{"id":6310,"date":"2017-06-26T18:29:19","date_gmt":"2017-06-26T16:29:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=6310"},"modified":"2017-06-04T19:21:56","modified_gmt":"2017-06-04T17:21:56","slug":"freunde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=6310","title":{"rendered":"Freunde"},"content":{"rendered":"<hr \/>\n<p>Es ist seltsam, denkt Herr Nipp, sehr seltsam. Sobald ich einen Einschnitt, eine Pause mache, wird es schwierig, wieder zu beginnen. Er ruft sich die Zeit ins Ged\u00e4chtnis, als er selbst noch zur Schule ging. Oberstufe damals. In den Pausen raus, sehr schnell. Mit den besten Freunden, das waren nicht viele. Am letzten hat sich wenig ge\u00e4ndert, viele Freunde, echte Freunde hat er nicht. Menschen, die viele gute Freunde haben, haben wahrscheinlich keine, denkt er immer wieder. Schon auf dem Weg auf den oberen Schulhof, welcher der Oberstufe vorbehalten war oder wahlwiese ins Jugendbegegnungszentrum an der unteren Schule wurde eine Zigarette gedreht. Meist mit stark parf\u00fcmiertem Tabak, der ein wenig nach Pfeife roch, leicht s\u00fc\u00dflich. Gelbe Packung mit einem Per\u00fccke tragenden ernst Mann darauf. Buccaneer. Den gab es nicht \u00fcberall, aber zwei oder drei H\u00e4ndler boten ihn in seiner Heimatstadt eben doch an und am gut sortierten Bahnhofskiosk konnte man damals wirklich jede Zigarettenmarke, jeden noch so abstrusen Tabak bekommen, nur die Aldi-Sorte Bantam nicht, die gab es nur im Billigdiscounter der Gebr\u00fcder Albrecht. Die starken Sorten hatte er damals nicht gerne geraucht, fertige Filterzigaretten nur, wenn sie ihm angeboten wurden. Sehr d\u00fcnn gedrehte Zigaretten waren seine Spezialit\u00e4t. Angkommen stellten sie sich zusammen, als Dreieck, manchmal als Kreis. Alle anderen ausschlie\u00dfend. Wer den anderen den R\u00fccken zuwendet, l\u00e4uft nicht Gefahr angesprochen zu werden. Und davor hatten sie ja eigentlich Angst. Ihr Gehabe der \u00e4u\u00dferlich zur Schau gestellten Arroganz sollte die Menschen, die Mitsch\u00fcler allemal, abschrecken, grundlegend und absolut. Keiner w\u00fcrde so die kleinen Unsicherheiten erkennen, die sich vielleicht in kleinen Gesten h\u00e4tten ablesen k\u00f6nnen. Sie f\u00fchlten sich anders, sie wollten autark sein, sie unternahmen anderes. Sie schotteten sich von den Langweilern ab, von jenen, welche die Erartungen erf\u00fcllten, die nicht mit Bildern, Sprache, Schauspiel und Musik spielen konnten. Von den Mauerbl\u00fcmchen, die jedem ihre Angst, sich auf das Au\u00dfergew\u00f6hnliche einzulassen, zeigten, den Angepassten, den Chickos, die jedem Modetrend hinterher liefen, die gedachte Gro\u00dfstadtkleidung nach\u00e4fften, anstatt mal Second-Hand anzuziehen. Sie grenzten sich in der schlimmen Zeit von allem und allen ab. Suchten ale Schlafanz\u00fcge mit Paisleymustern und n\u00e4hten sie zu Hemden und Hosen um, verzierten ihre Hosen mit Stickereien und selbst entworfenen Zeichen, die keiner au\u00dfer ihnen selbst verstehen konnte. Kaum einer verstand diesen Code, die geheimen Zeichen waren f\u00fcr Au\u00dfenstehende nicht zu deuten. Die die falschen Ringe trugen, die flasche Frisur hatten. Letztlich waren sie auch Teil einer bestimmten Modeszene der ausgehenden achtziger Jahre. Aber sie f\u00fchlten sich wohl erhaben. Herr Nipp hatte es damals erlebt, dass Ann\u00e4herungen an andere Gruppen h\u00f6chstens im Vollrausch auf Parties m\u00f6glich erschienen. Und meistens waren die Folgen ern\u00fcchternd gewesen. Wenn sie aber in den Pausen zusammen waren, ihre eigene Sprache mit seltsamen W\u00f6rtern sprachen, die Bedeutungen sich durch den Raum bewegten und sie diese an den richtigen Stellen ausprobierten und geschickt patzierten. Wenn sie ihre chiffrierten Botschaften wechselten, die f\u00fcr alle anderen unerschlie\u00dfbar sein mussten. Dann war es schwierig, diese Zeit des WIR auch nur f\u00fcr eine weitere Unterrichtsstunde zu unterbrechen. Dann wurde noch ein Kaffee f\u00fcr 60 Pfennig bestellt, noch eine Zigarette geraucht, noch eine Partie Backgammon oder Schach gespielt, wenn der Tisch leer war auch Billard. Dann wurde die Pause zum eigentlichen Lebenssinn, der fraglos in Raum und Zeit stand. Dann war es letztlich auch v\u00f6llig egal, dass es demn\u00e4chst wieder einmal \u00c4rger geben w\u00fcrde. Solange aber der richtige Prozentsatz an Fehlstunden nicht \u00fcberschritten wurde, hatten die Lehrer einfach keine Chance. Sie durften ihre Entschuldigungen schlie\u00dflich selbst unterschreiben, sie waren achtzehn. Das Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit macht sie stark und die vielleicht unterschwellige Drohung, dass die Noten leiden w\u00fcrden, machte ihnen schon gar nichts aus. Sie waren nicht die Dummen, einen Text einmal lesen und der war drin. Pauken mussten die anderen. Die F\u00e4cher mit Nummerus Clausus wurden letztlich auch dadurch geknackt, dass nach dem Abitur sowieso erst einmal Zivildienst oder Bundeswehr, vielleicht eine handwerkliche Ausbildung an der Reihe war. Oder ein Jahr Nichtstun, getarnt als Praktikum. Nach zweieinhalbj\u00e4hriger Lehre konnte jeder von ihnen zur Not auch Medizin studieren. Aber ehrlich gesagt wusste kaum einer, was sie wirklich machen w\u00fcrden.<br \/>\nNoch heute geht es ihm aber so wie damals. Nach Ende der Pause w\u00fcrde er sitzen bleiben und wenn schon keine Zigarette, dann doch zumindest eine gro\u00dfe Schale Milchkaffee trinken. Er w\u00fcrde sich gen\u00fcsslich in seinen grauen Schalenstuhl lehnen. Vielleicht w\u00fcrde ihn ein Anflug des des Gef\u00fchls von damals \u00fcberkommen. Eine Ahnung zumindest. Davon sich jugendlich stark zu f\u00fchlen, die Angst vor allem, der Kitzel des Neuen, die F\u00e4higkeit, jedes buch zur Not auswendig lernen zu k\u00f6nnen, den Spa\u00df am bedingungslosen Rezitieren. Die Erinnerung daran, dass sie sich gegenseitig mit und im Vorlesen geschult hatten, dass sie gelernt hatten, die Formen der Dinge zu lesen, zu studieren und das Besonderezu erkennen. Immer dann bei Bedarf, wenn er selber eigentlich nichts zu sagen hatte, weil es noch nichts zu sagen gab. Es brauchte diese Zeit des Aufsaugens von allem, um zur Person zu reifen. Vor allem aber das Gef\u00fchl, zum ersten echte Freunde zu haben, denen er sein Leben anvertrauen konnte, pausenlos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist seltsam, denkt Herr Nipp, sehr seltsam. Sobald ich einen Einschnitt, eine Pause mache, wird es schwierig, wieder zu beginnen. Er ruft sich die Zeit ins Ged\u00e4chtnis, als er selbst noch zur Schule ging. Oberstufe damals. 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