{"id":444,"date":"2012-04-30T00:46:31","date_gmt":"2012-04-29T22:46:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=444"},"modified":"2012-05-02T11:49:30","modified_gmt":"2012-05-02T09:49:30","slug":"auf-anrufe-warten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=444","title":{"rendered":"Auf Anrufe warten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?attachment_id=445\" rel=\"attachment wp-att-445\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-445\" title=\"IMG_1999\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/IMG_1999-400x266.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"266\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/IMG_1999-400x266.jpg 400w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/IMG_1999-1024x681.jpg 1024w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/IMG_1999-148x98.jpg 148w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/IMG_1999-31x20.jpg 31w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/IMG_1999-38x25.jpg 38w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/IMG_1999-322x215.jpg 322w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Es ist durchaus gewagt, ein mobiles Telefon mit zur Badewanne zu nehmen. Wenn man jedoch ganz dringend auf einen bestimmten Anruf oder zumindest auf eine Meldung wartet und diese partout nicht kommen will, wird einen auch das Wasser und die damit verbundene Feuchtigkeitsgefahr nicht davon abhalten, das technische Ger\u00e4t mit den vielen Funktionen auf den Badewannenrand zu legen. Man kann viel \u00fcber die Multifunktionalit\u00e4t von solchen technischen Errungenschaften nachdenken, es ist auch schon viel spekuliert worden, wie es weiter gehen k\u00f6nnte, was noch aufgesattelt werden k\u00f6nnte. Ja, sogar Philosophen haben sich inzwischen mit dem Mobiltelefon besch\u00e4ftigt, da es sich nun anschickt, zu einem weiteren, zu einem externen Organ des Menschen zu mutieren. Schnittstelle in die andere Welt, die der Daten. Wir leben inzwischen in zwei Welten, ob die Politik das nun einsehen will oder nicht. So gesehen kann hier sogar von einer Art s\u00e4kularem Schisma gesprochen werden. Dar\u00fcber aber wollte er gar nicht nachdenken. Dies \u00fcberlie\u00df es lieber dem eint\u00f6nigen Gepl\u00e4nkel der neudeutsch genannten Nerds. Das gr\u00f6\u00dfte Manko war in seinen Augen sowieso die Tatsache, dass die drei wichtigsten Funktionen immer noch nicht installiert waren: B\u00fcgeleisen, K\u00fcchenmixer und Bohrmaschine.<\/p>\n<p>Ein Buch befand sich in seiner linken Hand. Ein ausgiebiges Bad ohne Lesen w\u00e4re f\u00fcr ihn nicht denkbar gewesen. Dieses von W\u00e4rme umsp\u00fclt sein musste einfach von einer inneren Befriedigung begleitet werden. Manchmal taten es dann einfach Romane, manchmal ein Gedicht. Oder ein Essay mit starkem Inhalt. Das wirkte dann wie die erste Zigarette, die man wie im Rausch inhaliert.<\/p>\n<p>Herr Nipp hatte diverse Anrufe get\u00e4tigt und niemand war dran gegangen. Versuchsaufgeber. Er hatte auch schriftliche Kurzbotschaften versendet, ohne Erfolg. Der Kanal blieb einfach leer. So sa\u00df er also in seiner Schaumburg ohne Palais und lenkte sich mit einem netten kleinen Roman namens \u201eVORN\u201c von der schn\u00f6den Realit\u00e4t des Wartens ab. Warten an sich pr\u00e4gt zwar unser Leben zu gro\u00dfen Teilen (Hatte es eigentlich schon eine wissenschaftliche statistische Erhebung zum Thema warten gegeben? Wieviele Jahre des Lebens verbringt man im Wartemodus?), hoffnungsloses Warten aber ist eine kaum ertr\u00e4gliche Marter und nicht immer entspringt ihr eine Welterkenntnis wie beim Warten auf Godot. Auch so werden M\u00e4rtyrer geboren. Diesen Abend w\u00fcrde nichts mehr kommen, so sehr er auch an sie dachte. Nein, die kleinen Indizien sprachen eindeutig dagegen. Da er nachmittags nicht bei ihr erschienen war (und daf\u00fcr hatte es wohl gute Gr\u00fcnde gegeben), w\u00fcrde sie sich auch nicht melden und seine stumme Bitte erst mal ignorieren.<\/p>\n<p>Dass das Vibrieren, dieses verhei\u00dfungsvolle regelm\u00e4\u00dfige Summen, das den gesamten Untergrund in Schwingungen versetzt, ihn aus der Welt der Buchstaben riss, verwunderte nicht. Wer genau hinschaut, der wird sofort verstehen, welche Faszination das in ihm ausl\u00f6ste. Die Wellen wurden \u00fcber die Badewannenwand (alte Gussbadewanne aus Kruppstahl) ins Wasser \u00fcbertragen. Der ganze K\u00f6rper so mit einer feinen Schwingung geflutet. Nach dem vierten Mal, \u00f6ffnete er seine Schiebetelefon und nahm an. Schon auf dem Display konnte er den Namen lesen und schlagartig hellte sich sein Gesicht auf. Damit war nicht zu rechnen gewesen. Kaum zu hoffen gar. Der besonderste Mensch aus anderen Tagen. Ein St\u00fctzpfeiler, immer wenn es darauf ankam. Ein langes Telefonat folgte, mit all den Haken und \u00d6sen, mit versteckten Schlingen und Fallgruben, Frotzeleien, kleinen Spitzen und Verf\u00e4nglichkeiten, die sich nur in langer, echter Freundschaft aufbauen k\u00f6nnen. Vertrautes Gepl\u00e4nkel und Seelenbalsam. Genau die richtige Medizin f\u00fcr diesen Abend.<\/p>\n<p>Nur dann, wenn man ohne Eifersucht liebt, auf einer Ebene, die nicht zu erkl\u00e4ren sein w\u00fcrde. Metaphysik? Nein, es gibt Zuf\u00e4lle, nicht umsonst ist im Griechischen das Wort Schicksal gleich Zufall.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist durchaus gewagt, ein mobiles Telefon mit zur Badewanne zu nehmen. 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