{"id":5539,"date":"2018-03-15T10:31:58","date_gmt":"2018-03-15T09:31:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=5539"},"modified":"2017-03-15T10:44:02","modified_gmt":"2017-03-15T09:44:02","slug":"ein-letzter-brief","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=5539","title":{"rendered":"Ein letzter Brief"},"content":{"rendered":"<p>An diesem Abend hatte er noch lange zu Hause am K\u00fcchentisch gesessen, den er ereinst von einem Freund geschenkt bekommen hatte, so wie die meisten Sachen in seiner Wohnung geschenkt waren, auch viele B\u00fccher \u00fcbrigens, denn jeder seiner Freunde wusste doch, dass er gerne las, nein, dass er B\u00fccher verschlang und seinem inneren Weltkonglomerat einverleibte, dem er letztlich seine Ansichten \u00fcber Vorg\u00e4nge entnehmen konnte. Herr Nipp war am vorigen Tag von einer dieser Partys gekommen, die nur zu Anlass eines Jubil\u00e4ums gefeiert werden. Feiern, die die Weggef\u00e4hrten der letzten Jahrzehnte vereinen sollen. Eine peinlich schlecht improvisierte Rede, gut gedachte Verpflegung von einem stadtbekannten Caterer, alles in gelenkten Bahnen. Da sa\u00df er nun vor dem Tagebuch, welches er schreiben wollte, weiterschreiben, weil es vielleicht eine der wenigen Sachen in diesem Lebenssturm war, die ihm Halt zu geben imstande sein konnte. Einem Werk, das er bei sich zuweilen auch das Buch der Schmerzen nannte, nicht weil es sich um echte Gef\u00fchle handelte, sondern weil es immer wieder Schmerz bereiten konnte, wenn er auch nur anfangen sollte zu schreiben. Nun aber floss es geradezu aus ihm heraus, kein Schmerz, eher ein leichtes Erkennen und er wusste, er w\u00fcrde diese Worte f\u00fcr sich behalten, w\u00fcrde sie nur den geheimen Protokollseiten anvertrauen, jenen, die niemand \u00f6ffnen kann, der nicht seine DNA besitzt oder einfacher gesagt, der oder die keinen Zugang zur Site haben.<\/p>\n<p>&#8222;Ein Wiedersehen zum Teil nach Jahren oder langen Monaten fehlender Notwendigkeit und ich muss leider feststellen, dass es mich wenig ber\u00fchrt. Nur wenige Menschen von dazumal interessieren mich und einige habe ich wohl einfach vergessen. Sie mich gl\u00fccklicherweise wohl auch. Immerhin konnte mit einigen wenigen gesprochen werden, die mir immer schon sympathisch schienen. Zwei richtig gute Konversationen jenseits des \u00fcblichen Smalltalks, auf den sich unsere Gesellschaft zur\u00fcckzuziehen neigt, nicht nur zu solcherart Anl\u00e4ssen, sondern mit zunehmendem Alter, mit zunehmender Gleichg\u00fcltigkeit immer mehr. Vielleicht h\u00e4tte der Abend einen gl\u00fccklicheren Verlauf genommen, w\u00e4ren nicht diese offenbar inzwischen unvermeidlichen Schlagersongs und abgedroschenen Popliedchen der von mir nie gelebten, zumindest aber anders wahrgenommenen Jugend dazwischen gekommen, die alle so ehrfurchtsvoll mitgr\u00f6len, die Augen in halber Exstase geschlossen. Ja, teilweise konnte ich sogar leichte Tr\u00e4nenbildungen beoachten, vor allem bei jenen, denen wohl schlagartig zu Bewusstsein kam, dass der Zenit schon l\u00e4ngere Zeit \u00fcberschritten ist, man sich zwar hartn\u00e4ckig dagegen gewehrt hat &#8211; und sei es mit einem wahnsinnig aufregenden Partnerwechsel in ein neues Scheitern wenige Jahre sp\u00e4ter. Wenn Menschen in ihren sogenannt besten Jahren pl\u00f6tzlich wie Teenies auf die Tanzfl\u00e4che st\u00fcrzen. In Kleidung, die wahrscheinlich den Zwanzigj\u00e4hrigen abgekupfert sein sollte und dabei so l\u00e4cherlich wirkte. Ich h\u00e4tte zynisch werden k\u00f6nnen, verbat mir dies jedoch, im Wissen immer, dass alles wie so oft zum absoluten Absturz f\u00fchren konnte. Mit der Zeit, die Tanzfl\u00e4che f\u00fcllte sich und blieb f\u00fcr l\u00e4ngere Phasen dicht gedr\u00e4ngt, konnte ich die alte Schutzh\u00fclle bemerken, die schon so oft Halt im Rauschen der Ereignisse gegeben hatte, konnte wahrnehmen, wie sich dieses stabile und doch so angenehme virtuelle Exoskelett in die richtige Position schob, mich von \u00e4u\u00dferen Angriffen zu sch\u00fctzen begann, ohne dass jemand anderes etwas davon mitbekam. Ein Fels in der Brandung, jenen seltsamen Ereignissen, die auferlegt schienen, die nicht mehr steuerbar waren. Nur die beiden DJs am Mischpult schienen noch einen Hauch von Kontrolle \u00fcber die Masse zu haben. Ich f\u00fchlte mich festgenagelt, hielt mich im Bewusstsein meines Altseins am alkoholfreien Weizen &#8211; Glas fest und konnte nur Verwunderung versp\u00fcren. Wie fremd doch alles mit den Jahren\u00a0 wird. Ich erhob mich langsam, ohne dass auch nur einer oder eine der Anwesenden davon Notiz nahm, machte mich auf den Weg zur unten liegenden Toilette neben dem Ausgang und hatte tats\u00e4chlich nicht vor, diesen Aus &#8211; Weg zu nutzen. Aber irgendwas zwang mich, die Jacke in die Hand zu nehmen, die unter der Garderobe platziert war. In aller Ruhe streifte ich diese graue Lodenjoppe \u00fcber, immer noch halb bewusst, was da geschah und befand mich schon im n\u00e4chsten Moment auf halber Strecke zum Auto. Keine Frage, wie das wohl passiert sein konnte. Dann wird es tats\u00e4chlich vielleicht endlich Zeit. Es folgten viele &#8222;Dann&#8220;s. Dann auf halber Strecke nach Hause, dann die Haust\u00fcr, dann das Bett und dann der neue Morgen. Ein Morgen \u00e4lter wieder. Manchmal lebe ich in Zeitabschnitten und alles Zwischenzeitliche, das Interim, geht verloren.&#8220;<\/p>\n<p>Er scrollte seinen Text und las ihn noch einmal durch, befand ihn f\u00fcr richtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An diesem Abend hatte er noch lange zu Hause am K\u00fcchentisch gesessen, den er ereinst von einem Freund geschenkt bekommen hatte, so wie die meisten Sachen in seiner Wohnung geschenkt waren, auch viele B\u00fccher \u00fcbrigens, denn jeder seiner Freunde wusste &hellip; <a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=5539\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-5539","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5539","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5539"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5539\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5874,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5539\/revisions\/5874"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5539"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5539"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5539"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}