{"id":4876,"date":"2016-02-28T07:33:21","date_gmt":"2016-02-28T06:33:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4876"},"modified":"2016-02-05T17:12:05","modified_gmt":"2016-02-05T16:12:05","slug":"denkwege","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4876","title":{"rendered":"Denkwege"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen den Tischen stehen ziemlich viele harte St\u00fchle. Holzst\u00fchle, alte Schule. An den Tischen sitzen halbe Kinder. Von 10 bis 12 Jahren sind sie noch nicht ganz jugendlich, nicht mehr ganz Kinder. Sie merken selber, dass mit ihnen, ihrem Denken und dem K\u00f6rper etwas vorgeht, etwas nicht Absch\u00e4tzbares. Sie selber verstehen noch nicht so ganz, was das denn ist. Auch die Gedanken haben sich ver\u00e4ndert, schlagen sie doch pl\u00f6tzlich seltsame Kapriolen, neue Synapsen schaffen neue M\u00f6glichkeiten. Die Verbindungen zwischen den Hemisph\u00e4ren werden mit jeder Sekunde radikal verst\u00e4rkt, alles wuchert, auch wenn \u00e4u\u00dferlich nicht viel zu sehen ist. Jeden Moment kommen neue Kontakte hinzu. Jeden Tag bilden sich neue Denkwege. Das wissen sie nicht, sie merken es wohl. Jeder Erwachsene ist letztlich froh, diese Zeit lang hinter sich gelassen zu haben und guckt doch irgendwie sehns\u00fcchtig zur\u00fcck. Epoche der Entdeckungen, nicht der Unschuld, aber erster Erfahrungen. Egal in welche Richtung. Echte Freundschaften, erste Lieben, tiefe Entt\u00e4uschungen f\u00fcr das Leben, die nach wenigen Tagen schon vergessen sind. Kaum etwas aus diesen Jahren bleibt h\u00e4ngen, wird verdr\u00e4ngt. Ins Hinterst\u00fcbchen, um vielleicht in Jahrzehnten pl\u00f6tzlich plastisch aufzutauchen. Das Verdr\u00e4ngen funktioniert inzwischen perfekt, dank der kleinen Kommunikatoren; Hochleistungsrechner, die jedes Kind mit sich f\u00fchrt.<br \/>\nHerr Nipp soll ein wenig mit diesen Kindern sprechen, ihnen von den Erfahrungen berichten, die er in den Dolomiten gemacht hat. Das hat erstmal gar nichts mit deren Situation der Denkver\u00e4nderung zu tun. Oder vielleicht doch, denn dieses Ereignis steht ihm immer wieder einmal vor Augen, als sei es gestern geschehen. Dabei wei\u00df er nat\u00fcrlich, dass die R\u00fcckschau alles ver\u00e4ndert, mit jedem Erinnern. Die Vergangenheit ist keine feste Wahrheit. Bedingungen unterliegen immer wieder immer neuen Einsch\u00e4tzungen und Wertungen. Gefahren sieht der Mensch in jeder Lebensphase anders. Wer mit zehn aus drei Metern H\u00f6he auf den Rasen abspringt, ist mutig, der wird in jede Gruppe aufgenommen, Mutprobe bestanden, wer es mit 25 macht, ist kindisch oder wahnsinnig cool und Gleiches mit 70 zu tun w\u00e4re absoluter Wahnsinn, selbstm\u00f6rderisch. Oberschenkelhalsbruch.<br \/>\nEs geschah damals unter Bedingungen, die f\u00fcr die meisten heute vielleicht unvorstellbar sind. Dolomiten waren irgendwie abenteuerlich, an jeder Ecke konnte man noch \u00dcberbleibsel, Patronenh\u00fclsen und Magazine aus dem ersten Weltkrieg finden. Sogar eine Granate hatten sie einmal entdeckt. Wenn der Schnee taute, konnte man sich auf Entdeckungen freuen. Zweifelhafte Entdeckungen auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch heute noch finden sich die Reste dort oben, die Unterschl\u00fcpfe und Unterst\u00e4nde, die Bunker und was noch alles, aber heute ist die Landschaft doch meist leer ger\u00e4umt. Zu viele Sammler, Militariasammler, oft verkappte Kriegsbegeisterte. Aber das soll ja gar nicht Thema sein. Es soll um ein Erlebnis gehen, das ihm sehr nahe gegangen ist, existenzielle Erfahrung. Auch wenn es mit den Unterst\u00e4nden zu tun hat.<br \/>\nEr war damals selber vielleicht elf, mag auch sein schon zw\u00f6lf Jahre alt. Sie waren mit einer achtk\u00f6pfigen Gruppe zu einem Berg gewandert, Sehnsuchtsziel nach dem Motto &#8222;Der Berg ruft&#8220;. Dann ging es \u00fcber die Stahlleitern nach oben, senkrecht. Angeleint an Seile, Adrenalin pur. Am Brustgurt immer zwei Karabiner, so war man an jeder Stelle gesichert, auch wenn gewechselt werden musste. Obwohl so jung, hatten die Kinder dieser Gruppe inzwischen eine gewisse Routine darin entwickelt. Auch das so eine Sache, in diesem Alter lernt man schnell und was gestern noch neu war, ist heute ein alter Hut. Schon seit einigen Jahren traf sich die Gruppe aus insgesamt vier Familien und drei St\u00e4dten zum gemeinsamen Wandern und Klettern, man hatte sich dort oben in einer Pension kennengelernt und angefreundet. Die V\u00e4ter hatten aus Sorge um die Blagen und vor allem auf intensives Insistieren der M\u00fctter f\u00fcr alle Gurte gekauft. F\u00fcr die damals noch \u00fcberall zu findenden Schneefelder waren auch Eispickel angeschafft worden und Schneeeisen. Teure Sache damals. Die Eisen lie\u00dfen sich schnell an- und abschnallen, an Schuhe, die Anfang der achtziger Jahre noch aus dickem Leder und mehrschichtigen Fiberglas- und Gummisohlen bestanden. Klumpfusswandern. Das Leder musste nach jeder Wanderung mit schmierigem Fett eingestrichen werden, eine wahre Wissenschaft f\u00fcr sich. Innovative Technik, die heute seltsam altmodisch aussieht. Aber jeder hatte seine eigene Technik, auch die zwei paar Socken waren wichtig. Die mussten so geordnet werden, dass sich niemand Blasen lief, das w\u00e4re gerade auf den mehrt\u00e4gigen H\u00fcttentouren geradezu t\u00f6dlich gewesen. Wer Blasen hat, kann nicht mithalten. Das Zuschn\u00fcren an sich war schon fast ein religi\u00f6ses Zeremoniell, das Gebet des Bergsteigers, bei dem man sich zwischen &#8222;Im Namen&#8220; und &#8222;Amen&#8220; gegenseitig Tipps gab. Niemand wollte schlie\u00dflich Steine oder Steinchen im Schuh haben. Und trotzdem mussten die Socken so geordnet sein, dass sie jederzeit bei aufkommender Waschk\u00fcche, wie der Nebel dort oben gern genannt wird, hochzukrempeln w\u00e4ren. Die Waden mussten gesch\u00fctzt werden, weil traditionell mit Kniebundhose gewandert wurde.<br \/>\nLangatmig erz\u00e4hlt er sein Erleben damals, kommt vom Kleinen ins Kleinste und doch nicht zum eigentlichen Erlebnis, das ihn damals ver\u00e4ndert hatte. Im Erz\u00e4hlen merkt er, dass die ersten Kinder ganz friedlich werden, zur Ruhe kommen, die Augen schlie\u00dfen, einschlafen. Wer kann es ihnen verdenken. Wer den ganzen Tag mit den Augen gebannt auf einen winzigen Bildschirm starrt, der kann akustischen Denkwegen kaum noch folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen den Tischen stehen ziemlich viele harte St\u00fchle. Holzst\u00fchle, alte Schule. An den Tischen sitzen halbe Kinder. Von 10 bis 12 Jahren sind sie noch nicht ganz jugendlich, nicht mehr ganz Kinder. 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