{"id":4126,"date":"2014-08-18T09:51:31","date_gmt":"2014-08-18T07:51:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4126"},"modified":"2014-08-18T10:00:53","modified_gmt":"2014-08-18T08:00:53","slug":"schnell-noch-eben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=4126","title":{"rendered":"Schnell noch eben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ja, nat\u00fcrlich hatte er die Uhr vor Augen und vor allem immer im Blick gehabt. Er wusste schlie\u00dflich, dass es in manchen Situationen einfach darauf ankommt, zum richtigen Zeitpunkt aufzukreuzen, vor allem, wenn das versprochen wurde. Es w\u00fcrde ein super Abend werden, sie w\u00fcrden einen alten Bekannten mit Bier und Wein und Filmen bewaffnet \u00fcberfallen, ohne Vorwarnung, sein Wohnzimmer besetzen und dort die Nacht des ewigen Einerlei vertreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Radiosender w\u00fcrde wie gewohnt die Nachrichtensendung bringen, dann h\u00e4tte er noch zehn Minuten Zeit, sich die Hose und das Shirt anzuziehen, sich auf das alte rote Klapprad zu schwingen, nat\u00fcrlich elanvoll. Er m\u00fcsste nur die lange Stra\u00dfe bis zur Stadtmitte herunterrollen und dann w\u00fcrden die anderen M\u00e4nner dort schon warten, seine Freunde, mit denen er diese Idee in die Tat umzusetzen gedachte, den alten Freund endlich wieder aus dem Trott zu holen. Der sich zur\u00fcckgezogen hatte von der Welt, nachdem seine Freundin Schluss gemacht hatte. Jetzt aber war es noch ungef\u00e4hr eine halbe Stunde hin, die er sinnvoll f\u00fcllen w\u00fcrde, denn das Faulenzen ist Herr Nipps Sache nicht, also schnell in den Keller, die fertige W\u00e4sche auf die gespannten Schn\u00fcre h\u00e4ngen, kurz in den winzigen Garten und einige Beikr\u00e4uter zupfen, die ihm \u00e4sthetisch nicht so sehr behagten, so zum Beispiel Lattich und Giersch (dessen junge Bl\u00e4tter immer in seinem Mund verschwanden). Einige abgebl\u00fchte Bl\u00fcten der rosa Kletterrose entfernen, die immer noch nicht geklettert war, dabei sicher auch an die Unerreichbarkeit, die Zukunft denken, f\u00fcr die er die Rose gepflanzt hatte. Eigentlich h\u00e4tte es eine blaue Rose sein sollen, aber die gab es gar nicht. Romantische Spinnerei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Pflaumen pfl\u00fccken, die schon reif waren. Drau\u00dfen traf er einen der Nachbarn, der immer gerne einen kurzen Plausch \u00fcber den Gartenzaun machte, wohl um neuen Tratsch zu erfahren. Schlie\u00dflich l\u00e4sst es sich im Freundeskreis doch herrlich \u00fcber die Nachbarn berichten, die kleinen Missgriffe und Fehler schrotzen. Ein paar Minuten und eine Zigarettenl\u00e4nge sp\u00e4ter hatte er diese K\u00fcr der gezielten Desinformation, der gew\u00e4hlten Wortspitzen absolviert, die Saat der mentalen Wildkr\u00e4uter ausgetragen.\u00a0 Er brachte seine Ernte ein, immerhin fast ein viertel Kilogramm der herrlichen\u00a0 violetten Fr\u00fcchte, die f\u00fcr ihn immer ein kleines s\u00fcndiges Vergn\u00fcgen waren, solange noch frisch gepfl\u00fcckt. Ein Vergn\u00fcgen, das normalerweise gewisse Folgen zeitigte, denn schon kurz nach dem Genuss des herbs\u00fc\u00dfen Steinobstes meldete sich gew\u00f6hnlich der Verdauungsapparat mit einem gewissen dr\u00e4ngenden Gef\u00fchl. Also schnell die reifen Renekloden verputzt und noch schneller eben auf das stille \u00d6rtchen. Zeit war jetzt knapp. Auf der Fensterbank wie immer ein Buch, dieses Mal ein Roman von A.J. Weigoni &#8222;Abgeschlossenes Sammelgebiet&#8220; \u00fcber die Phase kurz vor und kurz nach dem Mauerfall 1989\/90. Herr Nipp hatte das Verh\u00e4ltnis seiner eigenen Textchen zu denen des Herrn Weigoni f\u00fcr mal in folgende W\u00f6rter gefasst: &#8222;Wenn mein Schreiben ein Werfen und ungeschickte Auffangen eines Balles ist, dann jongliert der andere mit sieben F\u00fcnzigkilogewichten gleichzeitig mit Leichtigkeit.&#8220; A.J.Weigoni hatte geschickt gezeilt verletzend gekontert: &#8222;Was du schreibst, hat mit Kunst gar nichts zu tun.&#8220; Replikenaustauscher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/IMG_8089.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-4127\" alt=\"IMG_8089\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/IMG_8089-1024x682.jpg\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/IMG_8089-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/IMG_8089-400x266.jpg 400w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/IMG_8089-148x98.jpg 148w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/IMG_8089-31x20.jpg 31w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/IMG_8089-38x25.jpg 38w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/IMG_8089-322x215.jpg 322w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nun diese Seiten. Komplexe Sprache, bei der ein Satz, ein Wort oder Absatz zwischen Lyrik, Epik und Essay spielt. Immer auf das \u00e4u\u00dferste verdichtet. Die Menschen sprechen hier eine reflexiv verdichtete Kunstsprache, die niemand im Alltag so nur wenige Minuten w\u00fcrde durchhalten k\u00f6nnen. Durchleuchtung der Lebensumst\u00e4nde. Analyse der Lebenszust\u00e4nde. Zerpfl\u00fcckung der Lebensbest\u00e4nde. Herr Nipp konnte sich nicht losrei\u00dfen, musste das kurze Kapitel, ein liebevoll distanziertes Wortgefecht der beiden Protagonisten, wieder und wieder lesen, nur, um endlich zu verstehen, den Sinn zu begreifen, die Nuancen der m\u00f6glichen Verst\u00e4ndlichkeit auszuloten. Kaum einmal hatte er es erlebt, dass jemand solches Gedankenmaterial seine Figuren sich gegenseitig um die Ohren schleudern lie\u00df. Ein Buch, das gelesen werden wollte, auch wenn es viel Zeit kosten w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als es an der T\u00fcr klingelte, \u00e4rgerte er sich schon ein bisschen. Kann man denn nicht einmal in aller Ruhe auf dem Topf sitzen und sich seiner Lekt\u00fcre hingeben? Gibt mir nicht einmal jemand die Zeit, mich in die Gedanken und Denkwelten eines Anderen eintauchen zu lassen? Aus Trotz wollte Herr Nipp nicht aufstehen, las die letzten S\u00e4tze noch einmal. Es klingelte wieder und wieder. Es blieb ihm nichts, als aufzustehen. Zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Freunde standen vor der T\u00fcr, hatten das eigentlich zu besuchende, zu tr\u00f6stende Gewohnheitstier mitgebracht, zwischen sich einige Kisten Bier, einige Flaschen Wein und zwei Video-CDs f\u00fcr den weiteren Abend. &#8222;L\u00e4nger als eine Stunde warten wir nicht. Wenn du nicht zu uns kommst, dann kommen wir zu dir.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, nat\u00fcrlich hatte er die Uhr vor Augen und vor allem immer im Blick gehabt. Er wusste schlie\u00dflich, dass es in manchen Situationen einfach darauf ankommt, zum richtigen Zeitpunkt aufzukreuzen, vor allem, wenn das versprochen wurde. 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