{"id":881,"date":"2012-08-07T09:48:59","date_gmt":"2012-08-07T07:48:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=881"},"modified":"2012-08-07T09:48:59","modified_gmt":"2012-08-07T07:48:59","slug":"fensterrahmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=881","title":{"rendered":"Fensterrahmen"},"content":{"rendered":"<p>Im Haus gegen\u00fcber dem kleinen Getr\u00e4nkemarkt steht der Mann wieder in den Fensterrahmen gelehnt. Er hat eine aufgerollte Badezimmermatte unter den aufgest\u00fctzten Armen liegen und betrachtet die unter ihm liegende Szene zufrieden mit abgekl\u00e4rter Neugier. Was bewegt sich unten auf dem B\u00fcrgersteig. Die Haut hat eine satte Solariumbr\u00e4une, der Sch\u00e4del ist sauber und glatt rasiert. Das Kinn ziert ein sehr gepflegter F\u00fcnftagebart, der nicht nur ein wenig an das gro\u00dfe Vorbild eines ewig n\u00f6rgelnden B\u00fcrohengstes aus dem Fernsehen erinnert. Zwischen Zweige und Mittelfinger seiner rechten Hand h\u00e4lt er eine selbstgestopfte Zigarette. Wenn junge und mittelalte Frauen mit tiefem Ausschnitt vorbeiziehen, in ihren ewigen Handyplausch vertieft, dann reckt er den Hals etwas und l\u00e4chelt, wenn er etwas sch\u00f6n Gerundetes zu sehen bekommt.<\/p>\n<p>Jedes Mal wenn Herr Nipp Mineralwasser und alkoholfreies Weizenbier einkauft, dann sieht er vor der Kasse stehend dieses Schauspiel und muss an die alten Frauen denken, die in seiner Kindheit in der gleichen Pose im Fenster sa\u00dfen. Sie hatten sich ein Kopfkissen untergelegt und unterhielten sich \u00fcber drei oder vier Stationen \u00fcber die Stra\u00dfe hinweg. Da es keine Durchgangsstra\u00dfe war, ging das auch ganz gut, ohne von l\u00e4stigen Autos gest\u00f6rt zu werden. Jeden Samstagmorgen, wenn er die Br\u00f6tchen von der sogenannten Hausb\u00e4ckerei holen musste, konnte dieses Schauspiel erlebt werden. Eine sa\u00df immer vor dem Haus auf der Treppenbank. Die Frauen waren sehr alt und sprachen damals noch in Plattdeutsch. So schnell, dass er nichts verstehen konnte. Vielleicht einzelne Brocken. Keine ganzen Zusammenh\u00e4nge. \u00a0Er war immer etwas neidisch auf diese Geheimsprache gewesen, die inzwischen kaum noch eine \u00dcberlebenschance hatte. Auch die Plattdeutschvereine lebten nicht gerade vom Nachwuchs, sondern verz\u00f6gerten nur den Niedergang dieser sch\u00f6nen Kultur. Einige S\u00e4tze hatte er wohl auswendig gelernt, allerdings handelte es sich hierbei eher um einen familieninternen Running Gag, den niemand sonst ohne gro\u00dfes Erkl\u00e4rwerk verstehen konnte. Wenn die alten Leute von fr\u00fcheren Zeiten erz\u00e4hlten, wurde immer wieder ganz stolz erw\u00e4hnt, dass jede Stadt, ja jedes Dorf ein etwas anderes Platt \u201egekuiert\u201c hatte. Ja, inzwischen gingen sogar die sauerl\u00e4nder Eigenheiten der deutschen Hochsprache durch die Allgegenwart der Unterhaltungs- und Informationsmedien langsam zur\u00fcck. Vielleicht wurden alle Wortendungen mit \u201e-er\u201c immer noch \u201ea\u201c ausgesprochen, auch das lange \u201eie\u201c aus \u201ediese\u201c wurde zu \u201ei\u201c verk\u00fcrzt, die \u201eKarte\u201c hie\u00df \u201eKatte\u201c, aber das war es inzwischen auch schon fast. Fernsehen und Radio sei Dank. Trotzdem sind M\u00fcnsterl\u00e4nder (nicht die Hunde) immer noch in der Lage, einen Sauerl\u00e4nder zu erkennen. Ein spanischer Tanzstudent, der im Sauerland Deutsch gelernt hatte, ermutigte seine Kommilitonen dann auch folgerichtig, alle \u201e-er\u201c als \u201e-a\u201c auszusprechen, alles andere sei Bl\u00f6dsinn. Man h\u00f6rt, das sei ihm heute noch peinlich.<\/p>\n<p>Als ein Mann unter dem Beobachtungsposten des Glatzkopfes hergeht, den dieser ganz offensichtlich nicht mag, denn das gesamte Gesicht verfinstert sich augenblicklich, kann Herr Nipp pl\u00f6tzlich Gedanken sehen. Innerhalb einer Sekunde. Eine Ver\u00e4nderung in B\u00f6shaftigkeit und fieses Grinsen. Er schnippst an der Zigarette. Die Asche fliegt dem Gehenden entgegen und landet zielsicher auf dessen Haaren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Haus gegen\u00fcber dem kleinen Getr\u00e4nkemarkt steht der Mann wieder in den Fensterrahmen gelehnt. Er hat eine aufgerollte Badezimmermatte unter den aufgest\u00fctzten Armen liegen und betrachtet die unter ihm liegende Szene zufrieden mit abgekl\u00e4rter Neugier. 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