, ihr Innerstes, jeden Gedanken, jedes Gef\u00fchl, ja, jede Erinnerung und sei sie auch noch so peinlich. Herr Nipp erschaudert bei dem schwarzen Abgrund, der sich vor ihm auftut. Er hat in die d\u00fcstere Seele geblickt. Jetzt wei\u00df er, warum manche Menschen sagen, dass sie den Kaffee schwarz wie die Seele trinken. Was hat dieser fremde Mann mit ihm gemacht? Und pl\u00f6tzlich sitzt er selbst am Mikrophon, nicht wissend, wie er dorthin gekommen sein k\u00f6nnte und muss feststellen, dass die Worte tats\u00e4chlich gerade erst auf dem Blatt entstehen, er \u00fcbernimmt das Lesen, wie selbstverst\u00e4ndlich, begreift, dass dies nicht sein darf und er schaut verst\u00f6rt ins Publikum. Fragend, lang. schaut den Zuh\u00f6rern ins Gesicht, da ist etwas passiert mit denen da vor ihm&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann steht ein Mann im Publikum auf, der ebenfalls er zu sein scheint, und geht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn er eines nicht ausstehen kann, dann ist es alles, was mit Horror zu tun hat, weder Filme zu fiesen Vampiren, die nachts unschuldigen Menschen, am liebsten holden Jungfrauen (Nosferatu) oder jungen Liebespaaren (Only lovers left alive) auflauern, sie vielleicht &hellip; <a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=9531\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-9531","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9531","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9531"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9531\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9550,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9531\/revisions\/9550"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9531"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9531"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9531"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}