{"id":4829,"date":"2016-01-25T12:17:07","date_gmt":"2016-01-25T11:17:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4829"},"modified":"2016-01-18T17:08:56","modified_gmt":"2016-01-18T16:08:56","slug":"ueberschreitungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4829","title":{"rendered":"\u00dcberschreitungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">V\u00f6llig entsetzt schaut sein Gegen\u00fcber ihn an. Sie hat eingehend die Verpackung studiert. Gesalzene Butter auf den ersten Blick, auf den zweiten jedoch stellt sich heraus, dass der als Butter bezeichnete Aufstrich tats\u00e4chlich aber nur 40 % des tierischen Milchfettes enth\u00e4lt, den Rest hat der Produzent mit Wasser und Raps\u00f6l, aber auch dem titelgebenden Salz aufgef\u00fcllt, Frechheit. Um die Streichf\u00e4higkeit zu verbessern, auch bei extrem niedrigen Temperaturen, versteht sich von selbst. Das aber scheint tats\u00e4chlich ihren Blick nicht auszul\u00f6sen, auch nicht der Fettgehalt von immerhin 67 Prozent. Schlie\u00dflich erwartet wohl jeder, dass Butter auch Fett enth\u00e4lt, sogar Menschen, die um ihrer Figur willen lediglich Halbfettmargarine verspeisen, ist bewusst, dass ihr Brotaufstrichgenuss immer mit etwas Fett gekoppelt ist. Friss-die-H\u00e4lfte-Di\u00e4ten allerdings dann auch noch mit Halbfettmargarine oder mit Joghurtkulturen angereicherter Butter auf ein Viertel zu dr\u00fccken, scheint ihnen der M\u00fche und vor allem der immensen Kosten wert. Nur wer genug Geld hat, kann die Figur halten. Wissen wir doch aus verschiedenen Feldstudien, die hier wohl besser Fettstudien genannt werden m\u00fcssten, dass vor allem in den Schichten h\u00f6herer Bildung und damit meist auch Einkommen, die Rate der Normalgewichtigen weitaus h\u00f6her ist als in den unteren Schichten, wo man ganze Familien entdecken kann, die Schwierigkeiten haben, ihr Gewicht angemessen zu kontrollieren. Zuckerhaltige Limonaden sind im Regelfall einfach billiger als S\u00e4fte. Galt es in der Barockzeit noch als unerreichbar, eine gesunde Molligkeit zu generieren und war es damals darob auch ein Sch\u00f6nheitsideal, so ist es heute unm\u00f6glich fast, normal, als recht schlank durch die Welt zu gehen. So ist das Sch\u00f6nheitsoptimum also auch der sogenannte Hungerhaken, eher knabenhaftes M\u00e4dchen. Das Problem dabei sind \u00fcbrigens nach neuesten Erkenntnissen nicht die zu uns genommenen Fette, davon k\u00f6nnen wir wahrscheinlich ohne Schaden ziemlich viel verspeisen, sondern das Verh\u00e4ltnis zwischen Kohlehydraten und Proteinen, schie\u00dft es ihm wie eine Mozartkugel durch den Kopf. Man kennt diese Gedankenkonglomerate, wenn sich pl\u00f6tzlich das ganze Assoziationsvolk einen Weg an die Oberfl\u00e4che bahnt oder kurz darunter auf die Gelegenheit wartet, alles mit seinem Verweism\u00fcll zu \u00fcberfluten. Ganze Reihen von Randnotizen und Belegfelder tun sich da auf, wie der babylonische Graben. Mal ehrlich, wer glaubt schon an Di\u00e4tbutter? Wer kein Fett haben m\u00f6chte, sollte auf diesen Klebstoff zwischen Brot und K\u00e4se einfach verzichten.<br \/>\nHerr Nipp hat es selber \u00fcber lange Zeit ausprobiert, schmeckt auch ganz gut. Ja, man kann sogar behaupten, dass der echte Geschmack der Marmeladen und K\u00e4sesorten dann umso klarer hervorsticht. Trotzdem, wenn er an sich herunterschaut, hat diese sogenannte Di\u00e4t gar nichts gebracht. Im Gegenteil, wenn er nicht langsam einmal anf\u00e4ngt, ernsthaft an seinem Bauch zu arbeiten, wird er demn\u00e4chst \u00e4hnliche Spr\u00fcche \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen, wie er sie selber lange Zeit von sich gab. Jetzt allerdings nicht mehr, weil er Angst vor den Konsequenzen hat.<br \/>\nAber darum geht es eigentlich hier und jetzt gar nicht, sondern um diesen Blick dieser Frau, die ihm gegen\u00fcbersitzt. Es ist wieder einmal unglaublich, da sollte er sich mal auf die Gegebenheiten, die Belange und sicher auch Gef\u00fchle eines anderen Menschen konzentrieren und diese ernst nehmen und was macht er?<br \/>\nBitte, machen Sie mir (dem Autor) jetzt keine Vorw\u00fcrfe, ja, Sie k\u00f6nnten sagen, dass der Erz\u00e4hler (nicht der Autor) das zu steuern hat, schlie\u00dflich kann er doch beispielsweise einfach mal die Erz\u00e4hlperspektive so w\u00e4hlen, dass die Gedanken des Herrn Nipp hier nicht weiter zu lesen sind. Er kann tats\u00e4chlich auch Auslassungen vornehmen, die Nebens\u00e4chlichkeiten endlich einmal beiseitelassen, all jene Punkte streichen, die auf den ersten, zweiten und dritten Blick \u00fcberfl\u00fcssig erscheinen, ja, das k\u00f6nnte der Erz\u00e4hler (wahrscheinlich auch der Autor) machen. Aber tats\u00e4chlich ist es ja auch wieder so, dass sich erstens Erz\u00e4hler und Autor nicht immer einig sind, wie nun zu verfahren sei, zweitens es ja gerade vielleicht auch spannend sein k\u00f6nnte, etwas \u00fcber die Innenwelt unseres Protagonisten, der Figur, zu erfahren und zwar ausgesprochen nur aus seiner Sicht. Drittens g\u00e4be es ansonsten nicht viel \u00fcber Herrn Nipp zu berichten und viertens wei\u00df ja niemand einzusch\u00e4tzen, ob der implizite Leser, also jener erwartete Rezipient, dem gleichzusetzen, der tats\u00e4chlich diese Zeilen sich vorgenommen hat, in der Erwartung einer angenehmen Unterhaltungssituation nat\u00fcrlich. F\u00fcnftens schlie\u00dflich, ich will auch gar keine weiteren Gegenargumente ersinnen, w\u00e4re die Sprache so wie gefordert verdichtet, w\u00fcrden letztlich Gedichte herauskommen. Und wer, seien Sie doch mal ehrlich, m\u00f6chte schon Gedichte lesen, wenn sie nicht gerade von Stars der Szene kommen, wie jenem Berliner Autor Jan Wagner, den wir alle ehrf\u00fcrchtig, ja, fast apotheotisch verehren (Man verzeihe mir die Hyperbel). Und au\u00dferdem sind die meisten Gedichte nicht nur gewollt lyrisch, sondern auch noch ungewollt schlecht. Am schlimmsten wird es dann allerdings bei der sogenannten Erlebnislyrik oder Gef\u00fchlslyrik pubertierender M\u00e4nnlein oder Weibchen, die so derma\u00dfen testosteron- oder \u00f6strogengeschw\u00e4ngert ist, bei welcher der zuk\u00fcnftige Selbstmord oder zumindest die Selbstverst\u00fcmmelung immer vor der T\u00fcre steht, dass das Fremdsch\u00e4men vorprogrammiert, vielleicht auch einkalkuliert ist. Jeder Leser oder gar Zuh\u00f6rer solcher Erg\u00fcsse wird entweder in schallendes Gel\u00e4chter ausbrechen, allein schon, um sich selbst zu sch\u00fctzen, oder aber das Buch zuklappen und nie wieder \u00f6ffnen. Stellen Sie sich also diesen Text so heruntergebrochen vor, er w\u00e4re vielleicht vier Verse wert, als Chiffre nat\u00fcrlich, nicht erschlie\u00dfbare Bedeutungsschatulle, aus der sich der Leser , die Leserin nicht zu vergessen, trotz ihres verschlossenen Zustands das herausklauben k\u00f6nnte, was er oder sie gerade braucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blick ins Ungewisse<br \/>\nGerichtete<br \/>\nIhr Erschrecken<br \/>\nSein im Hier sein<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehrlich, das braucht kein Mensch. Also kommen wir also zum Thema zur\u00fcck. Tats\u00e4chlich ihr Blick, der ins Erschrecken entflieht und Herr Nipp kann nicht erschlie\u00dfen, worum es eigentlich gehen k\u00f6nnte.<br \/>\nWer abnehmen will, soll einfach Sport machen, weniger essen und vor allem kein Alkohol, fertig, so zumindest denkt er in dieser Situation, hat den Rest, den ganzen \u00dcberbau, die historischen Verquickungen, die verschiedenen Sch\u00f6nheitsideale durch die Epochen, die androgyne \u00c4sthetik der achtziger Jahre, die gefeierte Femme Fatale Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts lange hinter sich gelassen, all das nur Geistesblitze, Gedankensplitter, nie zu Ende gedachte Nebelschleier, die zu l\u00fcften nicht mehr hervorbr\u00e4chten als das, was die Gesellschaftswissenschaften uns als Wahrheiten verkaufen wollen, letztlich also nichts, zumindest nichts von Dauer, oh, welch barocker Gedanke. Vielleicht geht es dem Gegen\u00fcber aber auch, kommt es ihm, unserem Helden des Alltagsstumpfsinns, in diesem Moment in den Kopf, um die Zusatzstoffe, die vielen Es, die man in langen Listen entdecken kann und deren Aufschl\u00fcsselung im Internet nat\u00fcrlich kommentiert und vieldiskutiert erschlie\u00dfbar (immer wieder reizvoll, diese sinnlosen Bedeutungsverdopplungen) ist, mit Gefahren und Funktionen und vor allem den Erwartungen, die wir an diese haben.<br \/>\nNein, das offensichtliche Entsetzen ist anderer Natur. Manifestation des Datums. Zuf\u00e4llig Herr Nipps Geburtstag. Die Mindesthaltbarkeit seit einiger Zeit \u00fcberschritten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>V\u00f6llig entsetzt schaut sein Gegen\u00fcber ihn an. Sie hat eingehend die Verpackung studiert. 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