{"id":4911,"date":"2016-03-10T17:59:51","date_gmt":"2016-03-10T16:59:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4911"},"modified":"2016-02-07T08:24:36","modified_gmt":"2016-02-07T07:24:36","slug":"nachbarn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4911","title":{"rendered":"Nachbarn"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nichts ist so langweilig, als wenn man krank auf dem Sessel sitzt, nicht mehr ein noch aus wei\u00df, alles langweilig ist und sogar das Lesen eines guten Buches zu anstrengend wird. Herr Nipp hat es an diesem Tag wirklich kultiviert, sein krank Sein. Er hatte sich vor einigen Tagen unvorsichtigerweise erk\u00e4ltet, war nass aus der Sporthalle herausgekommen, wollte sich schnell in den Wagen setzen und zu Hause in die Badewanne. &#8222;Kannste vielleicht noch eben den Anh\u00e4nger mitnehmen, ist bl\u00f6d, wenn er hier \u00fcber Nacht steht?&#8220; Er hatte nicht nein sagen k\u00f6nnen, beim Anschlie\u00dfen allerdings feststellen m\u00fcssen, dass der Stecker defekt war, so hatten die beiden \u00fcber zwanzig Minuten daran herum gefuckelt. Wer nach dem Sport in einer Winternacht so ausk\u00fchlt, kann eigentlich immer damit rechnen, dass die Erk\u00e4ltung folgt.<br \/>\nSo sa\u00df er denn nun in diesem roten Sessel herum, die F\u00fc\u00dfe auf dem ebenfalls roten Hocker. Beide hatte er vor einigen Jahren von einer lieben Freundin geschenkt bekommen und manchmal fragte er sich noch immer, womit er das eigentlich verdient hatte. So bequem war der, dass dort schon viele B\u00fccher durchgelesen worden waren. \u00dcber sich eine braune Kuscheldecke, die auch zwei \u00c4rmel zum Durchschl\u00fcpfen hatte. Ein Zufallskauf bei einem Discounter der Familie Albrecht, auf die H\u00e4lfte heruntergesetzt und damit sehr preisg\u00fcnstig. Eigentlich sogar spottbillig. Welch ein Kontrast, ein teurer Sessel und eine Billigdecke, aber vielleicht gerade auch deshalb stimmig. Meistens stritten sich um dieses St\u00fcck zwei Hausgenossen, welche aber in diesen Tagen nicht zugegen waren. Manchmal seufzte er, als w\u00fcrde die Welt untergehen, so f\u00fchlte er sich auch. Wenn M\u00e4nner krank sind, dann auch richtig. M\u00e4nnerkrankheiten sind M\u00e4nnersache, dann schweben sie zwischen Leben und Tod. Das wird eine Frau wohl nie verstehen. Auch Leiden ist eine Kunst. Zwischen den dicken Onkeln, die sich wie ein Horizont\u00a0 unter der \u00fcbergeschlagenen Decke abmalten, betrachtete er die Flammen im Kaminofen, der eine wohlige W\u00e4rme verbreitete, manchmal aber musste er auch aufstehen, Holz nachlegen, oder er kochte sich einen Tee aus im Sommer im Garten gepfl\u00fcckter wolliger Apfelminze, frischen Ingwerscheiben, die er mit seinem sch\u00e4rfsten Messer hauchd\u00fcnn von der Knolle schnitt, Limonensaft und Honig aus den Dolomiten, der inzwischen so hart geworden war, dass man ihn regelrecht mit dem Messer schneiden musste. Dem gleichen \u00fcbrigens, was dem Honig auf Dauer einen etwas seltsamen Geschmack geben sollte.\u00a0 Dann hatte er zuweilen das erniedrigende Gef\u00fchl, die Beine w\u00fcrden ihm den Dienst verweigern.<br \/>\nEinmal musste er sich setzen, konnte sich nicht mehr halten. Schaute aus dem Fenster auf die sonnen\u00fcberflutete Stra\u00dfe, zwei Stockwerke tiefer. Seit Tagen war diese zum ersten Mal wieder trocken, die letzte Zeit waren geradezu B\u00e4che heruntergestr\u00f6mt und er hatte schon erwartet, irgendwann m\u00fcsse das Tal doch endlich einmal vollgelaufen sein. Wer gar nichts mehr hat, an dem er sich zu Hause festhalten kann, der beginnt irgendwann unweigerlich, seine Gegend genau zu beobachten. Sogar die eigenen drei kleinen Apfelb\u00e4ume mit alten Sorten wie Schafsnase und roter Walze, die in diesem Fr\u00fchjahr unbedingt neu angebunden werden mussten.<br \/>\nAuf der anderen Seite aber tat sich was. Dort hielt, wie in letzter Zeit so oft, der silberne Wagen des Hausbesitzers von gegen\u00fcber. Ein \u00e4lterer Herr mit grauen Haaren, der hatte sich angew\u00f6hnt, seinen Wagen so quer \u00fcber B\u00fcrgersteig und Stra\u00dfe zu parken, dass die armen jungen Damen mit Kinderwagen \u00fcber die Stra\u00dfe mussten, sogar \u00e4ltere Menschen mit Rollatoren hatte keine Chance vorbeizukommen. Der alte Mann stieg dann immer ganz eilig aus seinem Gef\u00e4hrt, hielt sich am Hosenrei\u00dfverschluss fest, zog diesen herunter, dann erleichterte er sich in die eine Ecke des H\u00e4usereingangs, in welcher sich ein Blumenbeet befand, sch\u00fcttelte ab und dann schloss er sichtlich erleichtert die Haust\u00fcr auf. Nicht immer dachte er daran, den Rei\u00dfverschluss nach oben zu ziehen, an diesem Tag guckte sogar noch ein Zipfel des Hemdes aus dem Schlitz. Warum er das nicht innen machte, blieb Herrn Nipp ein Geheimnis. Auf jeden Fall schien dieser Mann einen gesunden Strahl zu haben, jedesmal war nach der Tat ein breiter Fleck auf der Wand zu sehen. Irgendwann w\u00fcrde dort bei Ver\u00e4u\u00dferung des Hauses eine gro\u00dffl\u00e4chige Sanierungsma\u00dfnahme anstehen. Vielleicht aber hatten ja auch Urinstein, Harnstoff und Ammoniak eine besonders gute und festigende Wirkung auf das Mauerwerk?<br \/>\nAuf der Treppe vor dem Eckhaus standen wie \u00fcblich einige eher j\u00fcngere Menschen, warteten auf Einlass, manchmal gab es Tage, da erschienen von mittags bis abends nach und nach bis zu drei\u00dfig Leute. Immer in kleinen Gruppen oder einzeln. Wurden entweder sofort eingelassen oder mussten einige Zeit warten. Ungeduldig. Wenn sie nach kurzer Zeit wieder herauskamen, hatten sie meist sehr entspannte Gesichtsz\u00fcge, geradezu zufrieden. Was die wohl da wollten, darauf konnte sich Herr Nipp auch keinen Reim machen. Immerhin war das in dieser Siutation interessanter, als wenn gar nichts passiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichts ist so langweilig, als wenn man krank auf dem Sessel sitzt, nicht mehr ein noch aus wei\u00df, alles langweilig ist und sogar das Lesen eines guten Buches zu anstrengend wird. 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