{"id":6998,"date":"2020-09-20T19:06:21","date_gmt":"2020-09-20T17:06:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=6998"},"modified":"2020-09-20T19:06:21","modified_gmt":"2020-09-20T17:06:21","slug":"falsche-stadt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=6998","title":{"rendered":"Falsche Stadt"},"content":{"rendered":"\n<p><br>Oder<br>Laik W\u00f6rtschel im Sauerland<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Nipp hat sich in den Bus gesetzt,was er zugegebenerma\u00dfen nicht oft macht. Normalerweise legt er k\u00fcrzere Strecken mit dem Rad oder zu Fu\u00df zur\u00fcck, sogar zum Einkaufen.Zwar ist die nachfolgende Schlepperei l\u00e4stig, aber daf\u00fcr hat er dann gen\u00fcgend Zeit, seine ihm so wichtigen Beobachtungen zu machen, die er sp\u00e4ter akribisch notiert. Auff\u00e4lligkeiten, Besonderheiten und Ver\u00e4nderungen. Das schult das Sehen. Manchmal geht es dann vielleicht nur um die eine kleine Blume, die er an dieser Stelle oder auf jenem Beet noch nicht gesehen hatte. Manchmal sind seine Entdeckungen aber auch wirklich eingreifender Natur. Das war letztlich so gewesen, als ein Haus abgerissen wurde, bei dem er sich seit Jahren gefragt hatte, wer dort wohl wohne und wie es w\u00e4re, dort zu wohnen. Altes Gem\u00e4uer aus dem neunzehnten Jahrhundert. Leider hatte er nie um Einlass gebeten oder gefragt, wem das Haus denn wohl geh\u00f6re. L\u00e4ngere Strecken legt er meist in seinem klapprigen Kastenwagen zur\u00fcck, Der aussieht, als sei er seit Jahren in keiner Waschanlage mehr gewesen, was auch stimmt. Er liebt es, in seinem liebevoll Trecker oder aber Bullibulli genannten Gef\u00e4hrt \u00fcber Land zu fahren, irgendwo geplant oder f\u00fcr ihn selbst v\u00f6llig \u00fcberraschend anzuhalten und dort spazieren zu gehen oder einen gerade entdeckten Tr\u00f6delmarkt in einer versteckt liegenden Garage zu besuchen.<br>Heute jedenfalls hat er sich in einen Bus gesetzt. Er hat extra seine beste Maske herausgesucht, die dunkelgraue, die eben noch frisch gewaschen \u00fcber der Leine hing. Die Entdeckung, dass man durch feuchten Stoff schlecht atmen kann, haben sicherlich schon tausende internierter Menschen in amerikanischen Gefangenenlagern gemacht. Er es hilft nichts, da muss er jetzt durch und f\u00fchlt sich f\u00fcr die Zukunft gut vorbereitet, sollte er einmal dem Waterboarding unterzogen werden. Und letztlich hat er ja auch die Hoffnung, dass w\u00e4hrend der Busfahrt die Maske nachtrocknet. Es gibt tats\u00e4chlich einen Grund f\u00fcr seine Wahl des Transportmittels. Ein \u00fcberregional bekannter K\u00fcnstler hat ein neues Ausstellungskonzept f\u00fcr seine Werke entwickelt. Werke \u00fcbrigens, die es rein virtuell gibt. Nicht einmal irgendwo digital abrufbar. Laik W\u00f6rtschel, so der Name, ist mal wieder ein St\u00fcck radikaler geworden. Nachdem er in den Zehner Jahren des neuen Jahrtausends seine zeichnerischen Ideen mit Hilfe von fl\u00fcssigem Asphalt auf den Stra\u00dfen rund um den M\u00f6hnesee realisierte und dort aufregende riesige Zeichnungen schuf, die sich teilweise \u00fcber mehrere Kilometer ziehen konnten, widmete er sich immer wieder anderen Medien. Er hat Performances gemacht, die sich \u00fcber mehrere Tage hinzogen und sich mit dem Thema Langeweile besch\u00e4ftigten. Sogar in die \u00c4cker der Soester B\u00f6rde, die er bekanntlich nicht nur als subventionierte Wirtschaftsfl\u00e4chen betrachtet, sondern als kulturelle Archive, die \u00fcber die Jahrtausende historische Relikte bewahren, wurden von ihm Kunstwerke aus Kunststoff eingepfl\u00fcgt. Nicht als Versehen oder Nachl\u00e4ssigkeit, wie es Bauern ja schon mal passiert, sondern als bewusster Akt einer selbstbestimmten Selbstbehauptung. Allerdings hatte das bei Kunstenthusiasten, der gemeinhin von ihm selbst als Kulturpl\u00fcnderer bezeichnet werden, daf\u00fcr gesorgt, dass diese Fl\u00e4chen von ihnen systematisch abgesucht wurden, dass s\u00e4mtliche zu findenden Kunstwerke mitgenommen wurden, als seien \u00c4cker Selbstbedienungsl\u00e4den. Viele dieser Arbeiten tauchten dann in Galerien und auf Auktionen zu unversch\u00e4mten Preisen auf. Dieses Gebaren hatte allerdings zum augenblicklichen Abbruch seiner Kunstaktion gef\u00fchrt, weil Laik W\u00f6rtschel sich strikt gegen die kommerzielle Nutzung und Nutzbarkeit seiner eigenen Kunst wendet. Ein Teil von etwas kann seiner Meinung nach nicht zum Ganzen werden, nur weil es in sich abgeschlossen scheint. Damals war er dann auch dazu \u00fcbergegangen, die Bauern in der Ausrichtung ihrer Kulturpflanzungen zu beraten, was bis heute tats\u00e4chlich nachhaltig den Anblick der gesamten Soester B\u00f6rde ver\u00e4ndert hat. Zugute kam ihm hierbei sein ausgesprochen gutes bis freundschaftliches Verh\u00e4ltnis mit dem politisch einflussreichen Bauern Schulte Nort\u00f6nnen. Der geneigte Leser betrachte mit diesem Hintergrundwissen die gesamte Landschaft rund um Soest und vergleiche sie mit den historischen Fotografien aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Entstanden ist ein riesiges Gesamtkunstwerk, das sich vielleicht erst bei einer Ballonfahrt v\u00f6llig erschlie\u00dft. Dann wird er Entdeckungen machen, die das Verst\u00e4ndnis von Kunst grundlegend ersch\u00fcttern m\u00fcssen. So wurde zum Beispiel ein riesig langer Bergr\u00fccken zum Sauerland hin geschoben, der treffender Weise die Haar getauft ward. Dieses k\u00fcnstliche Gebilde trennt beide Landschaften deutlich sichtbar von einander ab. (Was mir hier gerade einf\u00e4llt? Ich habe mich in diesem Text noch gar nicht \u00fcber die Tendenz zu Steing\u00e4rten aufgeregt.) Besonders gut gelungen ist diese Arbeit \u00fcbrigens im Bereich des M\u00f6hnestausees. Au\u00dferdem ist die heutige Ausrichtung der von ihm angeregten Maiskulturen nicht zuf\u00e4llig, hier geht es um eine besonders feinf\u00fchlige Rhythmik, die man sich auch in den neu entstehenden W\u00e4ldern des benachbarten Sauerlands gut vorstellen k\u00f6nnte. Was w\u00e4re nicht alles auf den frei werdenden Fichtenbest\u00e4nden m\u00f6glich, die derzeit durch gezielten Wasserentzug und K\u00e4fereinsatz gebr\u00e4unt sind. Bei einer solchen Ballonfahrt gegen Abend werden tats\u00e4chlich bei besonders schr\u00e4gem Lichteinfallauch die leichten Gel\u00e4ndeerhebungen sichtbar, die an verschiedenen Stellen sp\u00e4tsteinzeitliche Siedlungsstrukturen simulieren sollen. Laik W\u00f6rtschels Arbeit ist also im besten Sinne des Wortes langdschaftspr\u00e4gend. Eine unglaubliche Intellektuelle wie logistische Leistung, die ganz nebenbei vielen Agronomen zu gro\u00dfem Wohlstand verholfen hat. Sicher auch, weil sich in den letzten Jahrzehnten zeigte, dass die von W\u00f6rtschel angeregte fl\u00e4chendeckende Aufsch\u00fcttung von L\u00f6\u00dfboden zu h\u00f6heren Ertr\u00e4gen f\u00fchrt.<br>Nun aber sein neuster Coup. Nach seinen \u201eLandmarks\u201c und \u201eAsphaltics\u201c, nach den \u201eEinstreuungen\u201c, \u201e\u00dcbersch\u00fcttungen\u201c und \u201eVerschiebungen\u201c schl\u00e4gt der K\u00fcnstler, der schon als Jungspunt an der D\u00fcsseldorfer Akademie unter dem Radar der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung tauchend, das System der rheinischen Kunstlandschaft erfolgreich unterminierte und zugunsten Leipzigs und Berlins manipulierte, Ja, sogar teilweise zum Einsturz brachte, und der den heute so oft zitierten Lehrsatz formulierte: \u201eErst wenn Kunst in allem ist, ist in allem Kunst.\u201c<br>Herr Nipp ist gespannt. Vor vielen Jahren hatte er diesen von vielen als K\u00fcnstler des Grundwandels bezeichneten W\u00f6rtschel kennen gelernt. Damals hatte Herr Nipp noch geglaubt, das dessen Ideen niemals Realit\u00e4t werden w\u00fcrden. Damals war aber auch nicht abzusehen, wie wirkm\u00e4chtig k\u00fcnstlerische Gedanken sein k\u00f6nnen, wenn man sich mit den oft missachteten und doch so m\u00e4chtigen Bauern zusammen schlie\u00dft und ihnen die Gewissheit gibt, die Landschaft und Zukunft im Sinne einer generationen\u00fcbergreifenden \u00dcbereinkunft zu ver\u00e4ndern. Zum eigenen Nutzen. Damals hatte Herr Nipp noch ganz einfach gedacht: \u201eSpinner\u201c.<br>Heute wei\u00df er, es geht auch anders. Nur eines wei\u00df er heute nicht, n\u00e4mlich was ihm jetzt bevorsteht. Doch schon einige hundert Meter nach dem Anfahren des Busses werden seine Augen gro\u00df und vielleicht sogar auch ein bisschen eckig. Das kann doch einfach nicht wahr sein, was er durch die Scheiben des Busses sieht. Eine gleiche und doch v\u00f6llig andere Stadt. Als habe der K\u00fcnstler all die Beobachtungen und Erinnerungen aus Herr Nipps Notizen herangezogen und in die Realit\u00e4t \u00fcbertragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>OderLaik W\u00f6rtschel im Sauerland Herr Nipp hat sich in den Bus gesetzt,was er zugegebenerma\u00dfen nicht oft macht. 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