{"id":4824,"date":"2016-01-20T17:57:40","date_gmt":"2016-01-20T16:57:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4824"},"modified":"2016-01-17T13:10:34","modified_gmt":"2016-01-17T12:10:34","slug":"4824","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4824","title":{"rendered":"Zwischenfall"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In der Ecke, ganz hinten in der Lieblingsspelunke, die er wochenends so gern aufsucht, am liebsten an den Freitagen, als Einstieg ins Wochenende, um zumindest einige seiner Freunde zu treffen, steht ein Tisch, der wie aufgebockt erscheint. Die Wirtin hat einen Kasten gebaut oder bauen lassen, das wei\u00df man nicht so genau, darauf das alte Kneipenm\u00f6bel montiert. Wenn man auf einem bequemen Hocker sitzt, f\u00e4llt das kaum noch auf, das Verh\u00e4ltnis zwischen Tisch und Sitzgelegenheit ist dann stimmig, hier ist so einiges improvisiert. Gerade das macht einen Teil der Atmosph\u00e4re, die fotografischen Bilder alter Stadtansichten, ein gro\u00dfer Spiegel, der funktionslos so an der Wand h\u00e4ngt, dass sich niemand darin spiegeln kann. Es erscheint ganz bequem hier, als w\u00e4re man zur\u00fcckgekommen in die Lieblingseckkneipe aus der eigenen Jugend, die es leider nicht mehr gibt, der damalige Kneipier Dieter, der immer eine selbstgestrickte M\u00fctze auf der L\u00f6wenm\u00e4hne trug und einen silbergrauen Rauschebart wie der Nikolaus hatte, ist schon lange tot. Er war eine Instanz. Fr\u00fcher hatten sich die Freunde dort getroffen, andere als heute, die sich in alle Welt verteilt hatten. Am Flipper standen immer zwei und k\u00e4mpften um den h\u00f6chsten Score, jeder wollte sich nur einmal eintragen unter den besten zehn, das war damals so etwas wie sich als K\u00f6nig der Welt f\u00fchlen. Dort traf man sich, trank ein paar Bier, manchmal auch einige Runden Tequila, h\u00f6rte die meist ganz gute Musik, die meist noch vom Plattenspieler kam, manchmal aber auch von der Kassette, dann kam es darauf an, wie diese ausgesteuert war, manchmal konnte sich sonst auch die harmonischste Musik von Simon und Garfunkel wie Einst\u00fcrzende Neubauten anh\u00f6ren oder letztere wie ein braves Ges\u00e4usel, das niemandem etwas anhaben konnte. Fleischlego oder Halber Mensch waren dann lediglich flauschige Nettigkeiten, die im allgemeinen Gespr\u00e4chsrauschen untergingen. Schlimm allerdings wurde es manchmal, wenn die Wirtin ihre Lieblingsmusik anmachte, dann konnte es sogar vorkommen, dass man den halben Abend Gypsi Kings ertragen musste und wehe, wenn jemand es auch nur ansatzweise wagte, auch nur leiseste Kritik zu \u00fcben. Oft sa\u00dfen sie dann den ganzen Abend einfach nur herum oder spielten auch mal eine Runde Backgammon, vor allem aber dann, wenn Herr Nipps beste Freundin da war. Die hatte eine unwiderstehliche Strategie und unversch\u00e4mtes Gl\u00fcck, gewann normalerweise jede Serie und fand das auch noch ganz normal. Auch hier ein Aber Wehe: Aber wehe, sie verlor mal einige Spiele hintereinander, dann war die ganze Abendstimmung dahin, weil wohl wieder weniger wichtige Wesensheiten wahnsinnig wirsch aufkamen. Immer in Spiralen alles voranschritt. Die Zeiten sind vergangen, Erinnerungen an eine mehr oder weniger unbeschwerte Zeit des Zwischen. Zwischen der Jugend und dem Erwachsensein mit all den Verpflichtungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auf einem Hochsitz f\u00fchlt er sich dann, w\u00e4hrend die Wirtin ihm das Bier bringt, den folgerichtigen Korn im gefrorenen Glas. Gut gebraute, gezapfte Spezialit\u00e4t aus dem Sauerland, gut gebrannte Spezialit\u00e4t aus dem Sauerland, so l\u00e4sst sich zumindest vermuten. Gleichzeitig und das mit der zweiten Hand f\u00fcllt sie das kleine Sch\u00fcsselchen auf dem Tisch mit Chips auf. Ja, Knabberzeug gibt es hier sogar ohne Aufpreis. Knabberzeug, \u00fcber das er sp\u00e4ter herfallen wird, als habe er seit Wochen nichts zu essen bekommen. Knabberzeug, das ihm sp\u00e4ter auf den H\u00fcften h\u00e4ngen wird, \u00fcber das er sich nur immer freut, wenn es aufgetischt wird. Die Sucht nach Fett, Knuspern und Glutamat verst\u00e4rkten Gew\u00fcrzen. In aller Ruhe setzt er jetzt erstmal das Glas an. Perlig rinnt es durch die Kehle, k\u00fchles Blondes, denkt er. Er wartet heute, die anderen scheinen sich versp\u00e4tet zu haben. Nicht wissend, ob sie noch kommen werden, sitzt er ganz ruhig da, lauscht den Gspr\u00e4chen der anderen G\u00e4ste, ohne ihren Inhalt zu verstehen. Der Rhythmus reicht ihm, auch das ist eine Form der Zufriedenheit. Das ist doch lachhaft, denkt er, wo bleiben denn die anderen. Warum sollten die anderen denn nicht kommen, warum sollten sie ihn da sitzen lassen? Er kontrolliert seine mobile Kommunikationseinheit und muss feststellen, dass er wieder einmal eine Nachricht \u00fcbersehen haben muss. Ja nat\u00fcrlich, sie werden sp\u00e4ter kommen, irgendein nicht n\u00e4her benannter Zwischenfall. Vielleicht ein Unfall? Haben die beiden etwa Probleme mit dem Auto und stehen am Stra\u00dfenrand und niemand h\u00e4lt an, um zu helfen? Vielleicht geht es auch um die Verwandtschaft und irgendetwas ist passiert, was nicht vorauszusehen war. Vielleicht ist ja auch jemand krank geworden oder der eine Freund hat sich die Finger im K\u00fchlschrank geklemmt, w\u00e4hrend er heimlich ein Eis herausholen wollte. Oder ist vielleicht einer B\u00e4ume im gro\u00dfen Garten umgekippt, der fast schon als Wald zu bezeichnen ist. Hat der dann vielleicht eine Schneise gerissen und andere B\u00e4ume mit sich? Vielleicht war es aber ein ein Feuer in der Nachbarschaft und die beiden mussten helfen zu l\u00f6schen. Er macht sich Gedanken und ger\u00e4t mehr und mehr in die Denkspriale nach unten. Er dreht sich zum Fenster und h\u00f6rt hinter sich pl\u00f6tzlich munteres Geplauder, die beiden sind da. &#8222;Oh hallo, sorry, Waschmaschine war kaputt, wir mussten bei Oma waschen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Ecke, ganz hinten in der Lieblingsspelunke, die er wochenends so gern aufsucht, am liebsten an den Freitagen, als Einstieg ins Wochenende, um zumindest einige seiner Freunde zu treffen, steht ein Tisch, der wie aufgebockt erscheint. 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