{"id":4612,"date":"2015-05-14T09:44:56","date_gmt":"2015-05-14T07:44:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4612"},"modified":"2015-05-15T12:22:27","modified_gmt":"2015-05-15T10:22:27","slug":"wohnzimmerdschungel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4612","title":{"rendered":"Wohnzimmerdschungel"},"content":{"rendered":"<p>So richtig wohl f\u00fchlt er sich nat\u00fcrlich nur, wenn auch einige Pflanzen im Wohnzimmer stehen, auf den Fensterb\u00e4nken ganz klassisch jedes Fr\u00fchjahr die entsprechenden Fr\u00fchbl\u00fcher, oft ein Wechsel von blauen Traubenhyazinthen und gelben kleinen Osterglocken, die sich &#8222;Vis-\u00e0-vis&#8220; nennen. Fast ins Indischgelb changierend. Eine herrlich erfrischende Farbe. Wenn sie nach anderthalb Wochen ausgebl\u00fcht sind, werden sie im Garten ausgepflanzt, so ergibt sich mit den Jahren ein sch\u00f6ner Fr\u00fchbl\u00fchergarten.<\/p>\n<p>Meist allerdings stehen auf dem Fenstersims Ansammlungen von verschiedenen Kr\u00e4utern. Pflanzen, die nicht nur sch\u00f6n sind, sondern auch noch n\u00fctzlich. Das passt zu ihm. Beim Kochen k\u00f6nnen sie genutzt werden und sie verzeihen das Stutzen nicht nur, sondern reagieren mit vermehrtem Wachstum und st\u00e4rkerer W\u00fcrze. Was wohl als Abwehrreaktion gemeint ist, kommt Herrn Nipp wirklich entgegen, wenn er mal wieder neue Rezeptchen kreiert. Lauter lustige Leckerereien, die er sich zun\u00e4chst im Kopf zurechtschmeckt, bevor sie in Pfannen und T\u00f6pfen gebrutzelt und geschmurgelt werden. Ganz unkonventionell sich nicht an die \u00fcblichen Richtlinien haltend. Die Reihenfolgen interessieren ihn nicht, sondern die Ergebnisse. Es muss einfach lecker schmecken. Eine Sensation auf der Zunge, alle f\u00fcnf Geschmacksrichtungen ansprechend. Eine gute Konsistenz. Wenn er so zu seiner Fensterbank hin\u00fcberschaut, die aus dunkelrotem Stein besteht, der vielleicht in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts einmal modern war, jetzt aber als wirklich klassisch bezeichnet werden kann, dort neben den Kaiser-Idell-Standleuchten seine Sammlung an lebenden Gew\u00fcrzen erblickt, dann l\u00e4uft ihm schon das Wasser im Munde zusammen. Beim Gedanken an das n\u00e4chste Gericht. Rosmarin neben Thymian, Majoran neben Zitronengras. Mal sind es mehr, mal auch nur ein Kraut.<\/p>\n<p>Weiterhin zu finden sind im Wohnzimmer einige praktische B\u00fcsche, die entweder geschenkte Selbstzieher oder echte Selbstpflanzer sind. Klassiker eben. Eine Pampelmuse, die heute Grapefruit genannt wird, die seit Jahren ihre Gr\u00f6\u00dfe nicht wesentlich ver\u00e4ndert, wohl weil zu wenig Boden zur Verf\u00fcgung steht, so eine Art Bonsai. Eine Avocado, die in den letzten Wochen ihre Blattwerkzahl mal eben so verdoppelt, neue Zweige gebildet hat und nun fast jeden Tag gegossen werden m\u00f6chte. Die \u00e4ltesten Bl\u00e4tter sind drei Jahre alt und riesig und ledrig und an den Spitzen braun. Die j\u00fcngsten dagegen scheinen geradezu durch ihre Zartheit. Die Zweige sind gr\u00fcn und verholzen erst allm\u00e4hlich, selbst der Haupttrieb ist erst zu 20 Zentimetern graubraun.<\/p>\n<p>Und zwei Kaffeeb\u00e4ume, die sozusagen seine Vorliebe f\u00fcr einen guten Kaffe anzeigen. Diese sind Geschenke aus einer Haushaltsaufl\u00f6sung. Umzug von Aachen in die Provinz. Die beiden hatten ihre Probleme mit der Akklimatisierung, denn bei Herrn Nipp herrschen im Winter oft lausige Temperaturen um die 15 Grad, nur wenn Besuch kommt, gibt er sich einen Ruck und erh\u00f6ht dann auf locker 22 Grad, was ihm selbst gar nicht so gut gef\u00e4llt. Dann feuert er seinen Ofen an und l\u00e4sst den Staub tanzen. Inzwischen wissen die beiden dunkelgr\u00fcnen Helden damit allerdings ganz gut umzugehen, treiben regelm\u00e4\u00dfig neues Laub, nur gebl\u00fcht haben sie leider noch nicht. Aber das hat Zeit, denkt er. Alles steht da in voller Pracht.<\/p>\n<p>Doch bei genauem Hinsehen kam ihm vor einiger Zeit ein Graus nach dem ersten Schock: Die Kaffeepflanzen sind von Schildl\u00e4usen befallen, der Thymian von L\u00e4usen und aus s\u00e4mtlichen T\u00f6pfen krabbeln winzige schwarze M\u00fccken. Sein Habitat ist tas\u00e4chlich zu einem Biotop f\u00fcr Pflanzen und Tiere mutiert. Der Dschungel ist unkontrollierbar. Was kann man da tun? Soll man etwa den Boden komplett wechseln, wie es einige Internetspezialisten vorschlagen, dabei aber eventuell die zarten W\u00fcrzelchen besch\u00e4digen? Soll man jedes hervorkriechende Tier mit dem Staubsauber erlegen wie ein Kleinstwildj\u00e4ger auf der Lauer liegend, damit auf keinen Fall eine Fortpflanzung m\u00f6glich w\u00e4re? Schon nach gut zwei Wochen sollte dann das Problem gel\u00f6st sein. Einige Experten raten, sie arbeiten wohl bei BASF oder BAYER, dazu, die chemische Keule zu schwingen. Effektiv werden mit der Pflanzenvergiftung alle St\u00f6renfriede eliminiert, dass man dann eine pflanzliche Sonderm\u00fclldeponie beherbergt, scheint dabei niemanden zu st\u00f6ren. Auch die Schildl\u00e4use m\u00fcssen schlie\u00dflich doch mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, verlangen gleiche Leute. Sehr gef\u00e4hrlich. Herr Nipp ist sich nicht so sicher. Seit einigen Wochen beobachtet er nun, was sich da so tut. Die m\u00fcckigen Fliegen scheinen eine konstante Population aufzubauen, die L\u00e4use kann man vor Verzehr der Kr\u00e4uter absp\u00fclen und die Schildl\u00e4use begrenzt er auf einige wenige Bl\u00e4tter, indem er die anderen laut Rat eines Arbeitskollegen mit Raps\u00f6l behandelt hat. Letztlich geht es hier um eine freiwillig unfreiwillige Koexistanz. Und erst in einer Woche, wenn die Eisheiligen auch wirklich vorbei sind, kommen die Pflanzen nach drau\u00dfen und k\u00f6nnen dort neue Energien tanken. Die Plage l\u00f6st sich vielleicht von allein, durch Mithilfe von Meisen und Marienk\u00e4fern, von Florfliegenlarven und anderem Getier, das Herr Nipp gar nicht benennen kann. Im Herbst wird er sich seiner Mitbewohner dann wieder erbarmen. Vor den ersten Fr\u00f6sten, aber daran mag er jetzt noch gar nicht denken. Und wer wei\u00df, vielleicht haben sich dann auch neue Mitbewohner eingeschlichen, die an langen Winterabenden ein spannendes Beobachtungsfeld darstellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So richtig wohl f\u00fchlt er sich nat\u00fcrlich nur, wenn auch einige Pflanzen im Wohnzimmer stehen, auf den Fensterb\u00e4nken ganz klassisch jedes Fr\u00fchjahr die entsprechenden Fr\u00fchbl\u00fcher, oft ein Wechsel von blauen Traubenhyazinthen und gelben kleinen Osterglocken, die sich &#8222;Vis-\u00e0-vis&#8220; nennen. 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