{"id":4509,"date":"2015-04-01T08:19:03","date_gmt":"2015-04-01T06:19:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4509"},"modified":"2015-04-02T08:29:45","modified_gmt":"2015-04-02T06:29:45","slug":"das-verbleiben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4509","title":{"rendered":"Das Verbleiben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als Herr Nipp an diesem Morgen aus wie neunmonatigem ruhig traumhaftem Schlaf erwachte, fand er sich auf einem Sofa im Atelier eines Freundes endlich einmal ausgeschlafen. Er lag auf seinem durch diverse Zwischenf\u00e4lle maltr\u00e4tierten R\u00fccken und sah, ohne auch nur die kleinste Bewegung machen zu m\u00fcssen, die Decke einige Meter \u00fcber sich, unter welcher sich samtig bepudert die F\u00e4den der Zitterspinnen der letzten Jahre im leichten Zug der Heizungsluft bewegten. Auch hatten sie wohl einige Beutest\u00fccke fein eingewoben aufgeh\u00e4ngt, die Vorratskammer von Wesen, die nicht f\u00fcr den Moment lebten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So oder so \u00e4hnlich hatte er sich das immer vorgestellt, wenn irgendwann einmal jemand \u00fcber ihn schreiben w\u00fcrde. Dabei war er tats\u00e4chlich in diesem Moment wach geworden, hatte mit dem Schweifenlassen der Augen, dann leichten Kopfdrehungen die Umgebung sondiert, die ihm auf den ersten Blick seltsam fremd und gleichzeitig so vertraut heimelig erschien (Trivialautoren bem\u00fchen sich oft krampfhaft um solche stilistischen Mittel wie das Oxymoron, da sie ein profundes Wissen um die Mechanismen der Literatur vermuten lassen. Also erfinden sie auch gerne irgendeinen Neologismus und errichten diesen dann wie ein auf den Sockel erhobenes Denkmal \u00fcber die menschliche Sch\u00f6pfungskraft an besonders exponierter Stelle des Textes oder wiederholen diesen gar so oft, dass dem zun\u00e4chst geneigten Leser schlecht wird.).\u00a0 \u00dcberall konnte er Bilder sehen, die teilweise in ganzen Stapeln herumstanden, an die W\u00e4nde gelehnt waren, auf Tischen lagen oder sogar richtig hingen.\u00a0 Einige rechteckige Leinwandfetzen waren hochkant mit d\u00fcnnen Nadeln fein s\u00e4uberlich aufgereiht an die Wand gepinnt worden, so dass sie den Anschein erweckten, als w\u00fcrden sie \u00fcber ihren eigenen Schatten schweben und gemeinsam ein fraktales Bild ergeben, welches eine verschl\u00fcsselte Geschichte erz\u00e4hlte oder zumindest eine Botschaft enthielt, die nur Eingeweihten einen Sinn ergeben k\u00f6nne. Figuren, Tiere, Figurengruppen, Zeichen und fast abstrakte Elemente schienen einen Reigen, vielleicht einen Totentanz zu vollziehen. Bedeutungshafte Blicke sprangen den Betrachter an, andere Figuren schienen sich \u00fcber die Bildr\u00e4nder hinweg aufzufordern oder gegenseitig zu beeindrucken. Immer aber schien der Untergrund jedes einzelnen Motivs wie aus einem anderen Bild geschnitten. So als m\u00fcssten nur diese Bilder wieder richtig gef\u00fcgt werden. Ein vertracktes Spiel, welches der K\u00fcnstler hier trieb. Nichts erschien seinem Auge fest und standhaft, alles war wohl dem steten Umkomponieren unterworfen, so als w\u00fcrde diese Ansammlung stets eine Erweiterung finden wollen, sich selbst aus den eigenen Geschichten erg\u00e4nzen. Teilweise schien sogar das Abtupfen eines verschmutzten Pinsels zur Grundlage einer kleinen Bildmelodie zu werden, gefasst durch Lineaturen, die sich mal verdichteten, dann teilweise ganz aufl\u00f6sten, aber immer Freiraum zum Denken lie\u00dfen. Eine eigene verschrobene Bildsprache, die mit den Partikeln unseres Alltags spielte. Er konnte sich kaum satt sehen, musste immer wieder die Augen kreisen lassen. So als w\u00fcrde man mit den Fingern die raue Oberfl\u00e4che eines kristallinen Gebildes ersp\u00fcren, die Kanten abtastend, die Spitzen schmerzhaft. An den gebrochenen R\u00e4ndern dann einen Rahmen f\u00fcr all die Eindr\u00fccke zu finden, zur\u00fcckzukehren zu den haptischen Sensationen, die sich der Haut boten. Diese Bildserie war ein Buch, ein offener Roman, ein unlesbares Langgedicht, das sich immer immer schl\u00fcssig neu erfand. Jeder Betrachter konnte hier seine Sichtbahnen ziehen, die Augen wandern, springen, ja sogar tanzen lassen. Minutenlang betrachtete Herr Nipp dieses wundervolle Werk, nur auf den ersten Blick unbek\u00fcmmert naiv, f\u00fchlte sich in alte Zeiten zur\u00fcckversetzt, damals, als er als Kind noch tagelang \u00fcber den immer gleichen Bildb\u00e4nden br\u00fctete und sich seine Welt zurechtzimmerte, feste Ansichten ganz bewusst oder manchmal wie nebenbei wieder zertr\u00fcmmerte, die Betonbl\u00f6cke des Seins visuell zerlegte, ein Schlagbohrer, ein Zerleger des Gehabten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter Teilen der Decke entspannte sich ein riesiges Werk auf einem Gazestoff wie ein religi\u00f6ser Baldachin, der auf Prozessionen getragen wird. Darauf konnte er Zeichen ausmachen, die ihm zwar irgendwie bekannt vorkamen, deren Bedeutung er allerdings nicht ann\u00e4hernd zu entschl\u00fcsseln vermochte und dies auch nicht wollte. Er nahm die Gegebenheiten (auch dies ein sehr literarisches Wort) so hin, wie sie waren.\u00a0 Nicht mehr wissend, wie zum Teufel hier der Schlafplatz entstanden war, stand Herr Nipp unter dem \u00fcblichen Keuchen auf. In den vergangenen Jahren war es zu einer lieben Gewohnheit geworden, alle grundlegenden Positionswechsel mit diesen \u00e4chzenden Ger\u00e4uschen zu verbinden, als sei er ein alter Mann, dabei befand er sich doch wirklich in seinen besten Jahren, wie landl\u00e4ufig so gerne kolportiert wurde. Er musste feststellen, dass der Boden sicheren Halt bot, nichts ertr\u00e4umt schien, setzte sich wieder und begab sich erneut in R\u00fcckenlage, indem er die Beine in die n\u00e4chtliche Ausgangslage zur\u00fcckbeorderte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den Tischen waren Werkzeuge, ganze Heerscharen von in Bechern stakenden Pinseln und Farbflaschen auszumachen, Tuschebeh\u00e4ltnisse, Schellackdosen und Eimer mit im Zwielicht des d\u00e4mmernden Morgens seltsam gl\u00fchend erscheinender Farbe, aber auch fremd anmutende Gegenst\u00e4nde aus billig blitzendem Plastik, sogenannte Winkekatzen wohl chinesicher Produktion und eine ganze Feuerzeugsammlung, irgendwo in der Ecke des Raums eine Modepuppe, welcher eine Hand fehlte. Diese grazile Extremit\u00e4t hatte er letztens noch auf seiner Fensterbank zu Hause gesehen, da war er sich ganz sicher. Der Boden war im Umfeld seiner Lagerst\u00e4tte mit einem fadenscheinigen alten, aber handgekn\u00fcpften Teppich bedeckt, an anderen Stellen handelte es sich um nackte Asphaltsteine wie in einer Fabrik. Teilweise hatte der K\u00fcnstler auch auf den Boden geschrieben oder Schablonen ausprobiert, teilweise hatte er auch einfach gekleckst. Ein sympatischer Zustand, dem sofort anzusehen war, dass hier ernsthaft gearbeitet wurde, ohne dass die helfende Hand einer Putzfrau auch nur den Anflug einer Chance gehabt h\u00e4tte. Dies war kein Quasiatelier, wie Anf\u00e4nger es sich k\u00fcnstlich einrichten, weil sie der Meinung sind, es habe so auszusehen. Dies war auch nicht ein kaltes Loch, das eine andere Art von K\u00fcnstlern sich schafft, damit sie sich in ihrem Arbeiten niemals zu Hause f\u00fchlen, sondern dieses immer wieder existenzialistisch befragen. Dies stellte sich ihm als gelebter und gewachsener Raum, als Habitat dar, dem jedes Fehlen einer Kleinigkeit einen neuen Charakter geben w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich, dessen war sich Herr Nipp sicher, h\u00e4tte sich mit dem Ausmisten \u00fcberfl\u00fcssiger Tische und Regale eine bessere Ausnutzung der \u00d6rtlichkeit ergeben k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde der Nutzer nie wieder alle diese Hundertscharen von CDs h\u00f6ren, die Stapel an urt\u00fcmlichen Kassetten. Nicht mehr gelesen erschienen ihm auch die B\u00fccherreihen, abgesehen von eingen Gedichtb\u00e4nden, die sich auf dem Schreibtisch t\u00fcrmten. Alles aber trug zum Eindruck bei, dieses hier sei ein Intimraum, vielleicht wichtiger als das Wohnzimmer, in welchem letztlich doch nur der Fernseher jegliche Aktivit\u00e4t regiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Augenwinkel war jetzt auch eine Bewegung wahrzunehmen, da stand jemand, nein er sa\u00df wohl, denn die Gr\u00f6\u00dfe stimmte f\u00fcr eine stehende Person nicht, vor einem Bild und trug in aller Ruhe mit einem Spachtel seltsam unruhige Farben auf eine Leinwand, eine Hand entstand, das war aus der feinen Vorzeichnung schon zu erkennen. Herr Nipp h\u00e4tte sich gew\u00fcnscht, dass die jung erscheinende Person jetzt das messerartige Werkzeug zur Seite gelegt h\u00e4tte, diesen Vorstellungszustand mit freien Fl\u00e4chen genau so erhalten h\u00e4tte, aber es erschien schon jetzt klar, dass der Junge die ganze Fl\u00e4che vollspachteln, zuspachteln w\u00fcrde, da ja dann wohl erst ein Bild fertig ist. Tats\u00e4chlich gibt es Menschen, die glauben, ein Bild sei fertig zu malen, der K\u00fcnstler habe \u00fcber den Abschluss zu bestimmen. Das Werk allerdings, das sollte jeder Denkende doch einfach begreifen, wird erst vom Betrachter beendet. Ein perfektes Bild aber l\u00e4sst keinen Raum zur sehenden Kreativit\u00e4t. Die Leerstellen bestimmen erst die M\u00f6glichkeiten eines Bildes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Augen wieder schlie\u00dfend, konnte er sich auf die Ger\u00e4usche des Umfeldes konzentrieren. Auf das Schaben und Kratzen, welches aus der Bewegung des Werkzeugs auf dem Klangk\u00f6rper Leinwand entstand, die ged\u00e4mpften T\u00f6ne von au\u00dferhalb, die Kraniche, die \u00fcber das Haus gen Norden flogen und mit ewig sehnsuchtsvollen Schreien den Fr\u00fchling verk\u00fcndeten. Und es war ihm eine Best\u00e4tigung seiner neuen Tr\u00e4ume und Absichten, als er sich am Ende dieses Vorgangs nicht erhob, sich nicht streckte, sondern in gehabter Haltung verblieb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Herr Nipp an diesem Morgen aus wie neunmonatigem ruhig traumhaftem Schlaf erwachte, fand er sich auf einem Sofa im Atelier eines Freundes endlich einmal ausgeschlafen. Er lag auf seinem durch diverse Zwischenf\u00e4lle maltr\u00e4tierten R\u00fccken und sah, ohne auch nur &hellip; <a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4509\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4509","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4509","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4509"}],"version-history":[{"count":11,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4509\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4522,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4509\/revisions\/4522"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4509"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4509"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4509"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}