{"id":6941,"date":"2020-08-23T07:36:00","date_gmt":"2020-08-23T05:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=6941"},"modified":"2020-08-23T07:27:57","modified_gmt":"2020-08-23T05:27:57","slug":"haare-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=6941","title":{"rendered":"Haare"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damals gab es dieses Musical, Hair, einen Film dazu auch. Auch wenn Herr Nipp an sich kein Fan dieser meist aufgeblasenen Popopern ist, diesen Film fand er damals gut. Irgendwie romantisch, kritisch und tief anr\u00fchrend. Vor allem schien es ihm damals zumindest, aus tiefster Seele und Empfindung gespielt und gedreht. Diese Situation war immerhin irgendwie m\u00f6glich. In den Sechzigern. Die achtziger Jahre schienen ihm sowieso von der Angst vor einem Umkippen gepr\u00e4gt. Die Medien, die es damals gab, zeigten, dass alles fragil war. Niemand konnte ja ahnen wie zerbrechlich der scheinbar starke Warschauer Pakt wirklich sein w\u00fcrde. Ein Krieg erschien ihm und seinen Freunden irgendwie immer m\u00f6glich. Es ging damals nicht anders, er hatte verweigern m\u00fcssen, seinen kleinen Dienst zur Vermeidung zu leisten. Aber das ist Jahrzehnte her und er wei\u00df heute nicht, ob er immer noch so empfinden w\u00fcrde. Vielleicht w\u00fcrden sich ihm heute andere Fragen stellen, auch wenn der Pazifismus grunds\u00e4tzlich geblieben ist. Aber die Haare der Hippies waren ja auch letztlich vor allem Ausdruck des Protests gegen den Vietnamkrieg, Ausdruck einer neuen Lebenseinstellung, der des kommenden Wassermanns. Make love not war. Haare waren bei ihm selber sicherlich nicht als grundlegender Protest gemeint, Herr Nipp war daf\u00fcr auch 20 Jahre zu sp\u00e4t dran. Die 68er waren inzwischen ihren Marsch durch die Institutionen gegangen und keiner seiner Lehrer, wirklich keiner, hatte die revolution\u00e4re Welteinstellung beibehalten. Jeder von ihnen gab die gleichen Noten, die gleichen Strafen f\u00fcr die gleichen Taten wie die anderen auch und der Unterricht war ebenfalls nicht besser. Zwei oder drei lie\u00dfen sich duzen, das war es dann aber auch schon. Und langhaarig war von denen schon lange keiner mehr. Lange Haare fand er einfach cool und er hatte sich schon in seiner Kindheit gew\u00fcnscht, so auszusehen wie die Zwillinge, die mit riesigen Lockenm\u00e4hnen die Dreistigkeit hatten, in die Kirche zu kommen, provokant, auch weil die beiden riesig waren. \u00dcber zwei Meter gro\u00df. Sie standen den gesamten Gottesdienst \u00fcber schlecht getarnt gelangweilt hinten an der Glast\u00fcr, angestarrt von den anderen Besuchern des Gottesdienstes, jedesmal wenn diese vom Altar zur\u00fcck kamen. Getuschel, ha, die da, das gibt es ja nicht, die sehen doch aus &#8222;wie M\u00e4dchen oder Hippies&#8220;. Herr Nipps Eltern konnten sich dar\u00fcber echauffieren. Herrlich. Eine biedere Zeitblase in einer riskanten Welt. Mit sechzehn schockierte er zum ersten Mal seine Eltern, er lie\u00df sich eine Glatze scheren. Als Event, als Party, als Zeichen daf\u00fcr, dass er jetzt erwachsen war. Au\u00dferdem hatte er damit eine Wette gewonnen, nein, mehrere, insgesamt 125 Mark (damals dann investiert in Aktien). Kurz vor den Sommerferien. Krach und \u00c4rger zu Hause. &#8222;So gehst du nicht zur Schule.&#8220; Und ab ging es zum Onkel und mit dem in den Urlaub. &#8222;Wir wollen dich nicht mehr sehen!&#8220; Ja, was f\u00fcr eine Strafe, mit dem geliebten Onkel in den Urlaub in die Berge, wandern und klettern. Dort pr\u00e4sentierte er sich dann in den Dolomiten, St. Cyprian, mit roter Kleidung und dicker Kette und f\u00fchlte sich wie ein selbsternannter Baghwan-J\u00fcnger, der eine Ideologie zu vertreten hat, f\u00fcr zwei oder drei Tage, der mit einem katholischen Priester in den Urlaub f\u00e4hrt, denen zeige ich es. Ha. Sein Onkel nahm es mit Humor, die anderen Hausg\u00e4ste auch und irgendwann auch er selber. &#8222;Das ist ganz wichtig, dass man irgendwann zeigt, die Kindheit ist vorbei. F\u00fcr dich hei\u00dft das aber auch, dass du jetzt Verantwortung f\u00fcr dein Handeln \u00fcbernehmen musst.&#8220; Pragmatismus statt Herumgen\u00f6le. Das war f\u00fcr den jungen Herrn Nipp Anlass, nun seine Haare wachsen zu lassen, bis sie ihm im R\u00fccken hingen. Die Haare hier auch Ausdruck von Ver\u00e4nderung. Als Herr Nipp sich Haare wachsen lie\u00df, war es die Stellungnahme allen anderen gegen\u00fcber von &#8222;ich bin anders&#8220;, von independent, von anderer Musik und vor allem neuen Freunden, denen er sich bis heute tief verbunden f\u00fchlt. Lange Haare, get\u00f6nt eine Zeit lang mit schwatter Kirsche, und Trachtenjacke in Kombination mit einem gl\u00e4nzenden sechziger Jahre Schlafanzugpaisleyhemd und selbst bestickter Hose. Grauenhaft sch\u00f6n. Modebewusst sicherlich irgendwie auch, damals. Ausdruck des Protestes sicherlich nicht. Seine Eltern nahmen es dann auch hin. Was soll es, es ist ja doch nicht zu \u00e4ndern, der kommt schon noch zur Vernunft. Irgendwann hat er die Haare wieder geschoren, schneiden lassen vom Fris\u00f6r, zun\u00e4chst nur kurz, irgendwann dann ganz. Glatze mit einem Hauch braungrau. Es war ihm l\u00e4cherlich, weiterhin lange Haare zu tragen, die zum gr\u00f6\u00dften Teil nicht mehr vorhanden sind. Alle zwei Wochen m\u00fcssen sie nun ab. Kein Barbier oder Hairstylist wird mehr gebraucht. Jetzt hat er seit mehr als zwanzig Jahren einen Bartschneider. Das dauert genau sieben Minuten.  Auch das ist kein Protest, das ist Pragmatismus, wie vom Onkel gelernt. Einer seiner S\u00f6hne tr\u00e4gt jetzt lang, das findet Herr Nipp richtig sch\u00f6n und ein bisschen neidisch ist er auch. Etwas anderes macht ihm Sorgen. Seit Tagen findet er wieder Haare \u00fcberall, schwarze Haare in dicken Kn\u00e4ueln und saugt sie weg. Der Leihhund hat sie so geschickt in der Wohnung verteilt, dass immer wieder Flocken von ihnen auftauchen. Wovon ist das wohl Ausdruck? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Damals gab es dieses Musical, Hair, einen Film dazu auch. Auch wenn Herr Nipp an sich kein Fan dieser meist aufgeblasenen Popopern ist, diesen Film fand er damals gut. Irgendwie romantisch, kritisch und tief anr\u00fchrend. 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