{"id":4235,"date":"2014-10-26T15:54:56","date_gmt":"2014-10-26T14:54:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4235"},"modified":"2014-10-26T18:39:55","modified_gmt":"2014-10-26T17:39:55","slug":"nebelbankgedanken-endlos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4235","title":{"rendered":"Nebelbankgedanken endlos"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">V\u00f6llig \u00fcberm\u00fcdet sollte kein Auto, ja, kein Fahr- oder Flugzeug gesteuert werden, denkt sich Herr Nipp. Er hat seine Anlage bis zum Anschlag aufgedreht, h\u00f6rt abwechselnd St\u00fccke von Radiohead, Muse und Bach. Der R\u00fcckspiegel wackelt im Rhythmus der h\u00e4mmernden B\u00e4sse. Obwohl es drau\u00dfen neblig-kalt ist, hat er das Fenster ge\u00f6ffnet, heruntergekurbelt kann man nicht sagen, denn es gibt keine Kurbel mehr in den modernen Autos, schon gar nicht so ein Klappfenster wie in der liebevoll so titulierten Ente. L\u00e4sst sich die feuchtschauerliche Luft um die Nase wehen, die Augen tr\u00e4nen, so wie eigentlich immer, wenn gerade \u201eCreep\u201c l\u00e4uft. Zweimal hat er auf den letzten Kilometern am Autobahnrand Kreuze bemerkt. Diese Strecke scheint unfalltr\u00e4chtig zu sein, wahrscheinlich macht wohl der hier h\u00e4ufig auftretende Nebel m\u00fcde, geht es ihm durch den Kopf. Gedanken sind in solchen Situationen wohl das wichtigste Hilfsmittel, um sich abzulenken, der M\u00fcdigkeit ein Schnippchen zu schlagen und damit auch dem Sensenmann, der diese Strecke offensichtlich liebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/MG_8763.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-4236\" alt=\"_MG_8763\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/MG_8763-682x1024.jpg\" width=\"640\" height=\"960\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/MG_8763-682x1024.jpg 682w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/MG_8763-266x400.jpg 266w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/MG_8763-98x148.jpg 98w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/MG_8763-20x31.jpg 20w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/MG_8763-25x38.jpg 25w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/MG_8763-143x215.jpg 143w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher hatte er immer Angst, wenn sein Vater mit dem saharafarbenen 200er Mercedes durch Nebelb\u00e4nke fuhr. Rauschte. Vorne vielleicht 50, oft auch nur 30 Meter Sicht, aber unersch\u00fctterlich flott hatte der Mann am Steuer wahrscheinlich ein ganz besonderes Navigationssystem, auch wenn schon allein dieses Wort damals nicht oder nur Seeleuten und Flugzeugpiloten bekannt war, um die Strecke einzusch\u00e4tzen. Er kannte einfach jede noch so kleine Biegung, jede scharfe Kurve auswendig und wusste, wie das Lenkrad zu bewegen war, da gab es f\u00fcr den Sohn keinen Zweifel. Das schon. Aber Angst hatte er trotzdem, gro\u00dfe Angst, so richtig Schiss. Also begann der hinten sitzende Junge irgendwann die Seitenpfosten zu z\u00e4hlen, die waren schlie\u00dflich zu erkennen. Wenn auch sonst nichts. Einmal hatte er wohl bemerkt, dass sich gerade neben dem Auto ein Reh aus dem Nebel sch\u00e4lte. Selbst ziemlich erschrocken blickte, noch mal davon gekommen. Den J\u00e4ger im R\u00fccken wahrscheinlich mit Selbstmordgedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Normalerweise konnte er allerdings gerade mal die Pfosten, die Stra\u00dfe direkt vor dem PKW sehen. So eine richtige Limousine mit riesigem Kofferraum war es, wie damals bei Mercedes \u00fcblich. Zu der Zeit gab es von dieser Firma noch keine Kombis. Das w\u00e4re wohl verp\u00f6nt gewesen, zu modern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder er z\u00e4hlte die Schlagzahl der Mittelstreifen, die sich wei\u00df vom schwarzfeuchten Asphalt abhoben, wackelte in deren Rhythmus mit seinen F\u00fc\u00dfen, trat den Takt, als habe er Autismus oder Hospitalismus. Oder als sei er ein Schlagzeuger, der sich durch nichts aus diesem Takt bringen l\u00e4sst. Oder er hielt seinen linken Zeigefinger in eine bestimmte H\u00f6he vor das nicht zu gekniffene Auge, ja, er konnte stundenlang ein Auge schlie\u00dfen und nur mit dem anderen sehen, und stellte sich vor, wie es w\u00e4re, wenn der gesamte dar\u00fcber befindliche Baumbestand mit einem Laserstrahl gef\u00e4llt w\u00fcrde. Ganz ordentliche Landschaft von seiner Position aus. Eine exakte Gerade als Horizontlinie. Er malte sich aus, dass er eine M\u00f6glichkeit erfinden w\u00fcrde, all die gespeicherte Energie in eine kleine Kugel, nicht gr\u00f6\u00dfer als ein Tischtennisball, aufzunehmen, mit dem man irgendwann die ganze Welt versorgen k\u00f6nnte. Es mag sich vielleicht komisch anh\u00f6ren, aber tats\u00e4chlich machte sich Herr Nipp schon als kleiner Junge dar\u00fcber Gedanken, wie die Energie von Blitzen zu nutzen sei. Erst sein sp\u00e4terer Physiklehrer mit dem riesigen Schnauzbart, der ihn wie eine Robbe aussehen lie\u00df, brachte ihn mit allerhand Realismus von diesem Gedanken ab. Energie komprimieren, ja, das w\u00fcrde die Zukunft sein. \u201eWie soll denn das gehen?\u201c, hatte sein Vater irgendwann einmal gesagt. Ungl\u00e4ubig, zweifelnd, fast abwertend. Ein Zweifel, der nagte. Irgendwann w\u00fcrde er schon einen Nobelpreis daf\u00fcr kriegen, hatte er damals gedacht, aber es gibt schlie\u00dflich so viele andere Gedanken, die au\u00dferdem realisiert werden mussten. Alles Gedanken, um sich von der grunds\u00e4tzlichen Angst vor dem Autofahren abzulenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich hatte er immer Angst, wenn es durch die Landschaft ging, wurde ihm dann schon allein aus Prinzip schlecht, nicht aus Notwendigkeit. Aber wenn er so aus dem Seitenfenster schaute, die Seitenpfosten z\u00e4hlte, dann konnte es schon passieren, dass ihm schwindlig wurde und die Folge war dann eben doch zwangl\u00e4ufig; ihm wurde massiv schlecht. Nicht so ein Schlechtsein, das man dann verdr\u00e4ngen kann, sondern das echte Schlechtsein, das nur mit \u00fcbelstem Erbrechen behoben werden kann. Ja, muss. So hatte er sich mehr als einmal in den vom Vater so hei\u00df geliebten Wagen \u00fcbergeben, manchmal auch noch gerade rechtzeitig das Fenster herunter gekurbelt und im Fahren nach drau\u00dfen gespien. Damals gab es schlie\u00dflich noch Kurbeln, in den siebziger Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Nipp hatte auch alles andere gez\u00e4hlt und sehr viel Freude daran, seine Ausz\u00e4hlungen irgendwann prozentual auszuwerten. Das konnte er schon mit neun Jahren fast perfekt. Selbst beigebracht versteht sich, vielleicht hatte ihm auch sein Bruder geholfen, das war jetzt nicht mehr so genau zu bestimmen. Aber dazu vielleicht sp\u00e4ter, irgendwann vielleicht einmal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal hatte er in einen Hundehaufen getreten, der Gestank mischte sich mit dem Pfeifenrauch des Vaters und konnte eigentlich so nur zur Katastrophe f\u00fchren. Diese w\u00fcrzige Mischung wollte eine Abrundung, nicht das aufdringliche Parf\u00fcm der mitfahrenden Gro\u00dftante, sondern die Magens\u00e4fte, die unschlagbar waren. Das zog eine ebenso folgerichtige Ohrfeige nach sich. Damit konnte schlie\u00dflich auch der krankeste Junge der Welt zur Vernunft gebracht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter war Herrn Nipp durch seine ununterbrochenen Verh\u00e4ltnisausz\u00e4hlungen bewusst geworden, dass sich der Anteil bunter Autos im Stra\u00dfenverkehr zusehends verringerte. Immer langweiliger wurden die Farben, kein Orange mehr, kein Leuchtgr\u00fcn und schon gar kein Hellblau. Auch kamen neue Marken hinzu, viele Japaner pl\u00f6tzlich. \u201eWeil die so billig sind!\u201c, sagte sein Vater immer. Der Anteil der Enten nahm ab, der Anteil der K\u00e4fer auch, der Anteil von Opel, und Simca war pl\u00f6tzlich ebenso verschwunden wie die letzten RO 80 und die typisch gelben DAFs. Vielleicht war dem kleinen Nipp schon viel fr\u00fcher als anderen bewusst, dass die Welt immer bestimmten Ver\u00e4nderungen unterliegt. Auch sa\u00dfen immer mehr Frauen hinter dem Steuer, sogar manchmal die eigene Mutter, die erst mit 42 den F\u00fchrerschein gemacht hatte. Dann hatte er noch mehr Angst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Landschaft unterlag langsamen Ver\u00e4nderungen, so wurden nach Kahlschl\u00e4gen auch wieder Laubb\u00e4ume gepflanzt oder Mischw\u00e4lder. Tats\u00e4chlich besannen sich wohl einige Waldbesitzer darauf, dass die W\u00e4lder eben nicht nur Wirtschaftsfl\u00e4chen sind, sondern Lebensr\u00e4ume. Vielleicht bekamen sie aber auch irgendwelche F\u00f6rderungen hierf\u00fcr. Was sicherlich wahrscheinlicher ist. Pl\u00f6tzlich bekam auch das kleinste Sauerl\u00e4nder Bergdorf eine Ampelanlage, die Zeit der Kreisverkehre sollte sp\u00e4ter kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Nipp konnte sich auch immer wieder gut daran erinnern, wie die Armatur des Autos damals aussah, er hatte sich in meditativer Kontemplation in die Betrachtung damals vertiefen k\u00f6nnen, um so vielleicht einen heilsamen Schlaf zu erhalten, der ihn vor Angst und Reisekrankheit bewahrte. Nur, um dann zu Hause angekommen, mal mehr, mal weniger sanft aufgeweckt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Herr Nipp dieses Mal aufwacht, kann er sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, abgesehen von der langen Schramme, die sich \u00fcber die gesamte Autoseite links zieht, ist er heil davon gekommen. Die Leitplanken haben ihr Werk richtig und sinnvoll vollbracht und ihn sanft\u00a0 die Autobahnabfahrt herunter geleitet. F\u00fcr ihn wird kein Kreuz aufgestellt werden, erstmal nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>V\u00f6llig \u00fcberm\u00fcdet sollte kein Auto, ja, kein Fahr- oder Flugzeug gesteuert werden, denkt sich Herr Nipp. Er hat seine Anlage bis zum Anschlag aufgedreht, h\u00f6rt abwechselnd St\u00fccke von Radiohead, Muse und Bach. 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