{"id":8859,"date":"2023-02-28T17:34:00","date_gmt":"2023-02-28T16:34:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=8859"},"modified":"2023-02-25T20:06:34","modified_gmt":"2023-02-25T19:06:34","slug":"brille-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=8859","title":{"rendered":"Brille"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir kennen die Erz\u00e4hlungen (modern m\u00fcsste es heute wahrscheinlich Narrative oder Narrationen hei\u00dfen, hach wie toll ist das aktuelle \u00d6ffentlichkeitssprech) alle. Da sucht jemand seine Brille und kann sie dummerweise nicht finden und dann kommt der Partner oder wer auch immer heim und sagt, dass der Suchende sie doch auf der Nase hat. Haha, was haben wir gelacht. Wie kann denn jemand so &#8222;trottelig&#8220; (Ich habe mir dieses Wort bei Jan Faktor ausgeliehen, dessen Roman &#8222;Trottel&#8220; man unbedingt gelesen haben sollte. \u00dcbrigens ein wirklich sympatischer Zeitgenosse, denn es sich lohnt kennen zu lernen.) sein. &#8222;Das habe ich bei dir auch nicht anders erwartet.&#8220; und \u00e4hnliche Frechheiten werden dann stereotyp gebraucht. Das allerdings soll an dieser Stelle nicht erz\u00e4hlt werden, zu abgedroschen und vor allem ihm noch nie passiert und auch als Erz\u00e4hler sollte man nicht allzu sehr l\u00fcgen, wohl den Leser in die Irre f\u00fchren, ja, das ist erlaubt. Herr Nipp hat seine Brille jedenfalls ernsthaft gesucht, er kam auch sofort auf die Idee, in den Spiegel zu schauen, vielleicht konnte sie sich ja doch irgendwo in seinem glatt rasierten Gesicht oder auf dem ebenfalls weitgehend glatten Haupt versteckt haben. So eine Frechheit der Sehgl\u00e4ser, sozusagen ein bewusster Prozess der Subordination gegen\u00fcber ihrem Tr\u00e4ger. Einfach zu verschwinden, wo gibt es denn so etwas? Zun\u00e4chst im Wohnzimmer trachtete er, die Sehhilfe ausfindig machen zu k\u00f6nnen, dann im Bereich der Dusche, klar, da zieht man sich ja meist vor dem Duschen aus und man h\u00f6rt davon, dass auch Brillen abgelegt werden, Schlafzimmer, Ja, Schlafzimmer, wo sonst, oder doch der Werkraum im Keller, in dem er sich manchmal gerne aufh\u00e4lt,um irgendwelche Ideen zu realisieren. Selbst die kleine Bibliothek ein Fehlschlag. Seine Schwester hat er angerufen, auch dort hatte er sie nicht liegen lassen. Wenn hier von der Brille gesprochen wird, muss der geneigte (hoffentlich nicht gebeugte) Leser wissen, dass es sich eigentlich um drei Brillen handelt, die er wechselweise tr\u00e4gt. Nicht besonders sch\u00f6n, klar, aber zumindest funktionale Nasenrennr\u00e4der nennt er sein Eigen. Es hilft alles nichts, keins ist zu finden, niemand wei\u00df, wo sie liegen k\u00f6nnten. So versucht er fast den gesamten Tag \u00fcber, das hei\u00dft, immer wieder, seine gesch\u00e4tzte Wochenzeitung mit m\u00f6glichst gro\u00dfer Distanz zu lesen. So entsteht ein leidlich scharfes Bild der Buchstabenkolonnen. Das Lesen dauert zwar ein wenig l\u00e4nger, aber es geht eben doch so halbwegs. Vor allem dann, wenn die Zeitung wellig liegt, muss er manchmal raten. Aber normalerweise liegt er dann richtig. Man sollte nicht vermuten, dass Redakteure und Journalisten heutiger Zeit selbst angesehener Bl\u00e4tter auch nur ansatzweise dazu neigen, konzeptionell experimentellen Sprachgebrauch zu machen. Das k\u00f6nnte gar noch den n\u00e4chsten Schei\u00dfesturm ausl\u00f6sen, der wohlklingender &#8222;Shitstorm&#8220; hei\u00dft. Der wahre Wohlf\u00fchljournalismus dieser Tage findet nicht nur die richtigen Wohlf\u00fchlthemen, sondern ganz nebenbei auch noch eine Wohlf\u00fchlsprache, die eher romantischen Ans\u00e4tzen einer Poetisierung der Welt gleicht als denen des radikalen Expressionismus, der die Welt zerlegt und neu zusammensetzt. Die Wohlf\u00fchlpresse bedient sich sprachlicher Weltflucht. An diesem Tag kommt er erst sp\u00e4t zur Ruhe und muss dort im Schlafzimmer feststellen, dass alle drei Brillen unter der Bettdecke liegen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Und da f\u00e4llt ihm ein, dass er noch dringend zum Geburtstag gratulieren muss. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir kennen die Erz\u00e4hlungen (modern m\u00fcsste es heute wahrscheinlich Narrative oder Narrationen hei\u00dfen, hach wie toll ist das aktuelle \u00d6ffentlichkeitssprech) alle. 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