{"id":6774,"date":"2020-06-10T08:26:51","date_gmt":"2020-06-10T06:26:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=6774"},"modified":"2020-06-10T08:26:51","modified_gmt":"2020-06-10T06:26:51","slug":"herbarium","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=6774","title":{"rendered":"Herbarium"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hat aufger\u00e4umt, besser sollte gesagt werden ausger\u00e4umt. Er hat alle Sachen entsorgt, die schon seit Jahren und Jahrzehnten einfach da herumlagen. Sachen, die einfach nicht mehr so wichtig erscheinen. Immerhin hat er dabei einige Kisten mit Kram und Gepr\u00fcttel entsorgt. Nicht einfach in die M\u00fclltonne. Seit kurzen hat er entdeckt, dass \u00fcber eine Kauf-, Verschenk- und Tausch &#8211; app viele Sachen loszuwerden sind, ohne dass sie gleich in die M\u00fclltonne wandern mussten. Offensichtlich kann immer irgendjemand irgendetwas gebrauchen. Ja, auch er selbst geh\u00f6rt zu diesen Menschen, die dort Dinge erstehen oder sich schenken lassen. Dieser Tage war es noch ein ganzer Haufen Pflastersteine, die er in einer Nachbarstadt f\u00fcr kleines Geld aufgetan hatte. So f\u00e4hrt er nun regelm\u00e4\u00dfig dorthin und holt die Brocken ab. Wer wei\u00df, vielleicht reicht es irgendwann, um die Einfahrt zur Garage, die derzeit noch mit Waschbetonplatten aus den Sechzigerjahren gelegt ist, mit historischem Stra\u00dfenplaster zu best\u00fccken. Er malt sich gerne aus, was das f\u00fcr ein Hingucker w\u00e4re. Vor allem dann, wenn demn\u00e4chst in den Fugen zwischen den Steinen kleine Kr\u00e4uter wachsen. In den letzten Jahren hat er erkannt, dass diese Ritzen, die normalerweise mit sehr magerem Sand oder Feinsplit gef\u00fcllt sind, f\u00fcr einige Pflanzen, die gerne n\u00e4hrstoffarm leben, einen letzten R\u00fcckzugsort in ansonsten doch eher \u00fcberd\u00fcngten G\u00e4rten darstellt. Und nein, er beseitigt solche Kr\u00e4uter nicht mit Gasbrennern oder Unkraut-ex. Er freut sich dar\u00fcber, schaut manchmal in seinen Bestimmungsb\u00fcchern nach, um welche Art es sich handelt, und ist stolz, wenn tats\u00e4chlich mal etwas seltenes dabei ist. Aber das kommt ehrlich gesagt in St\u00e4dten doch eher selten vor. Immerhin hat er aus seinen Wegen schon so einige Pfl\u00e4nzchen entnehmen k\u00f6nnen, die sp\u00e4ter dann auf den Magerbeeten zu Blickf\u00e4ngen geworden sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Regal hat er einige B\u00fccher entdeckt, die ihm merkw\u00fcrdig vertraut vorkommen, alle au\u00dfen mit Leinwand versehen, die auf jeden Fall selbst verleimt und gestaltet worden ist. Die B\u00fccher sind alt, sehr alt, stammen aus seiner Jugendzeit. Damals gab es einen Biolehrer, der nur als Vorbild bezeichnet werden kann. Ein Lehrer mit seltsamen Spr\u00fcchen und f\u00fcr die Zeit der Achtziger Jahre auch seltsamen Ansichten. Dieser Lehrer legte gemeinsam mit Sch\u00fclern Teiche an, nat\u00fcrlich; nat\u00fcrlich ohne Folie, abgedichtet mit Lehm und Ton. Teiche, die dann nicht weiter gepflegt wurden, die er im Unterricht aber dazu nutzte, um dort Beobachtungen zu machen, Libellen, Molche, die allm\u00e4hliche Selbstansiedlung von Wasserpflanzen und Feuchtgebietspflanzen. Ein Lehrer, der es zulie\u00df, dass ein Teil des Teiches verlandete und \u00fcber Spott nur l\u00e4cheln konnte. Dieser Mann ( Es war keine Frau, obwohl es auch denkbar w\u00e4re, dass es Lehrerinnen gibt, die so handeln, aber damals zumindest nicht in der Schule, die Herr Nipp besuchte. Das muss ja auch mal gesagt werden. Aber eine Biolehrerin, die sich mehr f\u00fcr ihr Auto und ihre Handtasche interessierte oder den Urlaub in der Gro\u00dfstadt, ist damals f\u00fcr Herrn Nipp nicht inspirierend gewesen.) Dieser Mann hatte damals angeregt, doch mal verschiedene Bl\u00e4tter von B\u00e4umen zu sammeln, zu trocknen und zu bestimmen. Daraus wurde f\u00fcr Herrn Nipp ein ganzes Herbarium, das ihn ein ganzes Jahr lang besch\u00e4ftigte. Zun\u00e4chst legte er ein Buch f\u00fcr B\u00e4ume an. Aus einem quadratischen Fotoalbum entstand diese Sammlung. Dabei sammelte er Bl\u00e4tter, machte Frottagen von der Rinde, versuchte die B\u00e4ume und ihre Standorte zu beschreiben und machte sogar Zeichnungen der Gesamtform. \u201eAchtet auf den Habitus!\u201c, hatte der Biolehrer immer wieder gesagt. Er suchte aus Bestimmungsb\u00fcchern Informationen und die lateinischen Namen und irgendwann war das Buch voll. Eine Note hatte er daf\u00fcr nie bekommen, weil es nicht so wichtig war, das Werk zu zeigen. wichtiger war es ihm damals, es gemacht zu haben. Schnell folgten weitere B\u00fccher zu Kr\u00e4utern, Gr\u00e4sern und Moosen. Insgesamt erstreckte sich die Sammlung auf \u00fcber 300 Exponate.<br>Leider haben die B\u00fccher lange Zeit im Keller ihr Dasein gefristet, sind durch Feuchtigkeit nicht mehr repr\u00e4sentabel. viele Bl\u00e4tter und Pflanzen sind in den Zustand der Zersetzung \u00fcbergegangen. Herr Nipp bl\u00e4ttert ein letztes Mal durch, etwas traurig, dass er diese B\u00fccher so v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigt und vergessen hatte. Sie wandern nach drau\u00dfen in den Komposter, das ist er ihnen schuldig. Und vielleicht ist ihm das ja Anregung wieder mit dem Sammeln zu beginnen. Vielleicht finden sich ja auf dieser App auch irgendwo alte ungebrauchte Fotob\u00fccher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hat aufger\u00e4umt, besser sollte gesagt werden ausger\u00e4umt. Er hat alle Sachen entsorgt, die schon seit Jahren und Jahrzehnten einfach da herumlagen. Sachen, die einfach nicht mehr so wichtig erscheinen. 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