{"id":4606,"date":"2015-05-13T06:52:45","date_gmt":"2015-05-13T04:52:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4606"},"modified":"2015-05-13T07:57:03","modified_gmt":"2015-05-13T05:57:03","slug":"der-baum-muss-weg-oder-wie-faust-und-k-verhandeln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4606","title":{"rendered":"Der Baum muss weg &#8211; oder wie Faust und K. verhandeln"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Zum dritten Mal nun, im dritten aufeinanderfolgenden Jahr, sieht Herr Nipp, wenn er morgens ans Fenster tritt und dem Aufgehen der Sonne seine Blicke schenkt, im Garten den gesamten Mai \u00fcber die Clematis rubens bl\u00fchen. W\u00fcrde die Sonne jeden Morgen ihn wecken, so s\u00e4he er dieses Wunder sicher jeden Morgen. Ein seltsames Gef\u00fchl ergreift sein Herz dann, f\u00fchlend, hier sei er Mensch und k\u00f6nne es auch sein. Die Vorbesitzer hatten das zumals ehemalig zarte Rankgew\u00e4chs, welches mit den Jahren an Wuchs und \u00dcppigkeit zugenommen hatte,\u00a0 wohl an eine uralte Pflaume gesetzt, die inzwischen ebenfalls im dritten Jahr nicht mehr lebt. Der Stamm ist geblieben in seiner typischen Drehung auf Pflaumenart, die eine besondere Statik erzeugt. Einige \u00c4ste und Zweige haben sich erhalten, andere wurden schon vom Winde geworfen. Dieses Holz hat er immer schon geliebt. Vor allem, wenn es gut ge\u00f6lt und gewachst ist, entwickelt es eine wunderbar r\u00f6tliche Farbe, die an warme Abende zu zweit vor dem Ofen erinnert. An N\u00e4chte der geistigen wie k\u00f6rperlichen Vereinigung, der absoluten Hingabe. Des Genusses. Wenn die hellen Flammen ihren Dienst versagen, wenn die restlichen St\u00fccke des abgebrannten Holzes, jene oft bewunderte Glutkohle, nur noch tiefes Rot erlauben. Vielleicht sogar noch sch\u00f6ner als die Farbe des Kirschholzes. Bald w\u00fcrden wieder die Reste der rosafarbenen Bl\u00fcten durch den Garten fliegen und ein fr\u00fchsommerliches Schneetreiben erzeugen. Bald w\u00fcrden sich auch die dunklen Bl\u00e4tter zur Photosynthese entfalten, die sich nie entscheiden konnten, ob sie nun rot oder gr\u00fcn zu werden gedachten. Ja, man kann auch in Zeitzonen denken, die fernab liegen, Herr Nipp freute sich jedoch jeden Morgen am Jetzt, an der \u00fcberbordenen Pracht. Ein wahrlich barockes Vergn\u00fcgen. Anders w\u00e4re es ihm vorgekommen, als rede man einem gerade gewordenen Jugendlichen ein, er werde auch bald vergehen. Der Jugendliche soll erstmal sein Leben, dieses stetige Wachsen vor dem einsetzenden Verfall genie\u00dfen. Sicher auch dies barock zu nennen, aber hier nicht angebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Tage zuvor aber war der Gebieter des Gartens ebendort erschienen, mit all seiner Besitzermacht, die ihm stolz ins Gesicht geschrieben schien, hatte den Baumstumpf eingehend betrachtet und befunden: &#8222;Der Baum muss weg.&#8220; Die Begr\u00fcndung war schwerlich von der Hand zu weisen, denn bald w\u00fcrde das Skelett von allein kippen und Mensch wie Haus gef\u00e4hrden. Herr Nipp handelte mit dem sturen Mann und schlug wenigstens eine Frist bis zum Ende der Bl\u00fcte, bis zum Ende der Brutzeit der Tauben im Wust der Ranken heraus. Der Baum w\u00fcrde nicht gef\u00e4llt, aber in zwei Meter f\u00fcnfzig H\u00f6he gekappt werden, soviel immerhin konnte beschlossen werden, um die Clematis rubens, die dem Garten sein Gepr\u00e4ge gab, nicht vollends zu zerst\u00f6ren. Mit solchen inneren Disputen musste er sich also herumschlagen im Anblick der vollen Bl\u00fcte, zwei Seelen, ach, wohnten also in seiner Brust.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum dritten Mal nun, im dritten aufeinanderfolgenden Jahr, sieht Herr Nipp, wenn er morgens ans Fenster tritt und dem Aufgehen der Sonne seine Blicke schenkt, im Garten den gesamten Mai \u00fcber die Clematis rubens bl\u00fchen. 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