{"id":2681,"date":"2013-08-04T10:15:36","date_gmt":"2013-08-04T08:15:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=2681"},"modified":"2013-08-04T11:48:29","modified_gmt":"2013-08-04T09:48:29","slug":"zelten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=2681","title":{"rendered":"Zelten"},"content":{"rendered":"<p>Das erste Mal hatte er beschlossen, einen ganzen Urlaub (das hei\u00dft im Ursprung erlaubte arbeitsfreie Zeit) zeltend zu verbringen. Schlie\u00dflich kann man ihn nicht gerade als den gro\u00dfen Naturalmenschen bezeichnen. Das k\u00f6nnen sich andere besser und sie seien an dieser Stelle um ihre grunds\u00e4tzliche Lebenseinstellung herzlich und tief beneidet. Wenn er ein oder zwei Mal im Jahr eher als Freundschaftsdienst mit zeltete, aber auch nur f\u00fcr eine Nacht, dann war das schon etwas Besonderes. Schon allein die Vorstellung anzukommen, es k\u00f6nnte ja regnen oder Schlimmeres und dabei dann das Zelt aufbauen. In zuerst klammen und dann nassen Klamotten, das war ihm immer ein Gr\u00e4uel gewesen, nur allein die Vorstellung daran. Nein, das war nicht sein Ding. Auch wenn er vor vielen Jahren mit seiner damals jungen Liebe eine sch\u00f6ne Zeit im Kleinzelt in der N\u00e4he der Dune de Pilar am Atlantik verbracht hatte. Grillen auf der Glut selbst gesammelter Kiefern- und Pinienzapfen. Einige Tage der Schwerelosigkeit. Wein aus der Region, wahrscheinlich viel zu warm, aber er tat seinen Dienst, Genuss und sicher auch Rausch. Mit n\u00e4chtlichem Gewitter, das eher stimulierend als einsch\u00fcchternd gewirkt hatte. Jetzt aber ohne eine Liebe?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?attachment_id=2685\" rel=\"attachment wp-att-2685\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-2685\" title=\"Zeltaufbau f\u00fcr Anf\u00e4nger\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Zeltaufbau-f\u00fcr-Anf\u00e4nger1-1024x494.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"308\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Zeltaufbau-f\u00fcr-Anf\u00e4nger1-1024x494.jpg 1024w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Zeltaufbau-f\u00fcr-Anf\u00e4nger1-400x193.jpg 400w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Zeltaufbau-f\u00fcr-Anf\u00e4nger1-148x71.jpg 148w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Zeltaufbau-f\u00fcr-Anf\u00e4nger1-31x14.jpg 31w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Zeltaufbau-f\u00fcr-Anf\u00e4nger1-38x18.jpg 38w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Zeltaufbau-f\u00fcr-Anf\u00e4nger1-425x205.jpg 425w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In seiner Jugend war es noch etwas ganz anderes gewesen. Da hatte man in Nachbars gro\u00dfem Obstgarten, der nat\u00fcrlich inzwischen einem Haus gewichen war, die Planen aufgeschlagen, mit den Nachbarskindern ein Abenteuer. Taschenlampen mit alten Batterien, die irgendwann den Geist aufgaben. Beliebtes Spiel: Zelte flach legen, das war bei der damaligen Konstruktion noch einfach m\u00f6glich. Die n\u00e4chtlichen Ger\u00e4usche, das Rascheln eines Igels auf der Suche nach Schnecken, Fr\u00fcchten und Getier. Sein Grunzen, das klang wie ein Wildschwein. Das Rauschen der Bl\u00e4tter der Apfelb\u00e4ume. Dann und wann fiel auch mal eine dieser S\u00fcndenfr\u00fcchte zu Boden (wobei die \u00d6sterreicher ja glauben, dass Tomaten die eigentliche Paradiesfrucht ist und sie deshalb auch Paradeiser nennen).<\/p>\n<p>Herr Nipp konnte sich erinnern, als sei das alles gar nicht so weit entfernt. Als h\u00e4tte er es noch vor ein paar Monaten erlebt. Manche Erinnerungen stehen einem als feste Bilder und ganze Spielfilme vor Augen. Er hatte schon oft dar\u00fcber nachgedacht, ob der Mensch nicht eigentlich ein Erinnerungswesen ist, das gerade aus dieser Position heraus Mensch wird. Die Erinnerung grenzt ihn von anderen Wesen ab. Gibt es auch Tiere und Pflanzen, die im Tag- und Nachttraum wieder und wieder ihre eigene Geschichte durchlebten und verdauen? Und sowieso, das Gehirn funktionierte ihm immer wie das l\u00e4ngliche Verdauungsorgan am anderen Ende des Rumpfes, es arbeitet eigenst\u00e4ndig und wird eben nicht immer gesteuert. Wie neidisch war er damals immer auf die beiden blondsch\u00f6pfigen Freunde gewesen, die ihm stetig von den M\u00e4dchen umschw\u00e4rmt schienen, w\u00e4hrend er sich als Mauerbl\u00fcmchen f\u00fcr das andere Geschlecht f\u00fchlte. Wie verliebt er damals gewesen war, f\u00fcr ihn v\u00f6llig unerreichbar. Das hatten sie ihm alle gezeigt. Erst k\u00fcrzlich hatte er sie wieder gesehen, eine erwachsene Frau, reizlos. Er hatte sich von einem Moment zum n\u00e4chsten nicht mehr vorstellen k\u00f6nnen, was passiert war, hatte das erhaltene Bild des M\u00e4dchens nicht in Verbindung bringen k\u00f6nnen mit dem existenten Gesch\u00f6pf ihm gegen\u00fcber. Menschen ver\u00e4ndern sich und die rosarote Brille der Verliebtheit schw\u00e4cht so manche Schw\u00e4che ab. Aber wahrscheinlich h\u00e4tte er sich damals auch zum v\u00f6lligen Trottel gemacht, nur um in ihrer N\u00e4he sein zu k\u00f6nnen. Wahrscheinlich ging es auch heute noch so. Die Menschen ver\u00e4ndern sich nicht. In manchen Punkten. Aber letztlich hatte er sich nicht weiter abgem\u00fcht, bemerkt, dass\u00a0 die \u00c4u\u00dferlichkeiten mehr z\u00e4hlten, als das was ihn interessierte. Jene innere Sch\u00f6nheit, jene Gedanken, die zu tauschen waren. Das Einverst\u00e4ndnis im Sehen und Erleben. Eine N\u00e4he, die so tief ber\u00fchrt, als w\u00e4re sie symbiotisch. Eigentlich sollte man sich weniger schwerwiegende Gedanken \u00fcber das Fr\u00fcher machen, die verpassten oder vergebenen Chancen sowieso. Man stelle sich vor, es h\u00e4tte damals geklappt, er w\u00e4re mit dem M\u00e4dchen zusammen gekommen &#8211; schon allein der Gedanke, heute mit dieser Frau, die mit jedem Wort eine tiefe und unertr\u00e4gliche Langeweile ausstr\u00f6mte, deren innere Sch\u00f6nheit er nicht finden konnte, auch wenn sie sich oberfl\u00e4chlich gesehen k\u00f6rperlich sicher gut gehalten hatte, zusammen zu leben, war ihm ein Graus. Wahrscheinlich w\u00e4ren dann drei Kinder und ein Hund die Folge gewesen, ein eigenes Heim nach Baukastensystem. Und Urlaube auf Mallorca im Hotel mit All-inclusive.<\/p>\n<p>Nein, er h\u00e4tte sicher einen gro\u00dfen Fehler gemacht, dann lieber eine fehlerhafte Partnerin, die sich f\u00fcr nichts richtig entscheiden kann und wenn dann doch, so absolut und heftig, dass es schmerzt. Die pers\u00f6nlichen M\u00e4ngel sollten nicht gef\u00fcllt werden m\u00fcssen mit Kleidung, vorzeigbarem Haus, schnittigem Auto und dem dicken Inselurlaub. Strandresort mit Programm. Irgendwann vielleicht auch noch mal ein Abstecher nach Island, auch dort lie\u00df es sich sicherlich komfortabel \u00fcbernachten. Mit diesem letzten Gedanken schlief er auf seiner aufblasbaren Matratze in den Schlafsack gemummelt ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das erste Mal hatte er beschlossen, einen ganzen Urlaub (das hei\u00dft im Ursprung erlaubte arbeitsfreie Zeit) zeltend zu verbringen. Schlie\u00dflich kann man ihn nicht gerade als den gro\u00dfen Naturalmenschen bezeichnen. 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