{"id":9090,"date":"2023-07-29T06:41:00","date_gmt":"2023-07-29T04:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=9090"},"modified":"2023-07-26T07:29:31","modified_gmt":"2023-07-26T05:29:31","slug":"textbaustein-fuer-einen-roman-iv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=9090","title":{"rendered":"Textbaustein f\u00fcr einen Roman IV"},"content":{"rendered":"\n<p>Die meisten solcher Textfragmente entstehen quasi im Vor\u00fcbergehen, in Situationen des Wartenm\u00fcssens. Das kann etwa an einer Bushaltestelle oder auf dem Bahnsteig sein, vielleicht aber auch manchmal fr\u00fch am Morgen, wenn er mal wieder viel zu fr\u00fch aufgewacht ist und es v\u00f6llig sinnlos w\u00e4re, noch einmal ins Bett zu gehen. Dann schnappt er sich das schwarze Buch, das er sich vor einiger Zeit zugelegt hatte und beginnt. Notate seiner Beobachtungen, manchmal auch Befindlichkeiten, die allerdings nicht den Impetus eines Tagebucheintrages haben. Das wiederum hat er vor einigen Jahren so mir nichts, dir nichts aufgegeben. Tageb\u00fccher sind zu intim und legen die Vergangenheit zu sehr fest. <br>Irgendwann hatte einer seiner Dozenten, damals als er noch studierte, einmal davon erz\u00e4hlt, dass ein Professor der Germanistik mit anderen den Versuch gestartet hatte, aus ersten S\u00e4tzen von Romanen einen neuen Roman zu verfassen, ohne diese zu ver\u00e4ndern. Vielleicht waren es auch erste S\u00e4tze einer Novelle, die zu einer neuen Novelle werden sollten. Wen wundert es, dieses Vorhaben war nat\u00fcrlich grandios gescheitert. Aber der Versuch z\u00e4hlte. Durch Aneignung und neue Kontextualisierung etwas wirklich Neues erschaffen. War das nicht das Prinzip unserer Kultur? Wir nehmen uns Bausteine unserer Vorg\u00e4nger, setzen sie in einen neuen Zusammenhang und erschaffen. Hatten nicht die Barockk\u00fcnstler schon mit ihren Vanitasstillleben \u00e4hnlich gearbeitet. Ja, die Renaissance war schon namentlich ohne die Antike nicht denkbar. Hatten nicht auch die R\u00f6mer von den Griechen Elemente \u00fcbernommen! Ohne kulturelle Aneignung kein Fortschritt. Besteht nicht unser gesamtes Leben aus Bruchst\u00fccken, die wir st\u00e4ndig neu ordnen m\u00fcssen? Wir bewerten unsere eigene Vergangenheit t\u00e4glich nach der neusten Erfahrung und konzipieren sie stetig um, erfinden sie wahrscheinlich zu unseren Gunsten oder, wenn es den nutzt zu unseren Ungunsten. Es soll ja Menschen geben, die aus ihrer schlimmen (erdachten oder schr\u00e4g erlebten) Vergangenheit Kapital schlagen. <br>Herr Nipp fand zu jener Zeit schon allein die Idee zum ErsterSatzRoman ziemlich grandios und das z\u00e4hlte. Tats\u00e4chlich hatte er dann auch einige Seminare bei diesem Herrn besucht. Irgendwie anders, irgendwie inspirierend dieser Gelehrte, der so gerne K\u00fcnstler gewesen w\u00e4re, es ohne zu wissen vielleicht mehr war als andere. Und so mag es der Leser vielleicht verstehen, dass der Gedanke entstehen kann, mal wird er irgendwann aus all den St\u00fccken ein Ganzes konzipieren, man muss dann nur noch die L\u00fccken f\u00fcllen und ganz nebenbei einen Stoff finden, ein Thema, welches alles zusammenhalten kann. <br>Er hatte sich an diesem Tag unter das Vordach eines gr\u00f6\u00dferen Geb\u00e4udes gefl\u00fcchtet, wie auch einige andere Leute und es sich auf der Treppe bequem gemacht, hatte sein Buch heraus geholt und begonnen zu schreiben:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Als der gro\u00dfe Regen, der sich seit Stunden in dieser dr\u00fcckenden Stauhitze angek\u00fcndigt hatte, endlich kam, war er rechtzeitig unter dem eigenen Dach angekommen und sah mit Genugtuung, wie sich z\u00fcgig erst gr\u00f6\u00dfere, dann sehr gro\u00dfe Pf\u00fctzen auf der Stra\u00dfe bildeten. Heute w\u00fcrde er die vielen T\u00f6pfe mit Pflanzen, die er im Garten aufgestellt hatte, nicht mehr gie\u00dfen m\u00fcssen. Er setzte sich auf den schwarzen Ledersessel und schlief gl\u00fccklich ersch\u00f6pft \u00fcber das regelm\u00e4\u00dfige Regengetrommel und Rauschen, das durch die ge\u00f6ffnete Terrassent\u00fcr zu ihm hereindrang, selig ein. Regen mit seinem spontan entstehenden Duft gab ihm immer so etwas kindlich Wohliges, ganz entgegen der Sommerhitze, die ihm Energie klaute und Lebenskraft. Er wachte auf, f\u00fchlte er sich wieder stark und sehr motiviert, ging in die K\u00fcche und kochte sich einen Kaffee.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine neben ihm sitzende Frau sprach ihn auf die Notizen an und er las ihr einfach vor, ohne sich \u00fcber irgendwelche Auswirkungen bewusst zu sein. Ein Text ver\u00e4ndert das Denken anderer Menschen, vielleicht zum Guten, wahrscheinlich aber eher im Kleinen. &#8222;Das ist ja ganz sch\u00f6n, aber finden sie es nicht seltsam, einfach eine ganz andere Situation zu beschreiben, als man gerade erlebt?&#8220; &#8222;Im Gegenteil, ich nutze ja die Situation jetzt und schaffe daraus etwas Neues. Ob es wirklich diese Terrasse oder jenes Ledersofa gibt, ist v\u00f6llig egal, ja selbst die Figur. Wen interessiert, ob die T\u00f6pfe wirklich gegossen werden m\u00fcssen? Sie sind jetzt vorhanden. In Ihrem Kopf, oder sollen wie uns duzen?, existiert all das jetzt. Das Rauschen und die entstehenden Ger\u00fcche kennst du doch aus deiner Erfahrung oder jetzt zumindest wirst du darauf achten und vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben zu sch\u00e4tzen lernen.&#8220; &#8222;Vielleicht sollte ich auch mal schreiben, genug Bl\u00f6dsinn spukt ja in meinem Kopf herum. Sollen wir gleich einen Kaffee trinken? Da dr\u00fcben ist ein Caf\u00e8.&#8220; Kurzentschlossen liefen beide los, durch das Geprassel und kamen durchn\u00e4sst, aber gl\u00fccklich an. Ein sch\u00f6ner Nachmittag.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten solcher Textfragmente entstehen quasi im Vor\u00fcbergehen, in Situationen des Wartenm\u00fcssens. 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