{"id":3462,"date":"2013-11-17T08:59:42","date_gmt":"2013-11-17T07:59:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=3462"},"modified":"2013-11-17T09:57:41","modified_gmt":"2013-11-17T08:57:41","slug":"exkurs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=3462","title":{"rendered":"Exkurse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte s\u00e4mtliche Texte, die zu bearbeiten waren, inzwischen wirklich fertiggestellt, hatte sie auf die Fehler \u00fcberpr\u00fcft, welche man immer wieder \u00fcberliest. (An dieser Stelle schon soll darauf hingewiesen werden, dass die seltsam anmutende Verwendung des Wortes \u201ewirklich\u201c hier im Satz auf die vielen \u201enicht wirklich\u201c \u2013 Verwendungen im Alltag an jegliche und meist v\u00f6llig sinnlose Stelle, ein Teil der Ver\u00e4nderung unserer Sprachstruktur darstellt. Nur weil in den achtziger Jahren die Synchronisation es einfacher erscheinen lie\u00df, bei Dallas und anderen Serien das \u201enot really\u201c mit dieser Neufloskel zu \u00fcbersetzen, anstatt die tats\u00e4chliche \u00dcbersetzung \u201ewirklich nicht\u201c zu verwenden, hat sich dieser tats\u00e4chlich bl\u00f6dsinnige Anglizismus in unsere Sprache eingeschlichen, der seit einiger Zeit sogar in den Feuilletons der Republik verwendet wird. Wer bitte kann mir den Sinn der Wortf\u00fcgung \u201enicht wirklich\u201c erkl\u00e4ren? Soll dies eigentlich eine Abmilderung zum sch\u00f6nen Wort \u201enicht\u201c darstellen oder geht es um die Negierung der Wirklichkeit? Herr Nipp jedenfalls hatte s\u00e4mtliche solcher Wortf\u00fcgungen aus den Texten verbannt, umschrieben oder zu \u201enicht\u201c reduziert.) Der vor Jahren ge\u00e4u\u00dferte Tipp eines Freundes sollte im \u00dcbrigen sehr hilfreich sein. Wenn ein Text in anderer Schrift noch einmal ausgedruckt wird, dann liest man ihn auch anders. Dann entdeckt man auch die letzten Fehler. Besser noch gibt man den Text an eine Orthographiekundige oder einen echten akademischen Linguisten, gemeinsam werden sie alle Unm\u00f6glichkeiten, jeglichen kleinsten Lapsus, all die kleinen stilistischen Unsicherheiten tilgen. Nun war endlich alles fortgeschickt an den Designer, der alles in die richtige Reihenfolge bringen w\u00fcrde. Und irgendwann wird man das Ergebnis in der Hand halten. Ein Heft. Einige Texte waren Berichte \u00fcber Exkursionen, andere berichteten \u00fcber Geschehenes oder wie es ehemaligen Mitarbeitern ergangen war. Diese Art der Selbstvergewisserung in Chroniken ist bei vielen Organisationen recht beliebt. Einige Institute legen dazu ganze Sammlungen mit Pressespiegeln an. Jedes Jahr werden solche Konvolute ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?attachment_id=3465\" rel=\"attachment wp-att-3465\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3465\" title=\"strahlen\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/strahlen-682x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"960\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/strahlen-682x1024.jpg 682w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/strahlen-266x400.jpg 266w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/strahlen-98x148.jpg 98w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/strahlen-20x31.jpg 20w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/strahlen-25x38.jpg 25w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/strahlen-143x215.jpg 143w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/strahlen.jpg 864w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Nipp lehnte sich zufrieden zur\u00fcck, die Arme \u00fcber dem Bauch verschr\u00e4nkt. Betrachtete sein Werk. Er kam sich mal wieder wie ein Beamter vor, der nun die letzten drei Stunden des Arbeitstages selbstzufrieden abwarten k\u00f6nnte. Die Mikadohaltung einnehmend, nicht bewegen. Nein, das war nun wirklich nicht sein Ding. Da im Rechner keine weiteren Aufgaben in Form von Emails vorlagen, stand er auf, ging zur Garderobe, schnappte sich seine oft genutzte, gr\u00fcnliche Wanderjacke, die nat\u00fcrlich das Firmenlogo an der rechten Schulter sitzen hatte, damit auch von hinten zu erkennen war, dass man sich die richtige Marke leisten kann. Auch, wenn man einen Rucksack geschultert hat. Er zog auch die Wanderschuhe an, die er vor einem halben Jahr erworben hatte. Das Besondere an diesen war, dass sie seine Vorliebe f\u00fcr die Farbe Grau widerzuspiegeln vermochten. Immerhin hatte man insgesamt f\u00fcnf Farbt\u00f6ne aus dem diffusen Bereich zu einer fast abenteuerlichen Komposition zusammengebracht. Eine disharmonische Rhythmisierung, die doch nur eine Botschaft zu vermitteln suchte: Ich bin da, um zu wandern. Fertig. Die Schleife der Schn\u00fcrb\u00e4nder wurde von Herrn Nipp grunds\u00e4tzlich nicht gel\u00f6st, das konnte schon mal im Wandern passieren, aber meist halten solche Doppelknotenl\u00f6sungen \u00fcber Monate. So konnte er immer davon ausgehen, dass die Schuhe auch die richtige Schn\u00fcrungsenge haben w\u00fcrden. Nachziehen war bei diesem System kaum einmal notwendig. Man legt das Band \u00fcber die Laschen und los geht es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In die Tasche packte er sich im Vorbeigehen noch einige \u00c4pfel, die immer in Pappkisten im Treppenhaus lagern. Eine Tafel Schokolade mit N\u00fcssen hatte er bereits vorher aus der K\u00fcche geholt. Tiefgefroren. Schokolade muss tiefgefroren gegessen werden, dachte er, dann kann sie \u00fcber die verschiedenen Phasen des Auftauens im Mund ihre s\u00e4mtlichen Geschmacksm\u00f6glichkeiten entfalten. Angefangen vom lustvollen Knacken des ersten St\u00fccks, bis zum herbs\u00fc\u00dfen Schmelz, der die Zunge mal lieblich, mal frech umkost. Anders ist das bei guten Pralinen, die sollten wohl leicht gek\u00fchlt genossen werden, niemals aber gefroren. Welch ein Verbrechen w\u00e4re dies, vor allem dann, wenn durch den Frostzustand die H\u00fclle und der Inhalt in unpassende Aggregatzust\u00e4nde versetzt w\u00fcrden. Da Herr Nipp allerdings \u00e4u\u00dferst selten Pralinen verkostete, schon alleine wegen der enormen Kosten auf diese K\u00f6stlichkeiten verzichtete, war dieses Problem das von reichen Damen der Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So, gut ausger\u00fcstet also macht er sich auf. Nicht dass der Leser nun irritiert ist, es handelt sich bei dieser kleinen Exkursion um eine Wanderung durch die winterlich kalte Novembernacht, der Arbeitstag hatte in Richtung Tageswende gezogen. Der Mond steht leicht angeknabbert am dunstigen Himmel, der erste Frost hat eine wei\u00dfliche Schicht \u00fcber alle Gegenst\u00e4nde gehaucht. In den n\u00e4chsten Tagen wird es Vollmond werden. Die Autos, die B\u00fcrgersteige, sogar die H\u00e4user werfen das Licht der Stra\u00dfenlaternen mild ged\u00e4mpft zur\u00fcck. Alle Schatten scheinen ihm fast milde gestimmt. Diese Stunden kann Herr Nipp genie\u00dfen, schon seit er Sch\u00fcler war, hat er solche Ausfl\u00fcge unternommen, als Kind sogar im Sommer, war er aus dem Fenster im zweiten Stock auf die Garage geklettert, nur um die Nacht genie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Nachts um zwei. Er musste dann, um zur\u00fcck zu kommen, eine kleine Trittleiter benutzen, die normalerweise neben dem Schuppen stand. Am n\u00e4chsten Tag wurde diese dann immer ganz schnell entfernt, damit es keinen in den Nacken gab. Nur einmal war er erwischt worden&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging zun\u00e4chst die Stra\u00dfe hinab, bewunderte wieder einmal die H\u00e4user, die von der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert \u00fcbriggeblieben waren. Gr\u00fcnderzeit. Immer wieder fasste ihn ein Grauen, wenn er daran dachte, was im letzten Weltkrieg, noch viel mehr allerdings in den letzten Jahren alles an historischer Bausubstanz in seiner direkten Umgebung vernichtet worden war. Wirklich sch\u00f6ne H\u00e4user, die dann durch funktionale Blockarchitektur ersetzt wurde, die meist einen billigen oder unharmonischen Abklatsch der Bauhausideale darstellt. Selten einmal, dass ein Bauherr, ein Architekt den Mut hat, etwas Eigenst\u00e4ndiges zu schaffen. Die Moderne ist, in die Jahre gekommen und kurzfristig von der Postmoderne unterbrochen, inzwischen hundert Jahre im Stadtbild pr\u00e4sent und breitet sich monoton aus. Herr Nipp sieht sich nicht als absoluten Bewahrer alles Alten. Das w\u00e4re bl\u00f6dsinnig. Die Gesellschaft braucht die M\u00f6glichkeit der Weiterentwicklung. Aber bei gewissen Dingen stellt er sich schon die Frage nach Sch\u00f6nheit. Nicht jeder Betonkasten ist h\u00e4sslich, aber leider viele. Eine Stadt muss leben, das ist mal klar, problematisch wird es immer dann, wenn Gesch\u00e4ftsleute in unreflektierter Hybris das Gesicht einer Stadt glattschleifen, nicht zulassen, dass es Falten hat. Genau die gleichen Leute, stellt sich Herr Nipp vor, werden wahrscheinlich am n\u00e4chsten Tag beim Privatarzt ihre Falten im Gesicht und am Ges\u00e4\u00df mit Silikon, Botox und anderen Mittelchen aufspritzen lassen. Die Vergangenheit muss wegradiert sein. Niemand stellt sich dem ehrlichen Altern. Ja, auch St\u00e4dte verfallen manchmal einem unverst\u00e4ndlichen Jugendwahn. Letztlich macht es die Mischung, soviel scheint klar. Wer alles Alte erh\u00e4lt, wird letztlich daf\u00fcr sorgen, dass die Stadt ver\u00f6det. Wer alles Alte zerst\u00f6rt, schafft eine gesichtslose Wirtschaftsw\u00fcste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorbei an den neuen Gesch\u00e4ftszeilen sucht er sich seinen Weg in die erhaltene Altstadtzeile, nur wenige H\u00e4user, die sich erhalten haben, aus der Zeit vor den industriellen Gr\u00fcndern, teilweise sogar mehr als hundertf\u00fcnfzig, dreihundert Jahre, das ist selten in dieser Stadt. Zu viele Br\u00e4nde, die von einem Strohdach zum n\u00e4chsten \u00fcbergriffen. Fachwerkh\u00e4user und Fassaden, die im Holzkassettensystem verblendet sind, auch mit Schiefer. Hier findet sich relativ wenig Plastikm\u00fcll auf den B\u00fcrgersteigen, lediglich ein oder zwei br\u00e4unliche Macdonaldt\u00fcten, die standesgem\u00e4\u00df proletisch cool durch das Seitenfenster entsorgt worden waren. Die Kletterrosenbl\u00fcten an einen der H\u00e4user sind von feinen Eiskrisallen \u00fcberzogen. Herr Nipp bleibt stehen und versucht mit der Nase Rosenduft zu erhaschen. Da ist nichts mehr. Der Herbst geht nun wirklich seinem Ende entgegen, die Linden strecken ihre geleerten Zweige in den Himmel, nur noch wenige B\u00e4ume tragen Reste ihrer sommerlichen Laubpracht. Es schaudert ihn, weil der <span style=\"mso-spacerun: yes;\">\u00a0<\/span>dicke, braune, selbstgestrickte Schal, den er vor einem Jahr geschenkt bekam, sich gel\u00f6st hat und die kalte Luft nun tief unter die Jackenh\u00fclle eindringt. Man sollte in der K\u00e4lte nichts machen, das den Status Quo der Verh\u00fcllung ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen hat er die angestrebte Br\u00fccke erreicht, schaut einige Zeit in die gischtigen Fluten, welche unter ihm in scheinbar immer gleichem Spiel ihr Spiel treiben. Das Wasser reflektiert den Mond, scheint ihn hin und her zu stupsen. Dieses Ph\u00e4nomen kann er f\u00fcr einige Zeit beobachten, wie einst in der Kindheit und Jugend die Ver\u00e4nderung im runden Schaufenster einer Waschmaschine, dann aber wird es irgendwann langweilig. Zenbuddhismus ist einfach nicht sein Ding, aber das hatten wir schon oben in Bezug auf die Beamten, die sich wie buddhistische M\u00f6nche verhalten und in ihrem Erleuchtungsstreben wahrscheinlich genauso weit in das Innerste der Welt vordringen. N\u00e4mlich gar nicht. Die Zeit verstreicht. Am Flussweg sieht er einige B\u00fcsche in der Dunkelheit wie Figuren stehen, nicht bedrohlich, sondern eher einladend. Er geht also auch diesen Weg. In der Tasche findet er einen Zettel, Notizen vom letzten Sommer, er liest ihn unter einer der Weglampen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Exkurse \u2013 besitzerwechsel<br \/>\nbis zur aufl\u00f6sung &#8211; elemente<br \/>\nauf welche weise &#8211; wie dem auch sei<br \/>\neindringlingen widerstand leisten &#8211; denken und ausdr\u00fccken<br \/>\nk\u00f6nnen eine rolle spielen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gl\u00fccklicherweise sind die Texte weggeschickt, er hat keine Lust mehr, diese Notizen zu einem weiteren Artikel zu verarbeiten. Nicht wirklich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hatte s\u00e4mtliche Texte, die zu bearbeiten waren, inzwischen wirklich fertiggestellt, hatte sie auf die Fehler \u00fcberpr\u00fcft, welche man immer wieder \u00fcberliest. 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